Sonntag, 12. Februar 2012

Frankfurt
Schneeschauer
-10°C/-7°C

Frauke Adesiyan 05.07.2010 19:40 Uhr - Aktualisiert 06.07.2010 12:40 Uhr
Red. Frankfurt (Oder), frankfurt-red@moz.de

artikel-ansicht/dg/0/

Besuch mit gemischten Gefühlen

Frankfurt (moz) Am Montag wurden in Frankfurt 24 Stolpersteine für Opfer des Nationalsozialismus verlegt. Zur ersten Verlegung für den Frankfurter Rabbiner Martin Salomonski auf dem Brunnenplatz kamen Angehörige aus England, Israel, Argentinien und der USA. In der Jüdischen Gemeinde wurde gestern außerdem eine Ausstellung über den Rabbi eröffnet. Er war zwischen 1910 und 1925 in Frankfurt tätig. 1944 wurde er nach Auschwitz deportiert, wo sich seine Spur verliert. Edith Hollander hat die Patenschaft über den Stein für ihren Vater Paul Raphael übernommen.

  © Dietmar Horn/MOZ

Die Rührung war den Angehörigen von Martin Salomonski anzusehen. Teilweise mit Tränen in den Augen standen seine Enkel und Urenkel mittags am Brunnenplatz, als Gunter Demnig neben den Gedenkstein für die Synagoge einen Stolperstein einließ. „Wenn seine Töchter nicht geflohen wären, würde es uns alle nicht geben“, sagte Claire Cohen, Urenkelin des Rabbiners, nachdenklich und zeigte auf ihre Verwandten, die aus Israel, der USA und Argentinien angereist waren. Sie selbst war mit ihren Eltern und ihrem Bruder für einen Tag aus London nach Frankfurt gekommen.

Ihr Urgroßvater Martin Salomonski wurde 1881 geboren und kam als Rabbiner vor genau 100 Jahren nach Frankfurt. Hier wohnte er unter anderem in der heutigen Lindenstraße 18. Mit seiner Frau Paula hatte er vier Töchter, Eva, Hilde, Franziska und Anni. Aus einer zweiten Ehe gingen die Kinder Ruth Miriam und Adolf Fritz hervor. 1942 wurde der Rabbiner mit seinen zwei jüngeren Kindern deportiert, 1944 brachte man ihn nach Auschwitz. Alle drei kamen in Theresienstadt beziehungsweise Auschwitz um. Die vier Töchter aus erster Ehe emigrierten und entgingen somit dem Schicksal ihres Vaters. Ihre Nachkommen waren nun in Frankfurt zu Gast.

„Mein Vater war ein Patriot. Er verließ das Land nicht, weil er überzeugter Deutscher war“, erinnerte James Herzog aus Boston an seinen Großvater. Heute arbeitet James Herzog als Psychiatrie-Professor an der Havard Universität in Boston. Auch aus dieser fachlichen Sicht erklärte er die Schwierigkeiten, die seine Familie mit dem Besuch in Deutschland hatte: „Wir sind heute mit gemischten Gefühlen hergekommen. Das Trauma wird weitergegeben und es wird immer schwerer, damit umzugehen“, bezog er sich auf den Holocaust. Noch immer ist es keine selbstverständliche Reise nach Deutschland.

Schon am Morgen hatte sich die Familie bei der Jüdischen Gemeinde getroffen. Dort ist seit gestern eine Ausstellung über Martin Salomonski zu sehen. Zwischen den Fotos, Zeugnissen und Lebensläufen zeigte sich auch Tomas Loewy aus Argentinien gerührt. „Der Tod meines Großvaters war eine solche Tragödie in unserer Familie, dass ihn lange ein Schweigen umgab“, sagte er. Zum ersten Mal seien sie nun bereit, den Großvater nicht nur als Holocaust-Opfer sondern in seiner ganzen Person wahrzunehmen.

Zur Verlegung des Gedenksteins sprach auch Oberbürgermeister Martin Wilke. Er begrüßte zunächst die Angehörigen auf Englisch und dankte ihnen für ihr Kommen. Der Oberbürgermeister erinnerte an die unfassbare Tatsache, dass all die jüdischen Bürger aus dem Leben gerissen wurden, ohne dass ihre Nachbarn es bemerken wollten. „Es ist wichtig, dass mit diesen Schicksalen die Erinnerung wach gehalten wird.“ Pate für den Stolperstein ist Emmanuel Nahshon, Gesandter der israelischen Botschaft. Er verwies auf die Bedeutung der Angehörigen: „Ich sehe etwas Wunderbares in dieser Familie“. Mit dem Stein hoffe er etwas sichtbar zu machen, das vernichtet wurde.

An zwölf weiteren Stellen wurden gestern 24 Stolpersteine in der Karl-Marx-Straße, der Rosengasse und der Wollenweberstraße verlegt. Den Stein für Paul Raphael in der Wollenweberstraße hatte seine Tochter Edith Hollander initiiert, die auch die Patenschaft übernahm.

