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Graben in der Vergangenheit des Krieges

Der Umbetter vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Joachim Kozlowski, holt sterbliche Überreste eines sowjetischen Soldaten aus der Erde nur wenige Meter neben der Bundesstraße 1 nahe Seelow.
Der Umbetter vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Joachim Kozlowski, holt sterbliche Überreste eines sowjetischen Soldaten aus der Erde nur wenige Meter neben der Bundesstraße 1 nahe Seelow. © Foto: dpa
15.11.2017, 07:24 Uhr
Lietzen (dpa) Der einzige Umbetter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Deutschland birgt jährlich Hunderte Weltkriegstote vor allem aus märkischem Boden. Den Toten ein würdiges Grab und Angehörigen Gewissheit zu geben, treibt ihn an.

Auf dem großen Tisch in der kleinen Halle neben dem Soldatenfriedhof Lietzen (Märkisch-Oderland) liegt ein Häufchen Dreck. Erst bei näherer Betrachtung werden vergilbte Papierschnipsel zwischen Erdklümpchen sichtbar. Joachim Kozlowski hat sie bei einem Toten gefunden, dessen sterbliche Überreste er von einem Feld geborgen hat. "Der Mann war im Frühjahr 1945 hingerichtet worden, den Zettel muss ich noch zusammen puzzeln", erzählt der 45-Jährige fast beiläufig.

Denn die Überbleibsel der historischen Kriegsereignisse beschäftigen ihn tagtäglich. Kozlowski gräbt beruflich in der Vergangenheit, ist Umbetter beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der einzige auf dem Territorium Deutschlands. Seine Aufgabe ist es, die verstreut in früheren Schützengräben oder in einst notdürftig angelegten Massengräbern liegenden Gebeine zumeist deutscher oder russischer Soldaten zu bergen, damit sie in Kriegsgräberstätten eine würdige letzte Ruhe bekommen. Der Soldatenfriedhof Lietzen liegt für den früheren Rettungsassistenten, der im Nachbarort Friedersdorf lebt, sozusagen vor der Haustür. Ebenso wie das einstige Schlachtfeld rings um die Seelower Höhen, wo im Frühjahr 1945 die schwersten Kämpfe auf deutschem Boden ausgetragen wurden.

Als Sanitäter bei der Bundeswehr hatte der zweifache Vater 1993 erstmals Kontakt zum Volksbund. Seitdem habe ihn die Geschichte nicht mehr losgelassen. Der im ehemaligen Ostpreußen Geborene arbeitete zunächst ehrenamtlich, oftmals zusammen mit dem damaligen Umbetter Erwin Kowalke, dessen Nachfolger er schließlich vor sieben Jahren wurde. "Bewerbungen hatten wir viele", erinnert sich Oliver Breithaupt, Geschäftsführer des Landesverbandes Brandenburg beim Volksbund, der den neuen Umbetter auswählte. "Kozlowski nähert sich den Toten mit Respekt. Das unterscheidet ihn von vielen anderen, die da nur ein paar Knochen sehen", sagt Breithaupt, der an seinem Mitarbeiter dessen Ruhe, Sachlichkeit und Kompetenz schätzt.

Denn das Bergen der Toten, das Erfassen der historischen Grabanlagen und das Festhalten der Auffindesituation ist nur eine Aufgabe. Danach beginnt das zeitaufwendige Recherchieren, Untersuchen, Dokumentieren. Seine Erkenntnisse und auch Funde wie Erkennungsmarken und persönliche Gegenstände, beispielsweise Ehering oder Uhr mit Gravur meldet er der Deutschen Dienststelle, der früheren Wehrmachtsauskunftsstelle, die der Familie des Toten dann mitteilt, was mit dem seit Jahrzehnten Gesuchten passiert ist. "Die Toten zu ehren, ist mir wichtig. Ich will aber auch den Angehörigen zeigen, dass der Volksbund sich 73 Jahre nach Kriegsende noch um die Gefallenen und ihre Schicksale kümmert", erklärt Kozlowski. Genau diese Schicksalsklärung schätze er besonders an der Arbeit des Volksbundes, erzählt der Strausberger Militärhistoriker Ulrich Herrmann, früherer Leiter der Gedenkstätte auf den Seelower Höhen.

Komplizierter sei die Recherche bei Toten der einstigen Roten Armee, führt Kozlowski aus. "Auch bei den Russen gab es Erkennungsröllchen mit den wichtigsten persönlichen Angaben. Bei den Toten rund um die Seelower Höhen habe ich so etwas allerdings nur selten gefunden", erzählt der Umbetter, der in diesem Jahr bereits etwa 500 Kriegstote geborgen und noch "etliche Feldgräber" vor sich hat. Anhaltspunkte für die Identität des Gefallenen gäben auch bei den gefallenen Sowjetsoldaten entdeckte Orden, die eingestanzte Nummern hätten. Diese Erkenntnisse leitet der 45-Jährige an die russische Botschaft weiter.

Manchmal wird er auch von der Polizei konsultiert. So war vor Jahren im Landkreis Dahme-Spreewald ein skelettierter Toter entdeckt worden. Der hinzu gerufene Umbetter fand eine Metallplatte im Wadenbein des Unbekannten. "Solche medizinischen Teile waren erst ab 1962 verwendet worden. Das war also definitiv kein Kriegstoter", erzählt der Friedersdorfer, nach dessen Angaben jener Fall bis heute ungeklärt ist. "Kozlowski ist kompetent, sachkundig und vor allem auch auskunftsbereit", lobt Herrmann, dessen Angaben nach der Umbetter in Schulen über seine Arbeit berichtet und Vorträge in der Öffentlichkeit hält. Der Brandenburger Volksbund-Chef Breithaupt denkt darüber nach, Kozlowski mittelfristig zum Ausbilder für das Umbettungswesen zu machen.

"Sich der Vergangenheit auf diese Weise zu nähern, ist eine besondere Arbeit mit hohen moralischen Ansprüchen", macht er deutlich. Schon jetzt ist Kozlowski nicht nur deutschlandweit, sondern auch im osteuropäischen Ausland unterwegs, wo noch weitaus mehr Kriegstote liegen und insgesamt zwölf Umbetter des Volksbundes tätig sind. Gerade ist er in Tschechien unterwegs, um nahe Prag für den Volksbund tätige Ehrenamtler einzuarbeiten. Insgesamt 1,3 Millionen Tote aus den beiden Weltkriegen werden europaweit noch vermisst.

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