(moz) „Piefke – Kulturgeschichte einer Beschimpfung“ heißt ein Buch von Hubertus Godeysen. Humorvoll und detailliert schildert der Autor darin das gespaltene Verhältnis der Österreicher zu ihren deutschen Nachbarn – den Piefkes. Johann Gottfried Piefke, preußischer Militärmusiker und Komponist, der 1884 hier in Frankfurt starb, wurde Österreichs Vorbild für den Spottnamen.
Mit Ehrentaktstock: Der preußische Musikdirektor Gottfried Piefke auf einem Gemälde des späteren Generalleutnants von Granier
„Der Piefke lief, der Piefke lief, der Piefke lief die Stiefel schief“, sangen früher die Berliner Gören. Verulkt wurde damit weniger der Musiker und Komponist Johann Gottfried Piefke, der vor 195 Jahren – am 9. September 1815 – geboren wurde. Verulkt wurde dessen Familienname. Er war vor 150 Jahren an der Spree Synonym für Witz- und Schwankfiguren. Die Österreicher schnappten diesen Ausdruck auf. Piefke steht dort heute noch abwertend für den strammen Deutschen mit preußischer Disziplin und ausgeprägtem Untertanengeist.
Dabei war der originale Piefke, Johann Gottfried Piefke, zwar Soldat, aber auch ein Schöngeist. Als Militärkomponist hat er unzählige Märsche verfasst, darunter „Preußens Gloria“ und „Die Wacht am Rhein“. Seine militärische Laufbahn begann er 1835 bei dem hier in Frankfurt beheimateten Leibgrenadier-Regiment Nr. 8. Auch später kehrte er immer wieder nach Frankfurt an der Oder zurück. Stadt-Historiker Joachim Schneider, der dem 61-jährigen Journalisten und Autoren Hubertus Godeysen bei der Erarbeitung des Buches „Piefke – Kulturgeschichte einer Beschimpfung“ mit Frankfurt-Informationen unter die Arme griff, informierte: „Gottfried Piefke war hier in Frankfurt der Schwiegersohn des Viktualienhändlers Johann Carl Hankewitz, Gottfrieds älteste Tochter Magdalena Valeska, geboren 1852, heiratete um 1874 den Grubenbesitzer Carl Caplick, dessen Grube sich in Treplin befand. Nach dessen Tod heiratete sie 1891 den Bergwerksbesitzer Richard Borkenstein. Das Kontor der Grube befand sich in Frankfurt, Halbe Stadt 14. Hiernach war Gottfried Piefke der Schwiegervater zweier Grubenbesitzer.“
Im Jahre 1866 nahm der Königliche Musikdirektor Piefke – an der Spitze des Musikkorps marschierend – am Krieg gegen Österreich teil. Als Piefke am 25. Januar 1884 hier in Frankfurt starb, wurde er auf dem Alten Friedhof beigesetzt. Die Grabstelle gibt es allerdings nicht mehr. 1941 errichtete die Stadt Frankfurt für ihren berühmten Bürger auf dem alten Friedhof (der heutige Kleistpark) einen Gedenkstein. Der gilt seit 1975 als verschollen. Hubertus Godeysen schreibt in seinem Buch: „In der DDR-Zeit wurde der alte Friedhof mit Piefkes Grabstätte in einen Park umgestaltet. Später entstand in der Nähe eine Neubausiedlung (gemeint ist der Thomas-Müntzer-Hof/d.A.). Als 1980 eine Stadtkerntangente über den Platz der alten Grabanlage gebaut wurde, erinnerte der Frankfurter Heimatforscher Joachim Schneider erstmalig seit 1945 wieder an den großen und längst vergessenen Frankfurter Musikdirektor.“
