Neuhardenberg (moz) Seit einiger Zeit veranstaltet der Neuhardenberger Pfarrer Thomas Krüger in der Schinkel-Kirche Bibelstunden für Atheisten. Wer eine Predigt erwartet, die ungläubige Atheisten auf den rechten Weg führen soll, der täuscht sich gewaltig. Vielmehr findet eine lockere Gesprächsrunde zu unterschiedlichen Themen statt: Eine Religionsstunde der besonderen Art.
Es ist grau und verregnet an diesem Septemberabend in Märkisch-Oderland. Im Kirchenraum der Schinkel-Kirche in Neuhardenberg ist es deutlich gemütlicher – vor allem wärmer. Das weiche Licht des Gotteshauses trägt zur angenehmen Stimmung bei. „Noch ist ja keiner da“, sagt Thomas Krüger, „aber wir gucken mal.“ Krüger ist Pfarrer in Neuhardenberg. Zum dritten Mal hat er zu einem besonderen Abend geladen – zu einer Bibelstunde für Atheisten. „Die Idee kam von unserem Bürgermeister Mario Eska“, erzählt der Pfarrer. „Er fand, dass viele Menschen sowenig über das Christentum wissen. So entstand unsere Bibelstunde.“ Ursprünglich sollte der Abend im Gemeindehaus stattfinden, doch in der Kirche gäbe es mehr Anschauungsmaterial, fand Krüger.
Inzwischen haben doch noch vier Frauen den Weg in die Kirche gefunden und auf den grauen Holzbänken im Schinkel-Bau Platz genommen. Auch Christa Stark von der Kirchengemeinde hört zu. Normalerweise sei der Abend besser besucht. Zehn bis zwölf Menschen kamen zu den vergangenen beiden Treffen, weiß Krüger. Doch das stört ihn nicht weiter. „Ich bin da, auch wenn es nur ein Vier-Augen-Gespräch wird“, sagt er.
Thomas Krüger setzt sich zu seinen Zuhörern. Er trägt weder Talar noch Beffchen – der weiße Schal, den Geistliche bei einer Predigt tragen.
Nein, ganz leger und unverkrampft soll es hier sein. Krüger hat einen Strickpullover und eine Jeans an, steht auch nicht oben auf der Kanzel, sondern sitzt den Frauen gegenüber – auf Augenhöhe. Er predigt auch nicht.
Vielmehr gibt der Pfarrer eine Art Religionsstunde. „Sehen sie die Evangelisten dort?“, fragt er die Bibelstunden-Besucher und zeigt auf die großen Bilder von Lucas, Matthäus, Johannes und Marcus, die im Chor der Schinkel-Kirche hängen. Er erzählt vom Leben der vier, von ihrer Bedeutung, von Heiden, Christen, Juden. Dann wieder liest er eine Passage aus der Bibel vor. Man merkt, dass er Pädagoge ist: Religionslehrer, seit 14 Jahren.
„Alles verständlich? Wenn ich zu schnell rede, dann sagen Sie mir Bescheid“, muntert er die Gäste auf, ihn zu unterbrechen. Es soll schließlich ein Dialog sein, kein Monolog.
Das wissen die Besucher und nutzen die Gelegenheit für Fragen, die sie schon immer mal beantwortet haben wollten. „Ich habe nie ganz verstanden, was es mit der Zeitrechnung vor und nach Christi auf sich hat?“, fragt eine Frau. Mit Christi Geburt fange die Zeitrechnung an, daher kämen diese ungewöhnlichen Angaben, erklärt Krüger und gibt auch gleich Einblicke in den neuesten Forschungsstand: „Heute wissen wir aber, dass er zwei bis drei Jahrhunderte vor seinem eigentlichen Geburtstag geboren wurde. Und mit Sicherheit nicht am 24. Dezember“, weiß er.
Was hier in den heiligen Kirchenräumen abgehalten wird, geht über eine einfache Bibelstunde weit hinaus. Vielmehr ist es eine religiöse Geschichtsstunde mit einer Prise Ethik, Politik und Architektur – eingebettet in eine lockere Gesprächsrunde, die durch eine bestimmte Thematik eingeleitet wird – heute waren es die Evangelisten, in der nächsten Bibelstunde soll die Bergpredigt näher in Augenschein genommen werden.
Doch was treibt Atheisten eigentlich dazu, einer Bibelstunde zu lauschen?„Für mich ist das wie Geschichtsunterricht. So kann ich das alles mal ordnen, denn ich lehne keinen Glauben ab“, sagt eine Zuhörerin. Für Bärbel Reichardt sind es berufliche Gründe, die sie hier in die Kirche nach Neuhardenberg gelockt hat. „Ich arbeite in einem evangelischen Kindergarten und uns wurde das alles in der Schule nicht so vermittelt. Daher möchte ich meine Wissenslücken schließen“, begründet sie ihren ersten Bibelstunden-Besuch und erklärt, dass sie sich auch bald taufen lassen möchte.
Nach gut anderthalb Stunden schaut Thomas Krüger auf seine Uhr und lacht: „Naja, das war ja etwas mehr als eine Bibelstunde.“ Es ist ein bisschen so wie mit der Geburt Christi – so ganz genau nimmt man es hier mit der Zeit eben nicht.
Bibelstunde für Atheisten am 28. Oktober, 19 Uhr, Schinkel-Kirche in Neuhardenberg
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