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Eberswalde will die Zahl erhöhen / Baudezernat bittet Fraktionen um Vorschläge

Stadt will mehr Frauennamen für Straßen

Sven Klamann / 14.11.2017, 20:55 Uhr
Eberswalde (MOZ) Von den 381 in Eberswalde vergebenen Straßennamen sind 123 Personen gewidmet. Nur acht Frauen wurde die Ehre zuteil, auf diese Weise verewigt zu werden. Es gibt eine Initiative aus dem Baudezernat, dem Missverhältnis zu begegnen: Zukünftig soll das weibliche Geschlecht bevorzugt werden.

Was haben Anne Frank (1929 bis 1945), Rosa Luxemburg (1871 bis 1919), Jenny Marx (1814 bis 1881), Marie Curie (1867 bis 1934), Käthe Kollwitz (1867 bis 1945), Helene Lange (1848 bis 1930), Clara Zetkin (1857 bis 1933) und Käthe Niederkirchner (1909 bis 1944) außer ihrem hochverdienten Platz im Geschichtsbuch gemeinsam? "Sie stehen als Straßennamen in der Barnimer Kreisstadt einer Dominanz der Männer gegenüber und waren doch nie in unserer Region tätig", sagt Eberswaldes Baudezernentin Anne Fellner, die den Vorstoß aus ihrem Haus, fortan Straßen nach Frauen zu benennen, so wichtig findet, dass sie ihn selbst im Ausschuss für Bau, Planung und Umwelt präsentiert hat. Alle sieben Fraktionen im Eberswalder Stadtparlament werden gebeten, bis zum Februar 2018 eine Stellungnahme abzugeben, gegebenenfalls eigene Namensvorschläge zu unterbreiten und für die von der Verwaltung angeregten Namen eine Reihenfolge festzulegen.

"Was unsere Ideen betrifft, haben wir uns mit dem Kulturamt abgestimmt und die Auswahl aufgrund der umfassend recherchierten und ungemein erfolgreichen Sonderausstellung ,Anmut sparet nicht noch Mühe' getroffen, in der von Dezember 2010 bis März 2011 im Museum die Lebenswege von 50 Eberswalder Frauen aufgezeigt wurden", erklärt Anne Fellner.

Auf die als vorläufig bezeichnete Liste aus dem Baudezernat haben es zehn Frauen geschafft, die alle in enger Beziehung zu Eberswalde stehen, weil sie hier geboren wurden und/oder hier gelebt und gewirkt haben.

Vorgeschlagen wurde Carolin Wilhelmine Auguste Ebart, geborene Schlesicke, (1788 bis nach 1844), die ab 1822 mit Umsicht und Energie die Papierfabrik Spechthausen geleitet hat. Der Papierfabrikantin sind die erfolgreichsten Jahre des Werks zu verdanken, das 1828 vom "Verein für Gewerbefleiß" in Preußen die "Goldene Gedenkmünze" verliehen bekam.

Erste Wahl wäre überdies Thekla Skorra (1866 bis 1943), geborene Gottliebson, die in Eberswalde geboren wurde, als Jüdin dem Allgemeinen Deutschen Schriftstellerverband angehörte und vielbesprochene Gedichtbände veröffentlichte. 1904 erschien "Wovon mein Herz sich freigesungen", 1905 "Drei Briefe einer Mutter". Sie starb im Konzentrationslager Theresienstadt - vermutlich an Entkräftung.

Vorstellbar wäre auch eine Straße, die nach Marie-Luise Becker (1877 bis 1960) benannt ist.Die gebürtige Eberswalderin hat Erzählungen und Romane verfasst, die viele heimatliche Bezüge aufweisen, so den Roman "Kanalkinder", der 1905 veröffentlicht wurde und 1929 seine 80. Auflage erreichte.

Oder wie wäre es mit Anna Neumann (1893 bis 1960), geborene Pietz? Die als "Rote Anna" bekannte Politikerin, die 1933 zuletzt als Kommunistin auf der Kandidatenliste für die Stadtverordnetenversammlung stand, gehörte als einzige Frau der im roten Finowtal im Untergrund aktiven Widerstandsgruppe um Fritz Pehlmann und Hans Ammon an. Sie überlebte das Konzentrationslager Ravensbrück.

