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Gedanken zur Wirtschaft: Was Agrarprodukte teurer macht

Hans-Joachim Schmahl
Hans-Joachim Schmahl © Foto: MOZ
08.09.2010, 18:14 Uhr
Hans-J (In House) Wenn sich die Geldanlage in Aktien oder Öl nicht mehr lohnt, dann stürzen sich Spekulanten gern auch auf landwirtschaftliche Produkte. In diesem Sommer ist der Preis für Weizen sprunghaft gestiegen – und das liegt nicht nur an schlechten Nachrichten.

Die gab es allerdings auch. Russland, sonst einer der wichtigsten Weizen-Exporteure, hat nach einer Missernte einen Exportstopp erlassen. Innerhalb weniger Wochen schnellte der Weizenpreis um bis zu 50 Prozent in die Höhe – auf den höchsten Stand seit Ausbruch der Finanzkrise.

Das schlechte Wetter hat auch in Deutschland große Ernteausfälle verursacht. Sie haben den Preis für Brotweizen auf das höchste Niveau seit Anfang 2008 getrieben. Schon sollen Brot und Brötchen teurer werden. Agrarexperten sehen dafür aber keinen Grund, weil Weizen nur geringfügig zum Preis von Brot und Brötchen beiträgt.

Das war allerdings auch in den Jahren der Agrarpreis-Krise 2007 und 2008 so. Dennoch bekamen sie auch die Deutschen beim Einkauf von Lebensmitteln zu spüren. Innerhalb eines Jahres verteuerten sich Lebensmittel um bis zu neun Prozent. In diesem Sommer stiegen die Verbraucherpreise bislang nur moderat.

Das war damals und ist heute kein Vergleich zu den weltweiten Folgen der rasanten Teuerung bei Nahrungsmitteln. Der Preisindex für Lebensmittel der Vereinten Nationen liegt derzeit schon um 13 Prozent über dem des Vorjahres. Damals wie heute bedroht der Preisanstieg für Grundnahrungsmittel wie Weizen, Reis und Mais vor allem die Ärmsten der 
Armen, deren Länder sich den Kauf nicht mehr leisten können.

Damals registrierte die Weltbank in 33 Ländern schwere, teils gewalttätige Aufstände im Kampf um die tägliche Nahrung. Die Zahl der Hungernden schnellte weltweit von 850 Millionen auf über eine Milliarde empor. Dann fielen die Preise wieder, das Problem schien überstanden. Doch die Hungerkrise verschwand nur aus dem Fokus der Öffentlichkeit. Nach Schätzungen des UN-Welternährungsprogramms WFP stieg die Zahl der Hungernden auch 2009 um weitere hundert Millionen.

Dieses Jahr wird eine noch unbekannte Millionen-Zahl dazukommen. Das WFP ist in vielen Ländern der größte Aufkäufer von Agrarprodukten zur Nahrungsmittelhilfe. Rund eine Milliarde Dollar gibt die Organisation jedes Jahr dafür aus. Wenn die Nahrung teurer wird, schrumpft die Hilfe entsprechend. Ralf Südhoff, Leiter der deutschen Abteilung des WFP, erklärte dem Magazin „Spiegel“: „Wir können mancherorts fast nichts mehr aufkaufen, wenn die Preise so stark steigen.“

Doch die Naturkatastrophen sind nicht die wahren Gründe für die Preissteigerungen. Trotz der Ernteeinbußen beispielsweise bei Weizen ist der nicht knapp. Weltweit sind die Weizenlager nach der guten Ernte des vergangenen Jahres noch gefüllt. Marktbeobachter glauben die Antwort bereits zu kennen: Spekulanten mit Milliarden Dollar sind auf der Suche nach neuen Anlagen wieder auf Agrarrohstoffe gestoßen. Die Rohstoffbörse Chicago hat sie als Preistreiber geortet. Und wieder stellt sich die Frage: Dürfen Anleger davon profitieren, dass Nahrungsmittel knapp werden und in Teilen der Welt Millionen Menschen hungern?

Auch wenn es schon viel Kritik an der Spekulation mit Agrarrohstoffen gab, konnte sich ein Verbot bislang nicht durchsetzen. Das soll sich demnächst ändern – jedenfalls, wenn es nach Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy geht. Der will eine stärkere Regulierung der Rohstoffmärkte zum Schwerpunkt seiner Präsidentschaft der führenden Industrie- und Schwellenländer G-20 machen. Bundes-Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) hat schon Unterstützung zugesagt. Und auch EU-Kommissar Michel Barnier, der es für notwendig hält, die „manchmal brutale Entwicklung“ an diesen Märkten zu bremsen.

Für die Ärmsten der Welt – aber auch für die deutschen Verbraucher – ist zu hoffen, dass sich die führenden Regierungen der Welt dabei schneller zu durchgreifenden Maßnahmen durchringen als beim Kampf gegen die Folgen der Finanzkrise.

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