Neuhardenberg (moz) Eine Frau ist ermordet worden. Die Teile ihrer zerstückelten Leiche hat man von einem Viadukt auf vorüberfahrende Züge geworfen. Nun werden sie überall in Frankreich gefunden. Der Täter ist schnell gefasst: Die harmlos wirkende Claire gesteht, ihre taubstumme Cousine Claire-Amélie umgebracht zu haben. Über das Motiv allerdings schweigt sie sich aus.
Die Erzählung „Die englische Geliebte“ von Marguerite Duras (1914–1996) ist ein ungewöhnliches Stück Literatur. „Es ist ein Krimi, aber es ist auch keiner“, versucht Gerd Wameling den Reiz des Textes zu beschreiben. „Mit Verhörmethoden wird hier versucht, eine Geschichte aufzuklären, doch je mehr gefragt wird, umso unklarer scheint alles zu werden. Am Ende entsteht ein Mosaik, das der Horror ist.“
An diesem Wochenende wird der Schauspieler gemeinsam mit seinen Kollegen Udo Samel und Sophie Rois dieses Mosaik in Neuhardenberg zusammen setzen. Die vom künstlerischen Berater, Gerhard Ahrens, und dem Generalbevollmächtigten der Stiftung Schloss Neuhardenberg, Bernd Kauffmann, eingerichtete Lesung war bereits bei den Movimentos Festwochen der Autostadt in Wolfsburg zu sehen.
Mit Samel hat Wameling dort unlängst auch Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ präsentiert. Beide kennen sich schon von der Berliner Schaubühne, an die Wameling 1974 – nach seiner Schauspielausbildung an der Folkwang-Hochschule Essen und ersten Engagements – wechselte. Bei Peter Stein, sagt der mittlerweile 62-Jährige, habe er seinen Beruf eigentlich erst richtig gelernt. „Für einen Anfänger war er Gold: Er war ein Lehrer, der viel über die Schauspielerei wusste, aber auch über alle anderen Künste.“
Bis 1992 blieb Wameling Ensemblemitglied, seitdem arbeitet er als freier Schauspieler. Einem größeren Publikum wurde der gebürtige Paderborner als Staatsanwalt Dr. Fried in der Sat.1-Serie „Wolffs Revier“ bekannt; daneben stand er unter anderem für Wim Winders’ Kinofilm „In weiter Ferne, so nah!“ und Dieter Wedels TV-Zweiteiler „Gier“ vor der Kamera.
Einen Namen gemacht hat sich Wameling aber auch als Sprecher für Hörbücher. Auf ganze 19 CDs bringt es so seine Interpretation von Fjodor Dostojewskis „Schuld und Sühne“. Er mag den russischen Autor. „Seine Romane sind wie Theaterstücke gebaut, man kann die Figuren fast spielen.“
Projekte wie dieses sind es, für die sich Gerd Wameling, seit er Professor an der Hochschule der Künste in Berlin ist, im Moment gerade noch die Zeit nehmen kann. Aufwendige Dreharbeiten dagegen müssen vorerst warten. Den Schauspielnachwuchs zu unterrichten, macht ihm Spaß. „Und außerdem“, sagt er, „bleibt man frisch dabei!“
„Die englische Geliebte“, szenische Lesung am 28. und 29.8., jeweils 17 Uhr, Schinkel-Kirche, Neuhardenberg, Kartentel. 033476 600750
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