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Geadeltes Handwerk

Orgelbaumeister Thomas Lang
Orgelbaumeister Thomas Lang © Foto: MOZ
Uwe Stiehler / 07.12.2017, 21:42 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Eine Orgel zu spielen mit Händen und Füßen ist eine besondere Kunst, eine zu bauen, nicht weniger. Jede ist ein Unikat, hergestellt für einen ganz bestimmten Raum und aus Teilen zusammengesetzt, deren Funktionsweise und Zusammenspiel der Laie nur ansatzweise versteht: Hauptwerk, Schwellwerk, Nebenwerk, Echowerk und das Windwerk natürlich. Oder wenn man tiefer in die Eingeweide dieser Instrumente schaut: Lippenpfeifen, Zungenpfeifen, Blasebälge, Tremulant, Traktur, Windlade ...

Einfache Orgeln gibt es seit der Antike. Besonders komplexe wurden in den vergangenen Jahrhunderten in Deutschland entwickelt, gebaut und von hier in alle Welt exportiert. Dass der deutsche Orgelbau Weltruf genießt, hat er nun schriftlich. Das Unesco-Welterbekomitee hat am Donnerstag auf der südkoreanischen Insel Jeju bekannt gegeben, die Tradition von deutschem Orgelbau und deutscher Orgelmusik in die Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufzunehmen. Eine Tradition, die sehr lebendig ist. Etwa 400 Orgelbaubetriebe und 1800 Orgelbauer gibt es in Deutschland, dazu etwa 3500 hauptamtliche und Zehntausende ehrenamtliche Organisten, die auf den etwa 50000 Orgeln spielen, die man bei uns findet.

Mit der Entscheidung des Unesco-Komitees darf sich auch die musikalische Landschaft Brandenburgs geadelt fühlen. Wegen ihrer Dichte an Orgeln und Orgelbaufirmen. Da gibt es die Firma Schuke in Werder/Havel, die große Verdienste bei der Rettung von Barockorgeln erworben hat. Dann die Werkstatt Christian Scheffler aus Sieversdorf, einer der führenden Betriebe für die Restaurierung von Romantik-Orgeln.

Der bekannteste und renommierteste Orgelbauer Brandenburgs aber ist die Firma Sauer, die Wilhelm Sauer 1856/57 in Frankfurt (Oder) gegründet und die heute ihren Sitz in Müllrose hat.Ein Unternehmen, das sich immer wieder durch schwere Zeiten gekämpft hat. Zum Ende des letzten Weltkrieges wurden bei Sauers keine Orgeln mehr, sondern Munitionskisten gebaut. Nach Kriegsende beschlagnahmte die Rote Armee den Betrieb und machte daraus eine provisorische Entlausungseinrichtung. Die Mitarbeiter bauten den ausgeplünderten Betrieb wieder auf, der 1972 verstaatlicht und nach der Wende reprivatisiert wurde. Als der neue alte Eigentümer in die Insolvenz schlitterte, übernahmen vier Sauer-Mitarbeiter ihre Firma als Gesellschafter.

Fast 2300 Orgeln hat Sauer in 160 Jahren gebaut und bis nach Amerika, Asien, Afrika und in die frühere Sowjetunion geliefert. Seine wahrscheinlich bekannteste befindet sich in Berlin. Es ist das gewaltige, 113 Register umfassende und aus fast 7300 Pfeifen zusammengebaute Instrument des Doms.

Dem Organisten und Orgelsachverständigen Martin Schulze aus Frankfurt (Oder) ist es zu protzig. Er schwärmt dafür von der Sonnenorgel in der Görlitzer Peterskirche, ein Neubau im alten, barocken Gewand - realisiert von der Mathis Orgelbau AG aus der Schweiz. Andere können also auch Orgeln. Was ist an der deutschen Orgeltradition also so besonders?

Die weite Verbreitung dieser Instrumente zum Beispiel, sagt Michel Schulz, der Kaufmännische Geschäftsführer der Firma Sauer. Selbst in die kleinsten Kirchen seien Orgeln eingebaut worden. Gleichzeitig hätte diese Dichte viele verschiedene Orgeltypen hervorgebracht. Die Verschiedenheit der deutschen Orgellandschaft sei tatsächlich etwas Besonderes, bestätigt Martin Schulze. Anders als in Frankreich gebe es in Deutschland nicht die eine große Linie im Orgelbau, sondern existiere hier eine Vielzahl kleinteiligerer Orgellandschaften nebeneinander. Das kann man hören. Eine Orgel aus Süddeutschland oder Thüringen sei etwas ganz anders als ein Instrument aus Norddeutschland.

Und genauso vielfältig sei die deutsche Orgelmusik - bis in unsere Tage. Für die Königin der Instrumente schrieben Bach, Buxtehude und Pachelbel wunderbare Werke und nach ihnen Mendelssohn Bartholdy, Brahms, Reger, Hindemith und in jüngster Zeit der 40-Jährige, aus Bochum stammende Dominik Susteck.

Und selbst Kirchenferne erwärmen sich für dieses Kircheninstrument - wenn zu Weihnachten "Oh du fröhliche ..." darauf gespielt wird.

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