Doch was hat Piefke mit den Beschimpfungen der Österreicher wirklich zu tun? Schauspieler Harald Krassnitzer (Der Winzerkönig), ein Pendler zwischen Österreich und Deutschland, erklärte in einem Interview der MAZ vom 10./11. Juli 2010 den Unterschied zwischen Piefkes und Ösis so: „Die Piefkes sind klar definiert durch den Kapelldirektor Johann Gottfried Piefke. Der schlug Mitte des 19. Jahrhunderts in Wien auf und hatte ein zackiges und eloquentes Auftreten. Daraus wurde also der Piefke, das Klischee zackig-deutschen Verhaltens. Und der Ösi ist nichts anderes als eine Kurzform des Österreichers, ein Verwandter vom Ossi oder Wessi.“ Ob es nach Krassnitzers Erfahrungen noch diese Rivalität zwischen Deutschen und Österreichern gibt? Der Schauspieler knapp: „Nein, das ist ein Restposten historischen Denkens aus den Zeiten des Deutschen Krieges 1866. Damals entwickelte sich diese viel beschworene, aber bei den modernen Österreichern und Deutschen nicht stattfindende Missgunst. Das zeigt nur, wie europäische Geschichte immer noch mit Vorurteilen agiert anstatt europäische Realität wahrzunehmen.“
Hubertus Godeysen wirbt im Klappentext für sein Buch so: „Jährlich erklimmen in Österreich über zehn Millionen deutsche Touristen Berggipfel, bevölkern Skipisten, verspeisen Mozartkugeln, Mozarttorten und Mozartwurst, trinken von Einheimischen verschmähte Weine und verbringen 49 Millionen Nächte in österreichischen Betten. Im Gegensatz zu anderen urlaubenden Volksgruppen, und ohne es selbst zu bemerken, mutieren die Deutschen dabei zu einer besonderen Spezies: Sie werden Piefkes! Mit diesem, für sie nicht erkennbaren Stigma ausgestattet, erhalten sie an den Hotelrezeptionen, in den Restaurants und Wellnesstempeln, an den Skiliften und in den Tourismusbüros eine Sonderbehandlung, die man sonst nur Schwererziehbaren, Therapie-Unwilligen und Freigängern angedeihen lässt. Trotzdem gelingt es der professionellen Tourismuswirtschaft mit österreichischem Charme und rot-weiß-rotem Schmäh, die Piefke glücklich zu stimmen, so dass sie sich ahnungslos ihrem Urlaub hingeben und dafür auch noch gerne zahlen...“
Ein Blick zurück: Am Dienstag, dem 18. Juli 1876, strömten am späten Nachmittag Frankfurter Musikfreunde in großer Zahl zum Victoria-Garten. In einer Zeit, in der die Welt erwartungsvoll auf die für August vorgesehene erste Aufführung von Richard Wagners „Ring der Nibelungen“ im gerade vollendeten Festspielhaus in Bayreuth entgegensah, beschäftigten sich auch viele Frankfurter mit diesem nationalen Ereignis. Auch deshalb kommt Musikdirektor Gottfried Piefke mit 42 Musikern der Kapelle des Leib-Grenadier-Regiments zum Konzert. „Unter großer Theilnahme des Publikums“, schrieb die Tageszeitung später, machte Piefke neben Werken von Weber, Gluck und Beethoven vor allem mit Wagners Kompositionen bekannt. So fanden Klänge aus den Nibelungen und dem Rheingold die lebhafte, ungeteilte Zustimmung. Piefke betonte, dass er Werke aufführte, „die bis jetzt noch nicht im Druck erschienen sind“. In einer Ankündigung war zu lesen: „Auch Richard Wagners jüngere Composition, der Huldigungsmarsch Sr. Majestät, dem König von Bayern gewidmet, wird zum ersten Male zur Aufführung kommen“.
Selbst 25 Jahre später, im Juli 1901, erinnerten sich Oderstädter noch das Konzert. In der Oder-Zeitung wurde daran erinnert, „daß der berühmte Gottfried Piefke damals muthig den Taktstock geschwungen hat.“
Buchautor Hubertus Godeysen ist übrigens selbst ein Piefke. Er wurde 1949 in der Hansestadt Lüneburg geboren und wuchs in Niedersachsen auf. Als freier Journalist schreibt er seit 2007 aus Wien und Norddeutschland für österreichische und deutsche Medien. Anfang September, zur Nacht der Museen, kommt er erstmals nach Frankfurt. Dann wird auch hier Piefkes Geburtstag gefeiert.
Hubertus Godeysen: Piefke – Kulturgeschichte einer Beschimpfung; Editon Va Bene; ISBN-10: 3-85167-238-0; 24,90 Euro.
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