Auch Hanna Schulze (1894 bis 1912), die ab 1926 an der Charité Medizin studierte und sich später an der Eisenbahnstraße 95/96 als Frauenärztin niederließ, steht auf der Vorschlagsliste. Ebenso Susanne Löwenstein (1903 bis nach 1993), die in Eberswalde zur Welt kam und 1939 nach New York emigrierte und unter dem Künstlernamen Suzanne Sten als Opernsängerin eine Weltkarriere startete. Gleichfalls Erna Bürger (1909 bis 1958), die 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin Mannschaftsgold für Deutschland holte, die Schlagersängerin Bärbel Wachholz (1938 bis 1984), die Eberswalder Fotografin Ursula Mächler (1925 bis 2015) und die Kinderärztin und Stadtverordnete Dr. Christel Brauns (1941 bis 2014), die maßgeblich die Hospizarbeit in Eberswalde mit aufgebaut hat.

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Ilona Pischel 15.11.2017 - 12:41:08

Umsetzungsdefizit bei Gleichberechtigung durch weibliche Straßennamen abbauen?

Frauenquote erfüllen bei Straßennamen – welch unsinniger, aufgezwungener und realitätsferner Vorschlag der Eberswalder Stadtverwaltung zur unpassenden Zeit! (Nebenbei gesagt haben Stadtverordnete 1990 festgestellt, dass sie nie wieder Straßen und Plätze mit politisch interpretierbaren Namen versehen wollen und in einer groß angelegten Kampagne seit 1990 Umbenennungen vorgenommen – z.B. Ernst-Thälmann-Straße zu Heegermühler Straße, Max-Reimann-Viertel zu Brandenburgisches Viertel, Georg-Bogedein-Platz zu Luisenplatz. Selbst der Platz der Freundschaft heißt nun unpolitisch Marktplatz, wenngleich auch das zu hinterfragen wäre. Kritiklos hat man zugelassen, dass der weltanerkannte VEB Kranbau als unliebsame Konkurrenz minimiert und in Ardelt-Werke umbenannt wurde – Ardelt-Werke, die an Kriegsproduktion beteiligt waren!) Spricht beim Verlangen nach „neuen“ Straßennamen die Verwaltung, die noch in der Diskussion um Dr. Werner Forßmann auf eigene Bewertung verzichtete und feststellte, dass, wenn der „politische Raum“ Würdigungen wünscht, er doch selbst aktiv werden müsse? (MOZ 10.08.2017) Braucht also besagter „Raum“ (was immer das auch sein mag) nun eine politische Vordenkerin? Warum zum jetzigen Zeitpunkt ein solcher Sinneswandel? Ist vielleicht „das Mäntelchen“ des Mehr an Straßennamen von Frauen ein politisches Verklären und Ablenken von realen sozialen Missständen in der Stadt, wie z.B. zu wenig Geld und zu wenig Plätze für das Frauenhaus, zu viele weibliche Arbeitslose, zu wenig Frauen in Eberswalder Führungspositionen, zu wenig Kitaplätze, keine kostenlose Kita- und Ganztagsbetreuung, ca. 23% geringere Entlohnung gegenüber Männern usw. usw. Wo bleibt die Umsetzung des vielgepriesenen Arguments einiger Volksvertreter aus den jüngsten Diskussionen um die Ehrenbürgerschaft des Nobelpreisträgers Dr. Werner Forßmann, die sich vehement gegen eine posthume Würdigung von Personen aussprachen? Der kunterbunten Vorschlagsgalerie werde ich als Stadtverordnete auf jeden Fall eine Absage erteilen. Wenn die MOZ acht Fotos von Frauen veröffentlichen muss, die bereits Namensgeberinnen von Straßen in Eberswalde sind, zweifle ich an deren Bekanntheitsgrad in der Bevölkerung und rege zunächst einmal die Beschäftigung mit diesen Personen und ihrer Würdigung an, denn vielleicht gibt es bei den nun vorgeschlagenen Personen eventuell sogar noch biografisch hinterfragbare und diskutierenswerte Lebensabschnitte, die nicht alle tolerieren können. Letztendlich sei angemerkt, dass es in der heute so schnelllebigen Zeit sowieso voreilig ist, die Priorität auf die Quantität der Frauennamen zur Straßenbezeichnung zu richten. Warten wir doch Beschlüsse zu einem „dritten Geschlecht“, zur Würdigung von Geflüchteten, von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, zur Stärkung der Kinderrechte u.ä. ab. Dann sind wir neu gefordert, denn auch Vertreter dieser Gruppen haben ein Recht auf Würdigung. Versäumt haben wir die Würdigung– folge ich den neuen Ambitionen der Verwaltung -bei der Namensverleihung zum Lutherplatz Luthers Frau Katharina von Bora, die starke Frau und Managerin an seiner Seite. (Vielleicht sollte man neben der Luther-Eiche wegen der Quote noch eine Katharina von Bora-Eiche pflanzen!) Dr. Ilona Pischel

Ilona Pischel 15.11.2017 - 12:36:58

Umsetzungsdefizit bei Gleichberechtigung durch weibliche Straßennamen abbauen?

