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Seit fast 40 Jahren fotografiert Detlev Schilke Jazzmusiker bei der Arbeit / Einige dieser Bilder stellt er zurzeit in Kienitz aus

Entrückte Instrumentalisten

Don Cherry mit Taschentrompete: Detlev Schilke hat die Aufnahme 1994 im Berliner Jazzklub Quasimodo gemacht.
Don Cherry mit Taschentrompete: Detlev Schilke hat die Aufnahme 1994 im Berliner Jazzklub Quasimodo gemacht. © Foto: Detlev Schilke
Uwe Stiehler / 28.10.2017, 10:43 Uhr
Kienitz (MOZ) Wenn Michel Petrucciani am Flügel saß, baumelten seine Beine in der Luft wie bei einem Kind. Er brauchte Klaviere mit einer umgebauten Mechanik, damit er mit den Füßen die Pedale erreichen konnte. Und wenn er spielte, rollte sein großer Kopf in den Nacken, und sein Blick schraubte sich weit über seinem Instrument ins Leere, während seine kräftigen Finger auf den Tasten tanzten. Er hat nie zugesehen, was sie da machen. Er hatte es im Gefühl. Die Musik floss aus ihm heraus als brausender Strom. Vor 18 Jahren ist dieser kleinwüchsige, an der Glasknochenkrankheit leidene Jazzpianist gestorben - und fasziniert noch immer. Seine alten Konzertmitschnitte werden im Internet millionenfach geklickt.

Als Petrucciani Ende Oktober 1995 im Berliner Kammermusiksaal auftrat, hat Detlev Schilke ihn am Flügel fotografiert: den Kopf wieder zurückgelegt, der leicht entrückte Blick hinter der große Brille. Und seine Hände hält der Musiker wie Flügel, als würde er gleich davonflattern wollen.

Seit fast 40 Jahren fotografiert Schilke Jazzmusiker. 1979 hat er bei den Peitzer Jazztagen damit angefangen, danach auf Konzerten in Berlin, Warschau, Dessau, Leipzig und in Neuhardenberg Aufnahmen gemacht. So ist eine große Sammlung entstanden, die er auszugsweise immer wieder präsentiert. Zurzeit zeigt er einige seiner Jazzfotos in der Kienitzer Hafenmühle.

Wenn man sich dort seine Schwarz-Weiß-Bilder ansieht, versteht man, warum ihn gerade Jazzmusiker faszinieren. Es liegt an der Art, wie sie auf der Bühne arbeiten. Sie spielen meist frei ohne Noten und nehmen sich viel Raum für improvisierte Soli. Der Jazz lebt von dieser Art des Musizierens. Und auf diesen Moment, in denen sich die Musiker von ihrem Spiel und ihrer Intuition davontragen lassen, wartet Schilke. So sagen es seine Fotos, die in Kienitz hängen.

Dort sieht man Don Byrons Gesicht im Halbprofil, das Mundstück, den S-Bogen seiner Bassklarinette. Mehr nicht. Die Augen, die Falten auf der Stirn - der Blick ist hoch konzentriert und verträumt zugleich.

Noch intensiver ist das Zwiegespräch, das Peter Kowald mit seinem Kontrabass führt. Er legt den Kopf an dieses Instrument und den Arm um dessen Korpus, als würde er sich an eine Liebste schmiegen. So tief wie er in seine Musik versunken und so pittoresk wie er von expressionistischen Schatten umlagert ist, wirkt er selbst wie ein Kunstwerk und nicht mehr wirklich von dieser Welt. Ähnlich entrückt hat Schilke die Sängerin Lizz Wright fotografiert und den Saxofonisten Joe Lovano.

Und manchmal gelingt es ihm, optisch festzuhalten, wie die Musiker mit ihren Instrumenten eins werden. So wie bei dem Porträt des Trompeters Woody Shaw, aufgenommen vor 30 Jahren bei den Leipziger Jazztagen. Für dieses Bild bekam er den Ersten Preis des Warschauer Jazzfoto-Wettbewerbes.

Bis 31.12., Sa/So 12-18 Uhr, Café und Galerie Hafenmühle, Deichweg 7, Kienitz, Telefon 0333478 387775

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