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Christiane Rösinger zieht im Biesenthaler Kulturbahnhof ihre Bilanz zur Integration

Klappt schon irgendwie...

Den Widrigkeiten trotzend:Christiane Rösinger macht in ihrem neuen Buch Mut zur Lücke.
Den Widrigkeiten trotzend:Christiane Rösinger macht in ihrem neuen Buch Mut zur Lücke. © Foto: Klaus Kleinmann
Klaus Kleinmann / 21.11.2017, 06:11 Uhr
Biesenthal (MOZ) Von ihren Erfahrungen als Lehrkörper schreibt Christiane Rösinger haarsträubend, aber vergnüglich in ihrem neuen Buch "Zukunft machen wir später". Kostproben daraus gab sie am Sonntag bei ihrer Lesung im Biesenthaler Kulturbahnhof.

Christiane Rösinger "vereinigt die Eigenschaften der Boheme mit denen der Bourgeoisie" - so formuliert ein Zeitgenosse treffend. Abgehärtet in den Stahlbädern der Kreuzberger Subkultur, der Elterninitiativ-Kinderläden, der Rockmusik, des Kneipenmilieus am Ostbahnhof, des Germanistikstudiums und des Feuilleton-Journalismus ist sie sicher eine Idealbesetzung für Integrationskurse mit völlig heterogenem, von Tag zu Tag wechselndem Publikum aus aller Herren Länder, mit ungeeignetem Lehrmaterial und einem hyperaktiven, aber ineffektiven Behördenapparat.

Schon die Themenwahl in gängigen Werken für Deutsch als Zweitsprache zeigt unüberbrückbare Gegensätze zwischen Verfassern und Kursteilnehmern: Shopping bei Karstadt oder Ikea eignet sich nicht als Kommunikationsanstoß. Das ist für die Kursteilnehmer ganz einfach zu teuer. Wie eröffne ich ein Bankkonto, wie schließe ich eine Versicherung ab? Uninteressant, wenn man keine Papiere, keine Meldeadresse und vor allem: kein Geld hat. Wie soll man über das Wohnen in Wohnungen und über die Anschaffung von Möbeln sprechen, wenn man im Heim lebt, mit etwas Pech immer noch in Turnhallen oder Zwölfbettzimmern haust, ohne jegliche Privatsphäre? Und Reisen? Die größte Reise war die Flucht, der Begriff "Urlaub" stammt aus einer anderen Welt, und die einzige noch erstrebenswerte Reise wäre die zurück in die alte Heimat. Aber die gibt es nicht mehr. Warum überhaupt Deutsch lernen? Nur ganz wenige Flüchtlinge entsprechen dem Typus des lernwilligen Schülers, wie ihn sich pensionierte Deutschlehrer erträumen: angepasst und leidensfähig.

Die meisten passen aus verschiedenen Gründen nicht in dieses Schema. Rudimentäre Bildung im Heimatland, das unbewältigte Trauma der Flucht, ein saftiger Kulturschock oder eine völlig unklare Perspektive stellen massive Barrieren für die Integration dar: Wozu denn Deutsch lernen - dieses nicht beherrschbare Idiom, wenn hier sowieso keiner mit mir spricht und ich gar nicht weiß, ob ich bleiben kann? Die Ämterwelt ist ein "Höllenschlund, der alles verschluckt, ein Ort ohne Wiederkehr", so schreibt Christiane Rösinger. Das Leben der Geflüchteten besteht oft aus kafkaesken Behördengängen, die einen großen Teil von Zeit und Energie kosten. Mit der deutschen Grammatik hat das nicht viel zu tun, hier muss man Überlebenskünstler sein. So driftet denn auch der Deutschkurs ab in einen zwanglosen Treff von Leidensgenossen, die gemeinsam Spaß haben und Ausflüge machen wollen. Wenn man nebenbei noch zwei, drei Brocken Deutsch lernt, tut das der Freude keinen Abbruch, aber seitenlang Vokabeln lernen - das ist einfach nicht drin.

Ein Kursleiter, der sich diesen Tatsachen entgegenstemmt, erlebt schnell sein Waterloo. Wer aber wie Christiane Rösinger von der eigenen Biografie Geschmeidigkeit gelernt hat, wird durch die enorme Herzlichkeit getragen, die ihm die Kursteilnehmer entgegenbringen und umgekehrt werden diese gestärkt durch Herzlichkeit, die man ihnen zeigt. Die Zukunft muss warten, die Freude am Zusammensein erleben wir jetzt.

Christiane Rösinger: "Zukunft machen wir später" kostet als Taschenbuch 12,99 Euro.

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