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ulf grieger 18.08.2010 19:38 Uhr
Red. Bad Freienwalde, freienwalde-red@moz.de

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Binnenflut hält Oderbrücher in Atem

Seelow/Bad Freienwalde (moz) Von Doris Steinkraus, Ines Rath, Franziska Pröber, Ulf Grieger und Steffen Göttmann

  © Grieger Ulf

Der Regen hört nicht auf. Die Wetterstation Manschnow hält deutschlandweit den August-Rekord bei den Niederschlagsmengen: Dort fielen bereits 139 Liter pro Quadratmeter – das sind fast 300 Prozent des üblichen Niederschlags. Diese Regenfälle haben in der gesamten Region erhebliche Schäden verursacht. Felder können nicht mehr abgeerntet werden.

Die Telefone beim Gewässer- und Deichverband (GEDO) stehen nicht still. Immer wieder melden sich Betroffene, schildern ihre Situation. „Wir gehen den Hinweisen nach und helfen, wo wir können“, erklärte GEDO-Chef Martin Porath, der am Dienstag seinen Urlaub abgebrochen hatte. „Bei allem Verständnis für den Ärger bitten wir aber darum, uns nicht zu beschimpfen. Wir wollen niemanden absaufen lassen.“ Derzeit sei die Lage aber prekär. Jeder Regenschauer mache sich sofort mit höheren Binnenpegeln bemerkbar.

Jetzt wäre es wichtig, einen schnellen Überblick über die Wasserstände zu haben. Doch das elektronische Management kann nicht eingeführt werden. Das Land lehnt es ab, sich an der Finanzierung zu beteiligen. Täglich sind 
70 der 86 GEDO-Mitarbeiter dabei, die Abflussbedingungen im Oderbruch zu verbessern.

Die großen Schöpfwerke wie Neutornow sind rund um die Uhr besetzt. Die anderen werden laufend kontrolliert. Die Arbeiten am Hauptoderdeich, wo Biberschäden verbaut werden, mussten wegen der Witterung eingestellt werden. Die Krautung an den großen Vorflutern sei erfolgt. Allerdings zeige die aktuelle Situation wieder, dass das Programm zur Sanierung der Alten Oder dringend fortgesetzt werden muss, so Porath. Eine Forderung, der sich Kreis-Bauernverbandschef Henryk Wendorff anschloss. Die Lage der Landwirte sei sehr schwierig. Noch stünden etwa 40 Prozent des Getreides auf dem Halm. Die Ernte sei verloren, wenn die Felder nicht bald wieder befahrbar sind. Qualitätsverluste werde es ohnehin geben. Der Mais könne zwar noch einiges aushalten. Aber dann müsse auch er geerntet werden. Bis zu vier Wochen kann es dauern, ehe die Felder trocknen.

Ortwig. Die acht Hektar große Oase mitten auf dem Acker zwischen Ortwig und Neubarnim steht komplett unter Wasser. Kein einziger Weg kann ohne Gummistiefel passiert werden. Eigentlich sollte jetzt die Saatgutgewinnung beginnen. Daraus wird nun nichts. Die Existenz für das nächste Jahr steht in Frage. „Ich kann nicht mal mehr weinen“, sagt Anita Dehnert. Seit mehr als zehn Jahren hat sie mit ihrem Lebensgefährten Peter Schindelhauer den Ceres-Hof zu einem Gartenparadies gestaltet, in dem alles wächst, was man für die eigene Versorgung benötigt. Hier wachsen nicht nur alte und seltene Kräuter, Teesorten, Blumen und Bäume, hier finden auch seit Jahren Menschen einen Ort, um abzuschalten und zu sich selbst zu finden. Die beiden Gründer haben unendlich viel Kraft und ihr gesamtes Vermögen in den Aufbau der Gartenanlage gesteckt.

Über Jahre wurden viele Kontakte aufgebaut. Inzwischen interessieren sich zahlreiche Experten und Institute für das Projekt. Demnächst sollte ein Humusbildungsseminar beginnen. Über Jahre wurden sechs verschiedene Komposte angelegt. Jetzt steht alles im Wasser. Die in den vergangenen drei Jahren eingebrachten effektiven Mikroorganismen sind hochgespült. Tausende Regenwürmer schwimmen im Wasser. „Wenn das Wasser weg ist, sind auch die Mirkoorganismen weg“, so Schindelhauer. Viele der Bäume – ein Arboretum wurde angelegt – werden den langen Stand im Wasser nicht überleben. „Das Schlimmste ist, dass wir kein Saatgut haben werden“, sagt der Mediziner. Man sei um Jahre zurück geworfen. Für ihn steht fest, dass der Gewässer- und Deichverband die Hauptschuld trägt, weil er den geordneten Abfluss nicht sichert.

Anita Dehnert ist überzeugt, dass es den Ceres-Hof in bisheriger Form nicht mehr geben wird. Sieben Frauen und Männer leben derzeit vom Hof. „Unsere wirtschaftliche Existenz ist vom Wasser weggespült worden“, macht Anita Dehnert deutlich. Sie ist überzeugt, dass ein Umdenken stattfinden muss. Man könne die Natur nicht überlisten. Angesichts randvoller Gräben und überfluteter Felder in der gesamten Nachbarschaft müsse man daran gehen, eine an die Natur orientierte Land- und Gartenwirtschaft aufzubauen. Sie werden Schadensersatzforderungen stellen, aber der eigentliche Wert der Anlage sei nicht mehr herstellbar.

Neutrebbin. Neutrebbins ehrenamtlicher Bürgermeister Siegfried Link informierte, dass sein Keller in diesem Jahr bereits zum dritten Mal unter Wasser steht.

Neulewin. In Neulewin sieht die Situation ähnlich aus wie in Neutrebbin. Vor allem die Keller in den Häusern nahe des Neulewiner Grabens sind vollgelaufen, berichtet Horst Wilke, ehrenamtlicher Bürgermeister von Neulewin. Diese müssten nun möglichst schnell wieder leergepumpt werden.

Dennoch möchte Wilke damit nicht den GEDO kritisieren und ihm zu langsames Handeln vorwerfen. Es sei nicht einfach, in kurzer Zeit das ganze Wasser abzupumpen. Außerdem würden die Keller regelmäßig unter Wasser stehen, sagt er. Der Bürgermeister warnt vor einer Dramatisierung der derzeitigen Situation. „Wer im Oderbruch sein Haus hat, muss ab und an mit überfluteten Kellern leben und rechnen.“

Oderaue. Einige Keller stehen auch in der Großgemeinde Oder-aue unter Wasser, berichtet Bodo Schröder aus Neureetz, ehrenamtlicher Bürgermeister von Oderaue. Vor allem die Eigentümer von Häusern, die in den Ortsteilen Zäckericker Loose und Neuranft stehen, kämpften mit dem Wasser, das in die Keller eindringt. „Auch unser Bürgerhaus in Neureetz ist wieder voll gelaufen“, sagt Schröder. Viel schlimmer sei jedoch, dass die Felder unter Wasser stehen und niemand mehr darauf kommt. Schwere Maschinen sinken ein. Die Gräben würden gekrautet, damit das Wasser besser abfließt, so Schröder. Sämtliche Felder, die an die Gräben angrenzen, stünden unter Wasser.

Doch nicht im Oderbruch macht das viele Wasser den Landwirten zu schaffen. Auch auf der Höhe, bei Freudenberg, konnte gestern der Fahrer einer Maschine nicht aufs Feld fahren.

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