(moz) Stell dir vor, ein ganzer Wirtschaftszweig liegt am Boden und niemand merkt es. Dieses Phänomen ist seit vielen Jahren im Musikgeschäft zu erleben. Es gipfelte vor einem Jahr in der Absage des wichtigsten Branchentreffens in Deutschland, der Berliner Musikmesse Popkomm. Gleichzeitig konnten sich Musikliebhaber kaum retten vor guter, neuer Musik, die trotz Krise allerorten produziert wurde. Weil zu viele Menschen Songs illegal über das Internet bezögen, könnten sich Firmen die Messeteilnahme nicht mehr leisten, lautete die Begründung für das Popkomm-Aus. Der Aufschrei der Lobbyisten sollte die Öffentlichkeit aufrütteln, doch er verhallte ungehört.
Daraus scheinen die Messeveranstalter Lehren gezogen zu haben. Die Popkomm ist wieder da, in verändertem Gewand. Mit 500 Teilnehmern ist die Messe kleiner als früher, aber dafür ausgebucht. Bislang ausschließlich den Fachleuten vorbehalten, öffnet sie sich nun dem Publikum. Jazz ist neu im Programm. Und es gibt rund um die Messe Konzerte mit hochkarätigen Bands, nicht mehr nur mit Newcomern.
Dennoch wirken die von offizieller Stelle gesendeten Aufbruchsignale bemüht. Man wolle vom neuen Standort – nicht mehr den Messehallen am Funkturm, sondern dem Flughafengelände in Tempelhof – neu durchstarten, sagt Popkomm-Direktor Daniel Barkowski. Dabei heben in Tempelhof schon seit Längerem keine Flugzeuge mehr ab. Ja, das alte Gelände mit morbidem Charme und ungewisser Zukunft bildet eher den traurigen Zustand ab, in dem die Musikbranche nach wie vor ist.
Tonträger wie CDs sind so gut wie tot, darin sind sich die Experten in Tempelhof einig. Das Geschäft hat sich ins Internet verlagert. Jeder vierte Deutsche findet laut einer aktuellen Umfrage das Raubkopieren von Musik in Ordnung. So gelten für Plattenfirmen Konzerte als Allheilmittel, um noch etwas Geld zu verdienen. Man müsse sie als unvergessliche Spektakel inszenieren, den Kunden Nähe zum Star bieten. Thesen, die so auch schon vor zwei Jahren auf der Popkomm zu hören waren. Die Branche ist keinen Schritt weiter. Oder doch: Man jammert nicht mehr, sondern richtet sich auf niedrigerem Niveau ein.
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