Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Jobcenter berichtet über Schwierigkeiten bei der Integration von Flüchtlingen / Nur 63 echte Jobs vermittelt

Arbeit und Lehre sind Riesenhürden

Jörg Kühl / 08.12.2017, 06:49 Uhr
Beeskow (MOZ) In Oder-Spree gibt es große Schwierigkeiten, ausländische Mitbürger, vor allem Flüchtlinge, in Ausbildungen oder Beschäftigungsverhältnisse zu vermitteln. Darüber informierte das Jobcenter den Kreistag auf dessen Sitzung am Mittwoch.

Die Integration von Flüchtlingen in Ausbildungen und in den Arbeitsmarkt schreitet in Oder-Spree nur schleppend voran. Seit Beginn der Flüchtlingswelle 2015 konnten nur 63 Flüchtlinge aus nicht-europäischen Asylherkunftsländern in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung vermittelt werden. Über die Probleme bei der Integration in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt berichtete die Leiterin des kommunalen Jobcenters, Angelika Zarling, die Abgeordneten.

Sie untermauerte ihren Vortrag mit einem Blick in die Statistik. Demnach leben derzeit 7289 Ausländer im Kreis. 2233 davon sind EU-Bürger. Die Hälfte der im Kreis lebenden Ausländer, das sind 3614, haben einen Aufenthaltstitel. In der Gesamtzahl der Ausländer enthalten sind 991 Asylbewerber und 451 Geduldete. "Unsere Aufgabe als Jobcenter ist, die ausländischen Mitbürger in Ausbildung, Arbeit und Beschäftigung zu bringen", so Angelika Zarling. Demnach gestaltet sich der Prozess auch in Oder-Spree weit schwieriger, als zu Beginn der Flüchtlingswelle von vielen Politikern prognostiziert wurde. "Man ging zu Beginn des Flüchtlingszustroms im Jahr 2015 von vornherein von falschen Annahmen über die Integrationsfähigkeit der Zielgruppe aus."

Die Schul- und Berufsabschlüsse sowie die Qualifikationen entsprächen nicht den ursprünglichen Vorhersagen der Politik. Die meisten Flüchtlinge würden das deutsche duale Ausbildungssystem nicht kennen. In den Herkunftsländern gebe es meist nur die Alternative des Anlernens ("beim Onkel in der Autowerkstatt zugeschaut") oder des Studiums. Problematisch sei, dass viele Flüchtlinge ihre individuellen Qualifikationen anders einschätzen, als die Betriebe. "Die Flüchtlinge haben teilweise unrealistische Vorstellungen vom deutschen Arbeitsmarkt". Dies betreffe sowohl die geforderten Voraussetzungen als auch die Verdienstmöglichkeiten.

Eine der größten Hürden bei der Integration der Ausländer in Ausbildung und Arbeit seien fehlende oder mangelhafte Sprachkenntnisse. So haben bisher nur 453 ausländische Mitbürger an Integrations- beziehungsweise berufsbezogenen Sprachkursen teilgenommen. 306 von ihnen verfügen aktuell über ein nachgewiesenes Sprachniveau. 147 Teilnehmer haben das Zielniveau ihre Kurses nicht erreicht oder haben abgebrochen.

Weitere Hürden auf dem Weg in die Arbeitswelt sind die fehlende Mobilität und zeitliche Begrenzung von Praktika. Auch gebe es in den Reihen der Flüchtlinge immer wieder Probleme mit dem traditionellen Rollenverständnis, insbesondere mit der Rolle der Frau.

Das Jobcenter leitet aus all diesen Erfahrungen Handlungsempfehlungen ab. Demnach müsse es mehr individuelle Beratung und Begleitung durch Mitarbeiter des Jobcenters geben. Angelika Zarling sprach in diesem Zusammenhang von "Coaching". Außerdem sei die Einführung eines öffentlichen Beschäftigungssektors sinnvoll. Vor allem, um Wartezeiten zwischen verschiedenen Integrationskursen und Praktika sinnvoll zu überbrücken. "Es ist besser, in einem subventionieren Arbeitsverhältnis die deutsche Sprache zu trainieren, als nach wenigen Stunden Integrationskurs zuhause wieder in die Muttersprache zu verfallen". Frauen müssten durch auf sie zugeschnittene Projekte und Maßnahmen besser integriert werden.

Wichtig sei auch, mehr Arbeitgeber für die Integration von Flüchtlingen zu gewinnen. Um all diese Mehrarbeit zu stemmen, sei es notwendig, dass Bund und Land sich finanziell stärker als bisher engagieren. "Die Integrationsprobleme lasten vor Ort auf den Schultern der Kommunen, der Bildungseinrichtungen, Wohlfahrtsverbände und weiteren Beteiligten", so die Jobcenterleiterin.

Der Zwischenbericht zur Integration von Ausländern auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt ist unter anderem auf Veranlassung des Beirats für Beschäftigungsförderung im Landkreis Oder-Spree erstellt worden. Das Thema soll nun auf die Tagesordnung des Brandenburgischen Landtags gesetzt werden.

Der CDU-Fraktionsvorsitzende Rolf Hilke lobte den Vortrag Angelika Zarlings als "Beitrag zur Wahrheit und Klarheit". Integration sei aber auch Aufgabe der in Oder-Spree angekommenen Menschen selbst. "Wir können nicht jeden einzelnen an die Hand nehmen. Dem widersprach Landrat Rolf Lindemann (SPD). "Integration ist Hilfe im Einzelfall." Lindemann appellierte in Richtung der angestammten Bevölkerung, ihre Zuwendung zu den neuen Bürgern nicht aufzugeben: "Der Wille zur Integration hat auch in unserer Gesellschaft seit Beginn der Flüchtlingswelle nachgelassen."

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2017 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG