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In Angermünder Seniorenheimen der AWO müssen Bewohner 500 Euro mehr pro Monat bezahlen

AWO-Seniorenheimen 500 Euro pro Monat teurer

Hinter den Kulissen rumort es: In den Seniorenheimen der AWO Brandenburg Ost müssen Bewohner ab 2018 rund 500 Euro im Monat mehr für einen Heimplatz bezahlen. Das sorgt für Unruhe und Ängste.
Hinter den Kulissen rumort es: In den Seniorenheimen der AWO Brandenburg Ost müssen Bewohner ab 2018 rund 500 Euro im Monat mehr für einen Heimplatz bezahlen. Das sorgt für Unruhe und Ängste. © Foto: MOZ/Oliver Voigt
Daniela Windolff / 08.12.2017, 06:32 Uhr
Angermünde (MOZ) 500 Euro mehr im Monat sollen Bewohner der AWO-Seniorenheime in Angermünde ab 2018 bezahlen. Die drastische Kostensteigerung wird mit Tariferhöhungen für das Pflegepersonal begründet. Betroffene und Angehörige reagieren überrascht und empört über die kurzfristige Nachricht.

Fast 2000 Euro kostet der Heimplatz für Bewohner im Seniorenzentrum am Stadtwall in Angermünde ab Februar 2018, satte 500 Euro mehr als bisher. Hinzu kommen Kosten für Medikamente und Hilfsmittel. Die kleine Rente der Eltern von Doris Engelmann kann schon jetzt die Heimplatzkosten nicht decken. Wie es künftig sein wird, das bereitet Doris Engelmann und ihrem Mann Siegmar schlaflose Nächte. "Um den Heimplatz bezahlen zu können, müssen wir die Ersparnisse der Eltern aufbrauchen und ihr Haus verkaufen. Dafür haben sie ihr ganzes Leben lang hart gearbeitet", sagt Tochter Doris traurig. Vielleicht reichen die Ersparnisse noch zwei Jahre. Danach bleibt nur der Gang zum Sozialamt. "Dann müssen wir uns alle nackig machen. Es ist beschämend, daran zu denken, dass wir jetzt schon unsere Tochter belasten müssen", fügt Siegmar Engelmann hinzu.

Den 83-jährigen pflegebedürftigen Vater haben sie vor wenigen Monaten im Heim unterbringen müssen und sich für die AWO in Angermünde entschieden. Träger der Einrichtung ist die Arbeiterwohlfahrt, Bezirksverband Brandenburg Ost mit Sitz in Frankfurt (Oder), die auch das Heim am Tierpark betreibt.

Kurz vor Weihnachten überraschte die AWO Bewohner und Angehörige mit einer schockierenden Nachricht: Die Heimentgelte, welche die Bewohner zahlen müssen, werden um 35 Prozent erhöht. Nicht schrittweise, sondern innerhalb von zwei Monaten schon zum 1. Februar 2018! Kostete ein Heimplatz die Bewohner bisher rund 1240 Euro im Monat, seit August auf 1400 Euro erhöht, werden künftig mindestens 1900 bis 2000 Euro fällig. Exakte Berechnungen konnte der AWO-Vorstand den Betroffenen noch nicht vorlegen, da die Tarifverhandlungen zwischen AWO und Gewerkschaft Verdi noch nicht endgültig besiegelt sind. Nach sieben Jahren zähen Verhandelns sollen die Mitarbeiter vor allem in der Pflege ab Februar 2018 deutlich mehr Geld erhalten. Damit begründet der AWO-Vorstand auch die exorbitante Heimentgelterhöhung. "Wir wissen, dass 500 Euro im Monat ein großer Batzen ist. Aber wir sind in einem riesigen Dilemma, das wir als kleiner Wohlfahrtsverband nicht allein lösen können", räumt Sebastian Gütschow, Abteilungsleiter Altenhilfe beim AWO-Bezirksverband, ein. Er stellte sich mit der Personalleiterin Kati Karney in dieser Woche bei einer Informationsveranstaltung vor Ort den Fragen der Betroffenen und Angehörigen in Angermünde.

