Schwedt (moz) Von Eva-Martina Weyer
Große Neugier: Besucherandrang am Tempeldienerhaus, im Hintergrund ist die Kuppel der Mikwe zu sehen.
Ein einzigartiges Kleinod in der brandenburgischen Museumslandschaft ist unter großem Publikumsinteresse eröffnet worden – das Jüdische Ritualbad mit Tempeldienerhaus. Erstmals war die Einrichtung nicht nur als Bauensemble, sondern als Museum wahrnehmbar.
Die Überraschung begann am Eingang zum Garten. Die Besucher gelangten von der Harlanstraße auf das Gelände. Sobald sie das erstmals geöffnete Tor in der Stadtmauer durchschritten hatten, waren sie wie verzaubert. Obstbäume spendeten Schatten, die Kuppel der Mikwe erhob sich aus sattem Rasengrün, das zum Picknick einlud. Hier stand von 1862 bis 1938 die Synagoge der jüdischen Gemeinde Schwedt. 1933 zählte die Stadt 136 jüdische Gemeindemitglieder. Heute gibt es so eine Gemeinde nicht mehr in Schwedt. Dem Stadtmuseum und dem Engagement zahlreicher Enthusiasten ist es zu verdanken, dass jüdisches Leben in Schwedt hier nachvollziehbar wird. Dem Museum ist es gelungen, jüdische Ritualia direkt aus Israel zu erwerben, darunter Gebetsriemen und ein Chanukka-Leuchter.
Der Besucher erfährt Wissenswertes über Speisegesetze und Feiertage. Auch einzelne Schicksale von Schwedter Juden werden schlaglichtartig erhellt. Da ist zum Beispiel eine Sammlung Kleiderbügel mit der Aufschrift „Max Maaß“. Dieser Mann verkaufte Schuhwaren, Herren- und Knabenkonfektion in der Berliner Straße 15. Bertram Lange unterhielt einen Herrenausstatter in der Vierradener Straße 3. Die Lebensläufe dieser Männer verlieren sich nach den Judenpogromen. Schmuckstück in der Ausstellung im Tempeldienerhaus ist ein festlich gedeckter Schabbattisch. Neben dem edlen Geschirr stehen zwei Kerzen, ein Becher Wein sowie zwei geflochtene Brote auf dem Tisch. Nachzulesen ist, dass die erste Mahlzeit des Schabbats mit einer kleinen Zeremonie beginnt: Über einen Becher mit Wein wird ein besonderer Segen gesprochen.
Im Sommer dieses Jahres erhielt das Stadtmuseum ein besonderes Exponat: das Schächtermesser der jüdischen Gemeinde Schwedt. Dietrich Schildt, 2009 verstorbener Nachfahre einer Schwedter Fleischerfamilie, erzählte dem Museum: „Eine Besonderheit war die Versorgung der jüdischen Familien. Hier galten ganz andere Regeln für das Schlachten und weitere Bearbeiten des Fleisches.“
In direktem Zusammenhang zu diesem neuen Museumskomplex zwischen Harlanstraße und Gartenstraße steht eine Wanderausstellung des Landeshauptarchivs im Stadtmuseum. Sie ist ebenfalls am Sonnabend eröffnet worden und dokumentiert die Enteignung und Verwertung jüdischen Vermögens.
In „Aktenkundig: Jude!“ wird die nationalsozialistische Judenverfolgung in Brandenburg nachvollziehbar. Besonders emotional wird das ein Einzelschicksalen aus Schwedt deutlich. Rohtabakhändler Franz Meinhardt zum Beispiel bat in einem eindringlichen Schreiben an den Oberfinanzpräsidenten in Berlin um „300 Euro von meinem Konto bei der Stadtsparkasse Schwedt“. Er wollte mit dem Geld jüdische Auswanderer in Stettin unterstützen. Überlebt hat Franz Meinhardt die Judenverfolgung nicht.
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