Montagabend zeigten Studenten im Collegium Polonicum den Film „Stolpersteine – Kunst im öffentlichen Raum“ zum ersten Mal mit polnischen Untertiteln. Im Anschluss war neben Initiator Gunter Demnig auch Heinz Vater im Zeitzeugengespräch zu Gast. Heute früh wird in Slubice ein weiterer Stein verlegt, der an den Kommunisten Erich Schulz erinnert. Insgesamt wurden seit der ersten Verlegung 2006 75 Steine in den Frankfurter und Slubicer Boden eingelassen.

Artikel empfehlen

Artikel kommentieren

Lesezeichen setzen

Seite empfehlen

Nachricht an die Redaktion

Druckversion

Lesen Sie auch...

03.01.2012 07:45 Thema

22 neue Stolpersteine

Frankfurt (Oder) (MOZ) Ab Mai wird auch an Architekt Konrad Wachsmann erinnert 22 weitere Stolpersteine sollen in diesem Jahr in Frankfurter Gehwege eingelassen werden. Termin... mehr

18.11.2011 07:43 Thema

Stolpersteine geben Anstöße bis nach Potsdam

Uckermark (MOZ) Museumsverband des Landes und Aktionsbündnis gegen Rechts neugierig auf jüdisches Leben in Gartz Fünf messingfarbene Quader im Straßenpflaster von... mehr

17.01.2012 18:50 Thema

Neue Stolpersteine im Juni

Neuruppin (MZV) Mahnmale für Opfer der Lindower Familie Kreide Stolperstein-Erfinder Gunter Demnig soll im Juni wieder in Lindow vorbeischauen. Das wünscht sich Professor... mehr

Aus der Region
Ralf Kothe neuer CDU-Chef in Brieselang
11.02.2012 16:43

Ralf Kothe neuer CDU-Chef in Brieselang

Brieselang (MZV) Ralf Kothe ist am Freitagabend auf der Mitgliederversammlung der CDU Brieselang zum neuen Vorsitzenden gewählt worden. Er löst damit Michael Koch ab, der aus persönlichen Gründen nicht mehr angetreten war. Die Mitglieder der CDU in Brieselang... mehr

11.02.2012 11:45

Neun Schichten und mit Haferflocken

Letschin (MOZ) Sie wurde „Mutter Courage des Ostens“ genannt. Wegen ihrer Herzenswärme und Schaffenskraft. Auch zehn Jahre nach ihrem Tod ist die Erinnerung an... mehr

11.02.2012 11:01

Ein Buch voller Hass

Neuruppin (MZV) - Es sollte eine geile Party werden. Doch für Hannah ist es der Anfang vom Ende, ihrem Ende. Jay Asher schreibt über ein 16-jähriges Mädchen, das mit... mehr

11.02.2012 10:57

Die Kuh ist noch nicht vom Eis

Falkensee (MZV) Der große See ist zugefroren, Nutzungskonzept, B-Plan und Satzung in der Tiefe verloren. Bürgermeister Heiko Müller versucht, aus den drei Elementen... mehr

11.02.2012 10:47

Wird das Evi die beste Schule Deutschlands?

Neuruppin (MZV) - Dass das Evi in Neuruppin zu den besten 20 Schulen in Deutschland gehört, ist schon seit Wochen klar. Ob es aber auch zur besten Schule reicht,... mehr

11.02.2012 08:30

Rufbus als Lösung für Döbberin?

Zeschdorf/Falkenhagen (MOZ) Seit dem Schulbeginn nach den Winterferien fährt der Bus von Falkenhagen zur Alt Zeschdorfer Schule wieder über die Betonstraße - und hält auch, um... mehr

11.02.2012 08:16

Fördergeld für Friedensstraße

Manschnow (MOZ) Der letzte Bauabschnitt der Manschnower Friedenstraße kann in diesem Jahr erfolgen. Andreas Schade, Leiter des Landesbetriebes Straßenwesen,... mehr

11.02.2012 08:15

Mutter und vier Kinder im Kirchenasyl

Frankfurt (Oder) (MOZ) Eine tschetschenische Frau lebt derzeit mit ihren vier Kindern im Kirchenasyl der evangelischen Gemeinde Frankfurt. Der Familie droht die Abschiebung... mehr

11.02.2012 08:10

Verhandlung zu tödlichem Kopfstoß

Eisenhüttenstadt (MOZ) Am Montag beginnt vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) ein Prozess gegen einen 60-jährigen Eisenhüttenstädter, dem vorgeworfen wird, seine... mehr

11.02.2012 08:04

Knatsch um Mehrzweckhalle in Woltersdorf

Woltersdorf (MOZ) Der Bau der Mehrzweckhalle wird vorangetrieben, das Vorhaben Schulhof/Weinbergstraße geht dagegen zurück in den Bauausschuss. Das hat die... mehr




Regionalnavigator

Angermünde Bad Freienwalde Beeskow Bernau Eberswalde Eisenhüttenstadt Erkner Frankfurt (Oder) Fürstenwalde Schwedt/Oder Seelow Strausberg

Ort, PLZ oder Redaktion

Regional

© 2010 moz.de Märkisches Verlags- und Druckhaus GmbH & Co. KG
...