Man wolle mit offenem Visier vor die Menschen treten und transparent die Kosten darstellen, betonte Sebastian Gütschow. "Wenn wir unsere Mitarbeiter nicht nach Tarif bezahlen, wandern sie dorthin, wo sie mehr Geld verdienen. Wir stehen in einem harten Wettbewerb der Träger um qualifizierte Arbeitskräfte." In der Altenpflege klafft schon jetzt eine riesige Personallücke. Für 100 freie Personalstellen stehen nur 32 ausgebildete Pflegekräfte zur Verfügung. Allein in den beiden Angermünder AWO-Heimen könnten sofort sechs Vollzeit-Pflegekräfte neu eingestellt werden, bestätigt Heimleiterin Carola Welke. Die Lücken muss die AWO mit Leasing- und Honorarkräften schließen, die im Endeffekt doppelt so teuer sind.

Hinzu komme der steigende Pflegebedarf. Die Zahl der Pflegebedürftigen in Brandenburg steigt bis zum Jahr 2030 um 88 Prozent. In die Pflegekassen werde jedoch nicht entsprechend mehr Geld eingezahlt. "Aber wenn nichts reinkommt, wer bezahlt dann die Zeche? Das müssen die Betroffenen und Angehörigen tun", beschreibt Sebastian Gütschow ein gesamtgesellschaftliches Problem, das lange bekannt ist.

Ein Grund für den Fachkräftemangel sei auch die schlechte Bezahlung der verantwortungsvollen und schweren Arbeit in der Altenpflege. Das will die AWO mit der neuen Tarifanpassung für alle 700 Mitarbeiter ändern. 35 Prozent sind ausgehandelt. Das bekommen die AWO-Mitarbeiter zwar nicht 1:1 netto mehr aufs Konto. Darin enthalten sind auch Lohnnebenkosten, Urlaubs- und Weihnachtsgeld, 30 Tage Urlaub für alle, höhere Schichtzulagen, Zusatzurlaub für Nachtdienste und auch Tariflohn für Azubis, erklärt Kati Karney. Die sollen beispielsweise im ersten Lehrjahr 850 Euro bekommen. Für Pflegefachkräfte ohne Berufserfahrung erhöht sich das Tarifeinkommen ab 1. Februar 2018 von 2083,93 brutto auf 2477,60 Euro, für Pflegekräfte mit 7-jähriger Berufserfahrung von 2301,53 auf 2981,05 Euro, so der bisherige Kompromiss der Tarifverhandlungen. Verdi hatte mit 100 Prozent Tarif des öffentlichen Dienstes viel mehr gefordert.

Heimleiterin Carola Welke ist glücklich über die Tarifanpassungen und hofft, damit mehr qualifiziertes Personal zu finden. Doch so sehr ihr das die Bewohner und Angehörigen auch gönnen, Unmut und Sorgen konnten weder sie noch die Argumente des Vorstandes in der dreistündigen emotionalen Diskussion vor Ort nicht ausräumen. Sie müssen das Dilemma ausbaden und zahlen.Wie, das wissen viele von ihnen noch gar nicht. Dazu bieten Heimleitung und AWO-Vorstand Beratungen an. "Rausgeworfen" werde niemand. Es gebe Hilfen.

"Das Schlimmste ist, dass den alten Menschen das Gefühl vermittelt wird, ich falle meinen Angehörigen zur Last. Es wäre besser, wenn ich sterben würde", sagt Christina Gruner als Angehörige tief betroffen. "Man überlässt die Pflege der Marktwirtschaft, dem Wettbewerb, das ist furchtbar. Wir brauchen eine Stimme in der Politik", warf ein anderer in die Runde und bekam spontan Beifall. Auch vom AWO-Vorstand.

"Wir brauchen auch Sie, um gemeinsam Druck auf die Politik zu machen", wandte sich Kati Karney an die Angehörigen. Die Pflegegesetzgebung habe sich seit 1996 nicht wesentlich geändert. Die AWO hat deshalb eine Petition an die Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Ingrid Fischbach, formuliert und einen Forderungskatalog an die Politik aufgestellt, der am 20. Dezember in einer Pressekonferenz in Potsdam vorgestellt wird. Darin geht es unter anderem um die Gleichstellung von ambulanter und stationärer Pflege, um eine Nachsteuerung der Pflegeversicherung, sodass ein fester, kalkulierbarer Beitragssatz ähnlich einer Teilkaskoversicherung gezahlt wird, und eine solidarische Verteilung der Ausbildungsumlage auf alle Träger, die derzeit die Bewohner zahlen müssen.

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