Frankfurt (moz) Am Montag wurden in Frankfurt 24 Stolpersteine für Opfer des Nationalsozialismus verlegt. Zur ersten Verlegung für den Frankfurter Rabbiner Martin Salomonski auf dem Brunnenplatz kamen Angehörige aus England, Israel, Argentinien und der USA. In der Jüdischen Gemeinde wurde gestern außerdem eine Ausstellung über den Rabbi eröffnet. Er war zwischen 1910 und 1925 in Frankfurt tätig. 1944 wurde er nach Auschwitz deportiert, wo sich seine Spur verliert. Edith Hollander hat die Patenschaft über den Stein für ihren Vater Paul Raphael übernommen.
Die Rührung war den Angehörigen von Martin Salomonski anzusehen. Teilweise mit Tränen in den Augen standen seine Enkel und Urenkel mittags am Brunnenplatz, als Gunter Demnig neben den Gedenkstein für die Synagoge einen Stolperstein einließ. „Wenn seine Töchter nicht geflohen wären, würde es uns alle nicht geben“, sagte Claire Cohen, Urenkelin des Rabbiners, nachdenklich und zeigte auf ihre Verwandten, die aus Israel, der USA und Argentinien angereist waren. Sie selbst war mit ihren Eltern und ihrem Bruder für einen Tag aus London nach Frankfurt gekommen.
Ihr Urgroßvater Martin Salomonski wurde 1881 geboren und kam als Rabbiner vor genau 100 Jahren nach Frankfurt. Hier wohnte er unter anderem in der heutigen Lindenstraße 18. Mit seiner Frau Paula hatte er vier Töchter, Eva, Hilde, Franziska und Anni. Aus einer zweiten Ehe gingen die Kinder Ruth Miriam und Adolf Fritz hervor. 1942 wurde der Rabbiner mit seinen zwei jüngeren Kindern deportiert, 1944 brachte man ihn nach Auschwitz. Alle drei kamen in Theresienstadt beziehungsweise Auschwitz um. Die vier Töchter aus erster Ehe emigrierten und entgingen somit dem Schicksal ihres Vaters. Ihre Nachkommen waren nun in Frankfurt zu Gast.
„Mein Vater war ein Patriot. Er verließ das Land nicht, weil er überzeugter Deutscher war“, erinnerte James Herzog aus Boston an seinen Großvater. Heute arbeitet James Herzog als Psychiatrie-Professor an der Havard Universität in Boston. Auch aus dieser fachlichen Sicht erklärte er die Schwierigkeiten, die seine Familie mit dem Besuch in Deutschland hatte: „Wir sind heute mit gemischten Gefühlen hergekommen. Das Trauma wird weitergegeben und es wird immer schwerer, damit umzugehen“, bezog er sich auf den Holocaust. Noch immer ist es keine selbstverständliche Reise nach Deutschland.
Schon am Morgen hatte sich die Familie bei der Jüdischen Gemeinde getroffen. Dort ist seit gestern eine Ausstellung über Martin Salomonski zu sehen. Zwischen den Fotos, Zeugnissen und Lebensläufen zeigte sich auch Tomas Loewy aus Argentinien gerührt. „Der Tod meines Großvaters war eine solche Tragödie in unserer Familie, dass ihn lange ein Schweigen umgab“, sagte er. Zum ersten Mal seien sie nun bereit, den Großvater nicht nur als Holocaust-Opfer sondern in seiner ganzen Person wahrzunehmen.
Zur Verlegung des Gedenksteins sprach auch Oberbürgermeister Martin Wilke. Er begrüßte zunächst die Angehörigen auf Englisch und dankte ihnen für ihr Kommen. Der Oberbürgermeister erinnerte an die unfassbare Tatsache, dass all die jüdischen Bürger aus dem Leben gerissen wurden, ohne dass ihre Nachbarn es bemerken wollten. „Es ist wichtig, dass mit diesen Schicksalen die Erinnerung wach gehalten wird.“ Pate für den Stolperstein ist Emmanuel Nahshon, Gesandter der israelischen Botschaft. Er verwies auf die Bedeutung der Angehörigen: „Ich sehe etwas Wunderbares in dieser Familie“. Mit dem Stein hoffe er etwas sichtbar zu machen, das vernichtet wurde.
An zwölf weiteren Stellen wurden gestern 24 Stolpersteine in der Karl-Marx-Straße, der Rosengasse und der Wollenweberstraße verlegt. Den Stein für Paul Raphael in der Wollenweberstraße hatte seine Tochter Edith Hollander initiiert, die auch die Patenschaft übernahm.
Montagabend zeigten Studenten im Collegium Polonicum den Film „Stolpersteine – Kunst im öffentlichen Raum“ zum ersten Mal mit polnischen Untertiteln. Im Anschluss war neben Initiator Gunter Demnig auch Heinz Vater im Zeitzeugengespräch zu Gast. Heute früh wird in Slubice ein weiterer Stein verlegt, der an den Kommunisten Erich Schulz erinnert. Insgesamt wurden seit der ersten Verlegung 2006 75 Steine in den Frankfurter und Slubicer Boden eingelassen.
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