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Ein Polizist schildert vor Gericht den Einsatz am 28. Februar / Der Beamte ist seitdem traumatisiert

Jagd auf Jan G.

Ist er sich selbst nicht geheuer? Der des dreifachen Mordes angeklagte Jan G. wird am Landgericht Frankfurt?stets in Handschellen und Fußfesseln vorgeführt. Am Montag verzichtete er überraschend darauf, dass ihm während der Verhandlung zumindest die Hands
Ist er sich selbst nicht geheuer? Der des dreifachen Mordes angeklagte Jan G. wird am Landgericht Frankfurt?stets in Handschellen und Fußfesseln vorgeführt. Am Montag verzichtete er überraschend darauf, dass ihm während der Verhandlung zumindest die Hands © Foto: dpa/Bernd Settnik
Mathias Hausding / 13.11.2017, 18:34 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Die schrecklichen Bluttaten von Müllrose und Oegeln haben bei vielen Menschen tiefe Spuren hinterlassen. Am Montag schilderte vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) ein Polizist auf bewegende Art seinen Einsatz an jenem 28. Februar.

Ohne Umschweife berichtet der Polizeioberkommissar Kapitel für Kapitel von der Jagd auf Jan G. Dem 50-Jährigen ist anzumerken, dass das, was er jetzt als Zeuge im Gerichtssaal erzählt, in den vergangenen Monaten x-mal als Film in seinem Kopf abgelaufen ist. Wieder und wieder. Er wird die Bilder nicht los, ist in therapeutischer Behandlung. Manche Nachfrage des Gerichts kann er nicht beantworten. Er sagt das dann gleich so, ohne nochmal zu überlegen. Denn leider ist ihm alles nur all zu gegenwärtig. Und was er nicht weiß, ist eben auch wirklich weg.

Als er sich an jenem Vormittag mit einer Kollegin in den Streifenwagen setzt, ist ihr Auftrag bereits klar: "Ein flüchtiger Täter soll sich eventuell bei uns in Beeskow aufhalten." Die Polizisten achten also auf die Autos im Ort, fahren größere Parkplätze ab, ob der fragliche Wagen dort möglicherweise schon abgestellt wurde. "Das machen wir aus Erfahrung so", sagt der Zeuge. Die Suche führt sie zum Beeskower Krankenhaus.

Dort sehen sie den gestohlenen Wagen von Marianne G., am Steuer ihr Enkel Jan G. "Er grinst mich an und gibt Gas", erinnert sich der Polizist. Mit Blaulicht und Sirene nehmen sie die Verfolgung auf. "Er fährt immer schneller, ohne Rücksicht auf Verluste. Es ist ein Wunder, dass es zu keinem schweren Unfall kommt." Der Beamte scheint mit sich zu hadern, wenn er erzählt, dass der Abstand immer größer wird, er mit seinem Passat den Honda-Kleinwagen nicht einholen kann. "Aber ich muss doch auf den Verkehr achten."

Am Ortsausgang Beeskow Richtung Oegeln verliert er ihn aus den Augen. Das nächste, was er sieht, ist eine Staubwolke, und dann der Wagen von Jan G. auf einem Acker. "Ich richte meinen Blick nur auf das Auto, steige aus um hinzugehen. Da liegt auf einmal eine Leiche vor mir, der der Kopf fehlt."

Der Zeuge bricht in Tränen aus, kann nicht weitererzählen. Völlig erstarrt, bewegungsunfähig sei er gewesen, setzt er dann fort. "Zwei Meter weiter sehe ich den Kopf der Leiche." Schließlich hört er jemand rufen: "Da rennt einer weg!" Der Beamte ist wieder hellwach, sprintet dem Polizistenmörder hinterher.

In einem nahen Garten klettert Jan G. über einen Zaun und liefert sich mit seinem Verfolger ein Katz-und-Maus-Spiel. "Irgendwann taucht er in meinem Rücken auf, zeigt mir kichernd den Stinkefinger und rennt davon." Jan G. kapert ein weiteres Auto, der Polizist erwischt ihn noch, trommelt mit seinem Schlagstock auf den Wagen und kann den 25-Jährigen doch nicht stoppen. Erst ein paar Kilometer weiter ist die Flucht dann vorbei.

Wie präsentiert sich nun der Angeklagte, der vielen Menschen viel Leid beschert hat, vor Gericht? "Lebt mal so wie ich!", wirft er am Montag den Richterinnen und dem Staatsanwalt an den Kopf, die seine Motive für die Taten ergründen wollen. Wenig später heißt es ausweichend: "Ich war im Tunnel. Ich weiß nicht, was mich bewegt hat." Dann philosophiert er, dass sein Leben ohnehin vorbei sei und er sich das Recht auf Todesstrafe wünsche.

Kurzum, Jan G. vermeidet ein Geständnis im Sinne der Anklage. Ist es die fehlende Erinnerung oder die geschickte Verteidigungsstrategie eines hoch intelligenten Angeklagten? Die Oma will er "aus Mitleid" erstochen haben, an die Tötung der Polizisten sich partout nicht erinnern. Hier könnten ihm jedoch frühere Aussagen zum Verhängnis werden, von denen er sich jetzt distanziert. "Das Auto ist eine Waffe, die ich nicht hätte einsetzen dürfen", hat er mal gesagt. Oder über die getöteten Polizisten: "Sie hatten keine Chance."

Am 20. November wird der Prozess fortgesetzt.

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