Neuhardenberg (moz) Nachdem die USA mit ihren Atombomben Hiroshima und Nagasaki eingeäschert hatten, nachdem Tausende Männer, Frauen und Kinder in der Hitze der Explosionen verdampft waren, schrieb die Scientific Weekly im September 1945: „Prometheische Menschen unserer Tage haben den Olymp erneut überfallen und der Menschheit diesmal die Donnerkeile des Zeus mitgebracht.“ Das klang sehr nach einem Triumph der Wissenschaft, der Verwegenheit und der Vernunft. Es sah so aus, als wären die überirdischen Mächte dieser irdischen Vernunft nicht gewachsen gewesen. Denn diesmal, so schien es, blieb denen, die Zeus herausgefordert hatten, ein Schicksal wie dem Feuerdieb Prometheus erspart. Es gab keine Gefangenschaft an kaukasischen Felsen und keine Adler, die J. Robert Oppenheimer, dem Leiter des Bombenprojektes von Los Alamos, jeden Tag ein Stück von seiner Leber fraßen. Aber es gab Zweifel. Nach dem Abwurf der ersten Bombe sagte Oppenheimers Mitarbeiter Ken Brainbridge zu seinem Chef: „Now we are all son of bitches.“ Vornehm übersetzt heißt das: „Jetzt sind wir alle Schweinehunde.“ Und Oppenheimer sagte später zu Präsident Truman: „Ich glaube, ich habe Blut an meinen Händen.“ Der prometheische Mensch war, als er erkannte, was er angerichtet hat, kein Gewinner mehr.
Wie grausam dessen Errungenschaften sein können, davon erzählte Klaus Maria Brandauer, als er sich am Freitagabend mit seinem Programm „Faust – Gefesselter Prometheus“ in der Schinkel-Kirche von Neuhardenberg (Märkisch-Oderland) Grundsatzfragen menschlicher Existenz näherte. Er schlüpfte dafür in die Rolle eines japanischen Jungen, der beschrieb, wie er den Feuersturm nach der Atombombenexplosion erlebte. „Die Bombe“, fragte Brandauer, „ist das der Fortschritt?“ Hat Mephisto recht, wenn er in „Faust I“ behauptet, der Mensch brauche die Vernunft allein, um tierischer als jedes Tier zu sein?
Und doch verdammte Brandauer weder Wissensdurst noch Forscherdrang. Er drohte nicht mit dem Alten Testament und der Geschichte von Adam und Eva, denen die Lust nach den Früchten der Erkenntnis nur Ärger einbrachte. Er strapazierte niemanden mit den grundsätzlichen Gedanken, die sich Immanuel Kant zur reinen Vernunft gemacht hatte. Brandauer, dessen virtuos vorgetragene Monologe der Weltklassegeiger Daniel Hope sehr dezent musikalisch akzentuierte, nahm sich Goethe vor, dessen Faust und dessen trotziges Gedicht „Prometheus“.
Er wolle keine Dogmatik verbreiten, erklärte der Schauspieler, sondern gemeinsam mit seinem Publikum darüber nachdenken „wer wir sind, und woher wir sind“. Die von ihm ausgewählten Passagen versprachen da zunächst nicht viel Neues. Die Goethe’schen Auszüge, die er rezitierte, gehören zum allgemeinen Bildungskanon. Überraschend aber war, welches Bild Brandauer, einer Collage gleich, mit ihnen und seinen Kommentaren, Überleitungen und Ausschmückungen neu zusammensetzte.
Da wird Faust zum Empörer, der sich dagegen auflehnt, wie der menschliche Geist immer wieder aufs Neue eingesperrt wird durch Angst und Fantasielosigkeit, obwohl er frei fließen muss, um nicht zu verkümmern. Da erhebt sich ein Faust als ein Wissenschaftler „mit dem Anspruch eines griechischen Gottes“, dem ein Prometheus beispringt, der das rebellische Denken organisiert. Daraus formt sich ein Mensch, der meint, so frei zu sein, dass er tun kann, was er will. Eine arrogante Freiheit, die Brandauer als eine trügerische beschreibt, als eine, die weder Vernunft noch Glauben kennt. Deshalb lässt er sie in eine Sackgasse laufen, in der „nichts unmenschlicher ist als der Mensch“.
Der Schauspieler erhebt nicht den Anspruch, ein Philosoph zu sein, hat dem Theater trotzdem schöne Augenblicke ungezwungener Spekulationen geschenkt und dabei nicht verschwiegen, dass diese Spielwiese kein Platz ist für absolute Wahrheiten. Er schließt mit Fausts Worten: „Ein Schauspiel nur, wo fass ich dich, unendliche Natur?“
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