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Weil ab dem 10. Dezember die Linie 903 entfällt, hält an den Wochenenden im Lanker Ortsteil kein Bus mehr

Ützdorf vom Busnetz abgekoppelt

Nur selten viele Mitfahrer: An der Ützdorfer Haltestelle steigen auch in der Woche nie viele Fahrgäste in oder aus Bussen der Linie 909. Ab kommender Woche sollen nun die Busse der Linie 903 gänzlich entfallen. Damit gibt es am Wochenende keine Möglichkei
Nur selten viele Mitfahrer: An der Ützdorfer Haltestelle steigen auch in der Woche nie viele Fahrgäste in oder aus Bussen der Linie 909. Ab kommender Woche sollen nun die Busse der Linie 903 gänzlich entfallen. Damit gibt es am Wochenende keine Möglichkei © Foto: MOZ/Sergej Scheibe
Hans Still / 07.12.2017, 06:44 Uhr
Ützdorf (MOZ) Mit Beginn des Winterfahrplans wird der Lanker Ortsteil Ützdorf am Wochenende vom Netz des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) abgekoppelt. Die Buslinie 903 stellt den Verkehr ein und wird voraussichtlich auch im nächsten Frühjahr nicht wieder aufgenommen. Ein bislang einmaliger Vorgang.

Es ist ein riesiges Pensum, dass die Busfahrer der Barnimer Busgesellschaft (BBG) jährlich hinterm Lenkrad absolvieren. 4,8 Millionen Fahrplankilometer ordert der Landkreis bei der BBG, dafür legt er 7,2 Millionen Euro auf den Tisch. Und doch reicht dieser Etat offenbar nicht aus. Jedenfalls scheint es nicht möglich zu sein, an den Wochenende die Linie 903 am Leben zu erhalten, die samstags und sonntags gleich mehrfach in Ützdorf hält, um Besucher oder Einheimische in Richtung Wandlitz, Biesenthal oder Bernau abzuholen.

Hochgekommen ist die bevorstehende Änderung durch den Vorsitzenden des Tourismusvereins Naturpark Barnim, Horst Geiseler. Er fragte jüngst während eines Treffens der Wandlitzer Touristiker bei der Wandlitzer Bürgermeisterin Jana Radant an, wie denn die zum 10. Dezember zu erwartende Veränderung zu bewerten sei. "Wenn wir hier über die Förderung des Tourismus reden, dann sind solche Einschränkungen nicht hinnehmbar", beschwerte sich Geiseler.

Dabei argumentiert der Ützdorfer auf mehreren Feldern. Einerseits findet er es für die meist älteren Einheimischen unzumutbar, die nunmehr an den Wochenende keine Chance mehr habe, den Ort via Bus zu verlassen. Ein zweites Argument zielt auf den Tourismus ab, von dem beispielsweise die Jugendherberge und das Restaurant "Jägerheim" leben. "Es kann doch nicht unser Ziel sein, dass wir den Individualverkehr weiter ankurbeln und wir bewusst darauf Einfluss ausüben, dass die Touristen uns die Parkplätze zustellen, anstatt mit den Öffentlichen zu fahren. Diese Entwicklung wird aber so definitiv befördert."

Neben der ökologischen Komponente reißt Geiseler einen weiteren Aspekt an. So erinnert er an die in Ützdorf einst scharf kritisierte Entscheidung des Landkreises Barnim, ein ehemaliges Schwesternheim zum Asylbewerberheim umzugestalten. "Wenn es dabei um Integration gehen sollte, wie kann das gelingen, wenn die jungen Männer am Wochenende nicht einmal mobil sein können", fragt Geiseler weiter. Adressat dieser Fragen sind zunächst die Entscheider im Landkreis, die sich allerdings zu diesem Einschnitt gezwungen sehen, wie Wilhelm Benfer, Leiter des Strukturentwicklungs- und Bauordnungsamtes, wortreich erklärt. "Wir sind durch das ÖPNV-Gesetz gezwungen, nachfrageorientiert anzubieten", reagiert der Amtsleiter. Demnach beförderten die Busse innerhalb eines Jahres an den Wochenende 403 Fahrgäste nach Ützdorf beziehungsweise von dort in andere Orte. Das entspricht durchschnittlich pro Fahrt 0,31 Fahrgäste, besagt die Statistik. Den Vorwurf aus der Region, zu Lasten der kleinen Orte einsparen zu wollen, wehrt Benfer ab. Der Kreis spare schließlich nicht, sondern verdichte zu Gunsten der besser genutzten Linien. Marienwerder, Biesenthal und Wandlitz würden nun mit besseren Taktzeiten angefahren. "Wir geben sogar mehr aus. Das Mobilitätsbedürfnis kann eben nicht vollständig abgedeckt werden", gesteht Benfer ein.

Kommentar: Wer nicht kämpft, hat verloren

Wer sich nicht wehrt, der hat schon verloren. Diese Volkswahrheit bewahrheitet sich wieder, wie das aktuelle Ützdorfer Beispiel belegt. Lediglich 27 Einwohner zählt der Lanker Ortsteil, wobei Lanke selbst zu den kleinsten Wandlitzer Ortsteilen gehört. Dabei brodelt das Leben in der Großgemeinde an der B 109 gewaltig. Bauland ist teuer und Wohnraum knapp.Und in Ützdorf? Dort mag sich der Besucher in den Wintermonaten an unberührter Natur und seltenen Begegnungen mit anderen Wanderern erfreuen, denn per Linienbus angereiste Touristen oder den Kontakt mit Einheimischen an der Bushaltestelle hat er nicht mehr zu fürchten. Der Ort gehört am Wochenende nicht mehr zum Busnetz, weil der Landkreis "optimiert". Die Einheimischen, die Betreiber von Jugendherberge und Gastronomie, Umweltschützer und alle Steuerzahler ballen zu recht die Fäuste.Hans Still

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Klaus Siebertz 07.12.2017 - 12:09:41

Neue Wege im ÖPNV, autonome Rufbusse in ländlichen Raum testen

Der Artikel beschreibt eine Entwicklung, die wir in vielen ländlichen Regionen mit geringen Einwohnerzahlen beobachten. Daher ist der Landkreis Barnim gut beraten, die bekannten Pfade zu verlassen und über Modellversuche neue Transportformen auf ihre Tauglichkeit hin zu testen. Stichwort autonome, elektrisch angetriebene Rufbusse. Die Firma Door To Door in Berlin bietet Softwarelösungen, eine Ausgründung der RWTH Aachen die passenden Fahrzeuge. Fehlt nur noch die Finanzierung. Da wird sich mit Sicherheit aus EU-Mitteln oder beim Bund ein passender Fördertopf finden lassen. Gefragt sind hier aber Phantasie und Geschwindigkeit, damit nicht wieder andere Bundesländer die Nase vorn haben. Klaus Siebertz, CDU Wandlitz

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