Berlin (moz) Kiss sind Kult. Seit Generationen rocken sich die stark bemalten Amis inzwischen durch die ganze Welt. Am Mittwochabend versammelten sie ihre treue „Kiss-Army“ in der nicht ganz ausverkauften O2-World, um mit ihrer „Sonic Boom“-Tour ein wahres Erdbeben zu entfachen.
Obwohl seit jeher auch junge Anhänger hinzugekommen sind, waren es an diesem Abend vor allen die Fans der ersten Stunde, die mit ihren Hardrock-Ikonen feiern wollten – auch wenn das verwaschene Kiss-Shirt bei vielen inzwischen über dem Bierbauch spannt und der Haaransatz in den zurückliegenden Jahrzehnten beständig nach hinten gerutscht ist. Doch das spielte alles keine Rolle mehr, als Kiss ihre pompöse Bühne betraten. Denn für sie scheint die Zeit seit ihren wilden Anfängen in den 70er-Jahren stehen geblieben zu sein.
Hinter der undurchsichtigen weißen Schminke und den auftoupierten schwarzen Haaren wirken Gene Simmons, Paul Stanley und Co. wie das groteske Disneyland des Rockzirkus’. Auch wenn man ihnen damit etwas Unrecht tut. Mit über 85 Millionen verkaufter Alben, 37 Jahren Berufserfahrung und einer Dauerpräsenz in den größten Arenen der Welt gehören Kiss schließlich zu den erfolgreichsten Bands der Rockgeschichte.
Und so zeigen die vier auch an diesem Abend wieder, was sie schon immer ausgemacht hat: Energiegeladene Gassenhauer sowie aberwitzige Science-Fiction-Kostüme gepaart mit einer gewaltigen Bühnenshow und allerlei Pyro-Effekten. Denn das ist es schließlich, was die Fans sehen wollen. Gene „The Demon“ Simmons streckt seine Zunge heraus und gebärt sich als Frauenheld und Blut spuckender Teufel in Personalunion, nur um schließlich mit seinem Fledermauskostüm hoch über der Bühne zu schweben.
Die Gitarre von Leadgitarrist Tommy „The Spaceman“ Thayer sprüht Funken, Drummer Eric „The Cat“ Singer hebt mit einer hydraulischen Plattform immer wieder raumschiffgleich von der Bühne ab und Kollege Paul „The Starchild“ Stanley kreischt sich nicht nur die Seele aus dem Hals, sondern darf beim unvermeidlichen „I Was Made For Lovin’ You“ sogar einmal quer durch die Halle segeln. Nur um seinen Fans auf einer sich drehenden Extra-Bühne besonders nahe zu sein.
Neben ihren halsbrecherischen Showeinlagen spielten sich die Make-Up-Träger allerdings auch durch ihr aktuelles Album „Sonic Boom“, sowie durch die eigene Vergangenheit. „Black Diamond“, „Shout It Out Loud“ oder „Detroit Rock City“, nichts wurde ausgelassen. Obwohl etwas in die Jahre gekommen, haben die Altmeister aus New York kaum etwas von ihrer musikalischen Schlagkraft eingebüßt.
Und als die Glam-Rocker nach über 120 energiegeladenen Minuten mit „Rock And Roll All Nite“ ihre letzte Zugabe gegeben haben und endgültig Plateauschuh stöckelnd hinter der Bühne verschwunden sind, bleiben eine mit Kunstblut und Konfetti übersäte Bühne, eine glückliche Fanhorde – teils akribisch bemalter Mitfünfziger – und eine allerletzte Erkenntnis übrig: Realität hat nach wie vor keinen Platz in der Welt von Kiss.
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