Angermünde (moz) Um gegen den Sozialabbau zu protestieren, veranstaltet die „Soziale Bewegung Land Brandenburg“ einen zehntägigen „Zug der Tagelöhner“. Am Freitag machte die Gruppe in Angermünde vor dem Grundsicherungsamt Halt. Die Bewegung trotzte dem Regen und stellte die Problematik zu geringer Stundenlöhne in einem kleinen Theaterstück dar. Dies erregte Aufmerksamkeit. Trotzdem informierten sich nur wenige Zuschauer über die Forderungen der Gruppierung. Viele kamen, um mit anderen über ihre Probleme zu reden.
Kampf für die eigenen Bedürfnisse: Mitglieder der „Sozialen Bewegung Land Brandenburg“ protestieren in einem Theaterstück als Sklaven. Sie wollen sich nicht mehr unter Wert verkaufen lassen und bekämpfen daher den Sklavenjäger in der Rüstung.
Er trägt eine Ritterrüstung, ein Kettenhemd schützt ihn – der Sklavenjäger. Er passt auf, dass die Sklaven auf dem Markt nicht davonlaufen, während der Händler seine Arbeitskraft an Unternehmer verkauft. Doch auch er kann nicht verhindern, dass die Sklaven die Stimme der Gewerkschaft hören und am Ende zu streiken beginnen.
Das kleine Theaterstück der „Sozialen Bewegung Land Brandenburg“ soll die Menschen aufrufen, sich zu erheben und für ihre Bedürfnisse zu kämpfen. Auf den Autos der Bewegung sind Sprüche zu lesen wie „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren“ oder „Von Arbeit muss man leben können – wenn man keine hat aber auch!“.
Seit einer Woche ist Nadine Fischer, die Vorsitzende vom Verein für soziale Selbstverteidigung aus Jüterborg, mit dem „Zug der Tagelöhner“ unterwegs. „Es ist spannend und schockierend zugleich. Wir hören viele Geschichten. Von einer Mutter eines chronisch kranken Kindes beispielsweise, die sich die Fahrten zu den Spezialisten nicht mehr leisten kann. Auch die Zuzahlungen zu den Medikamenten sind für sie zu hoch. Das geht einem nahe“, sagt Nadine Fischer. Sie selbst ist auch eine Betroffene. Die gelernte Einzelhandelskauffrau ist arbeitslos.
„Supermärkte stellen lieber einfache Verkäuferinnen ein, da diese weniger Stundenlohn bekommen. Und Boutiquen beschäftigen eher Verwandte und Bekannte“, sagt die Mutter von drei Kindern resigniert. „Als Hartz-IV-Empfängerin hatte ich nicht einmal Anspruch auf einen Kindergartenplatz. Also begann ich eine Maßnahme der Arbeitsagentur.“ Nadine Fischer wird zur Sicherheitsfachkraft ausgebildet. Nicht, weil sie das will, sondern weil sie den Kindergartenplatz braucht.
Auch ihre mittlere Tochter Celine ist mit dem „Zug der Tagelöhner“ auf Tour und unterstützt ihre Mutter. Und obwohl sie erst elf Jahre alt ist, sagt sie, dass sie später nicht für drei oder vier Euro Stundenlohn arbeiten gehen will. „Zehn Euro Mindestlohn“ sind ihre Forderung. Doch der „Zug der Tagelöhner“ hat noch weitere Ziele. Er sammelt Unterschriften für einen 500-Euro-Eckregelsatz und die 30-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich. „Arbeit muss sich wieder lohnen“, sagt Nadine Fischer. „Ich hatte erst kürzlich einen Fall, da hat ein Gärtner für acht Stunden Arbeit, sechs Tage die Woche, lediglich 570 Euro Netto bekommen. Doch viele freuen sich, dass sie einen Job haben und schweigen über die Bedingungen“, sagt sie und hofft, dass das bald Vergangenheit ist.
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