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Spannung zwischen Rot, Weiß und Blau

Hans-Jörg Rother / 21.07.2010, 19:24 Uhr - Aktualisiert 21.07.2010, 20:08
Berlin (In House) Von Hans-Jörg Rother

„O Fallada, der du hangest!“ Wem hat sich dieser herzbewegende Ausruf aus dem bekannten Tiermärchen nicht ins Gedächtnis eingegraben? Dem Maler Hans Hendrik Grimmling mag es nicht anders ergangen sein, bis er 1986 die geschundene Kreatur mit aufgebäumten Gliedmaßen in brennendem Rot malte: „Fallada“. Die Beziehung zu Picassos „Guernica“ ist unverkennbar.

Grimmlings großformatiges Ölgemälde wird vielen in Erinnerung bleiben, die die derzeit im Willy-Brandt-Haus über zwei Etagen ausgestellten Arbeiten von 60 Künstlern aus der ehemaligen DDR besichtigen. Das ist nur die Hälfte der seit 1996 durch Ankäufe und durch Schenkungen zusammen getragenen Sammlung, sagt die Kuratorin Mirja Linnekugel. Darunter sind klingende Namen wie Wilhelm Lachnit, dessen Strandbild „Der blaue Tag“ die Freunde ausgereifter Aquarellkunst erfreuen wird, aber auch avantgardistische Künstler wie Willy Wolff oder der Dresdner Hermann Glöckner, dessen Übermalungen von Zeitungsseiten oder zwei schwarz-weiße geometrische Kompositionen, mal auf blauem, mal auf rotbraunem Grund, mit ihrer ganz eigenen Spannung noch immer faszinieren.

Sogenannte abstrakte Kunst hatte es in der DDR schwer. Die Formalismus-Debatte der frühen fünfziger Jahre hinterließ tiefe Spuren, auch wenn Ausstellungsverbote allmählich unterblieben. Grüblerische Naturen wie Gerhard Altenbourg und Carlfriedrich Claus, die heute als Klassiker der Moderne gelten, ließen sich von solchen Angriffen wenig beirren. Andere wechselten in den Westen oder bildeten kleine Nischengemeinschaften wie die Künstlergruppe Clara Mosch im damaligen Karl-Marx-Stadt.

So vielgestaltig wie die Kunstszene es war, ist auch diese Ausstellung geworden. Eine einzige Plastik, Theo Baldens Bronze „Großer Torso eines Gemordeten“ von 1990, steht hier für viele große Namen, die sich erfolgreich gegen die Forderung nach pathetischen Denkmalswerken wehrten. Aber auch die Popart war schon in den Siebzigern mit verblüffenden Arbeiten heimisch geworden, etwa in Gestalt der in Kegel und Kreis zerlegten Porträts von Hans Ticha. Collagekunst wie die Blätter von Lutz Dammbeck und Jürgen Schieferdecker machten inoffiziell Furore. Nachhaltige Impulse für die öffentliche Diskussion gingen dagegen von Malerfürsten wie Mattheuer, Heisig oder Tübke aus, aber auch von der Leipziger Malerschule, die einen neuen Realismus kreierte, indem sie in der Renaissance nach Vorbildern suchte.

Sie müssen zu dieser sehenswerten Präsentation der mit geringen Mitteln zusammen getragenen Sammlung hinzu gedacht werden, will man die ganze Dimension der ostdeutschen bildenden Kunst vor Augen haben. Die Spitze bildeten die anerkannten Meister, die Breite indessen viele andere, von den Museen oft übersehene und bei Auszeichnungen übergangene Künstler, die privaten Kunstsammlern aber als Geheimtipp galten. Einem Großteil von ihnen hier wieder zu begegnen, verleiht dieser Präsentation noch einmal einen fast subversiven Charme.

Bis 5. September, Willy-Brandt-Haus, Stresemannstr. 28, Berlin-Kreuzberg, Di–So 12–18 Uhr

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