Frauenquote erfüllen bei Straßennamen – welch unsinniger, aufgezwungener und realitätsferner Vorschlag der Eberswalder Stadtverwaltung zur unpassenden Zeit! (Nebenbei gesagt haben Stadtverordnete 1990 festgestellt, dass sie nie wieder Straßen und Plätze mit politisch interpretierbaren Namen versehen wollen und in einer groß angelegten Kampagne seit 1990 Umbenennungen vorgenommen – z.B. Ernst-Thälmann-Straße zu Heegermühler Straße, Max-Reimann-Viertel zu Brandenburgisches Viertel, Georg-Bogedein-Platz zu Luisenplatz. Selbst der Platz der Freundschaft heißt nun unpolitisch Marktplatz, wenngleich auch das zu hinterfragen wäre. Kritiklos hat man zugelassen, dass der weltanerkannte VEB Kranbau als unliebsame Konkurrenz minimiert und in Ardelt-Werke umbenannt wurde – Ardelt-Werke, die an Kriegsproduktion beteiligt waren!) Spricht beim Verlangen nach „neuen“ Straßennamen die Verwaltung, die noch in der Diskussion um Dr. Werner Forßmann auf eigene Bewertung verzichtete und feststellte, dass, wenn der „politische Raum“ Würdigungen wünscht, er doch selbst aktiv werden müsse? (MOZ 10.08.2017) Braucht also besagter „Raum“ (was immer das auch sein mag) nun eine politische Vordenkerin? Warum zum jetzigen Zeitpunkt ein solcher Sinneswandel? Ist vielleicht „das Mäntelchen“ des Mehr an Straßennamen von Frauen ein politisches Verklären und Ablenken von realen sozialen Missständen in der Stadt, wie z.B. zu wenig Geld und zu wenig Plätze für das Frauenhaus, zu viele weibliche Arbeitslose, zu wenig Frauen in Eberswalder Führungspositionen, zu wenig Kitaplätze, keine kostenlose Kita- und Ganztagsbetreuung, ca. 23% geringere Entlohnung gegenüber Männern usw. usw. Wo bleibt die Umsetzung des vielgepriesenen Arguments einiger Volksvertreter aus den jüngsten Diskussionen um die Ehrenbürgerschaft des Nobelpreisträgers Dr. Werner Forßmann, die sich vehement gegen eine posthume Würdigung von Personen aussprachen? Der kunterbunten Vorschlagsgalerie werde ich als Stadtverordnete auf jeden Fall eine Absage erteilen. Wenn die MOZ acht Fotos von Frauen veröffentlichen muss, die bereits Namensgeberinnen von Straßen in Eberswalde sind, zweifle ich an deren Bekanntheitsgrad in der Bevölkerung und rege zunächst einmal die Beschäftigung mit diesen Personen und ihrer Würdigung an, denn vielleicht gibt es bei den nun vorgeschlagenen Personen eventuell sogar noch biografisch hinterfragbare und diskutierenswerte Lebensabschnitte, die nicht alle tolerieren können. Letztendlich sei angemerkt, dass es in der heute so schnelllebigen Zeit sowieso voreilig ist, die Priorität auf die Quantität der Frauennamen zur Straßenbezeichnung zu richten. Warten wir doch Beschlüsse zu einem „dritten Geschlecht“, zur Würdigung von Geflüchteten, von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, zur Stärkung der Kinderrechte u.ä. ab. Dann sind wir neu gefordert, denn auch Vertreter dieser Gruppen haben ein Recht auf Würdigung. Versäumt haben wir die Würdigung– folge ich den neuen Ambitionen der Verwaltung -bei der Namensverleihung zum Lutherplatz Luthers Frau Katharina von Bora, die starke Frau und Managerin an seiner Seite. (Vielleicht sollte man neben der Luther-Eiche wegen der Quote noch eine Katharina von Bora-Eiche pflanzen!) Dr. Ilona Pischel

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