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Frauke Adesiyan 16.01.2011 08:01 Uhr - Aktualisiert 04.02.2011 10:17 Uhr
Red. Frankfurt (Oder), frankfurt-red@moz.de

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Die geteilte Familie

Frankfurt (moz) Ein tschetschenischer Familienvater und seine vier Töchter wohnen derzeit im Kirchenasyl in Frankfurt. Ihr Ziel ist Belgien, wo die Mutter mit fünf weiteren Kindern lebt. Eine Tochter ist schwer zuckerkrank und wurde wochenlang im Klinikum behandelt.

  Zwischenstopp: Ali D. (2.v.l.) und seine Töchter Milana (l.), Karina (vorn, l.), Mariam (vorn, r.) und Asiyat (3.v.r.) leben derzeit mit Pfarrerin Katharina Falkenhagen (3.v.l.), Ulrich Falkenhagen (2.v.r.) sowie deren Kindern Frieda und Klemens zusammen. © FOTO Michael Benk

Familie D. sitzt an einem schlichten Holztisch in der Küche des Gemeindehauses Kreuz. Vater Ali wirkt verloren in seinem weiten Pullover. Die eingefallenen Wangen erzählen von den Strapazen der vergangenen Monate. Sehr leise fängt Ali an, die Geschichte seiner Flucht zu erzählen. Im August 2009 brachen er und seine schwangere Frau aus der russischen Republik Dagestan auf. Getrennt, jeweils mit vier Kindern und dem Ziel Belgien. Dort, so hatten sie gehört, würden Menschenrechte besonders geachtet.

Die Situation in der Heimat war unerträglich geworden. „Maskierte haben uns bedroht, unser Haus durchsucht“, beschreibt Ali knapp seine Angst. Die Familie gehört der tschetschenischen Minderheit an, Alis Bruder hatte in Tschetschenien gekämpft und wurde umgebracht, nun wurde die gesamte Familie eingeschüchtert. „Es war nicht sicher für uns“, sagt der Familienvater.

Doch nur seine Frau kam mit vier der gemeinsamen Kinder in Belgien an. Ali D. und die Töchter Asiyat (heute 15), Mariam (11), Karina (10) und Milana (6) wurden von der polnischen Polizei gefasst. Dort warf man ihm vor, seiner an Diabetes leidenden Tochter Mariam mit Absicht keine Medikamente zu geben, um bleiben zu dürfen. Die Augen des Vaters füllen sich mit Tränen, wenn er von dieser Anschuldigung erzählt. Die fünf wurden schließlich zurück nach Weißrussland gebracht. Erst etwa ein Jahr später erfuhren sie, dass die Mutter in Belgien angekommen ist und dort ihre jüngste Tochter zu Welt gebracht hat.

„Als wir wussten, wo sie waren, haben wir uns wieder auf den Weg gemacht“, erzählt Ali, die Arme eng um den Oberkörper geschlungen. Diesmal kamen sie bis über die deutsche Grenze. Am 13. Oktober wurden sie auf dem Rastplatz Frankfurter Tor vom Zoll gestoppt. In einem Van fand man die Familie, die vor nichts mehr Angst hatte, als zurück nach Polen zu müssen.

Die Bundespolizei übernahm die Flüchtlinge. „Meine Kollegen haben festgestellt, dass das eine Kind sehr krank war. Wir haben sie ins Klinikum gebracht“, erinnert sich Polizeioberrat Wilhelm Borgert. Mariam war in einem derart schlechten Zustand, dass die Ärzte im Klinikum sie und den Rest der Familie einen Monat lang im Krankenhaus behielten. Kurz vor Weihnachten ging es ihr so gut, dass man sie nach dem Aufenthalt in einem Berliner Diabeteszentrum entlassen konnte.

In der Zwischenzeit war der Ausländerbeauftragte Michel Garand an die Kirche herangetreten, um eine Unterbringung zu organisieren. „Menschen in Not zu helfen, ist ein Fundament des christlichen Glaubens“, begründet Pfarrerin Katharina Falkenhagen die Entscheidung des Gemeindekirchenrats. Seitdem wohnen die Flüchtlinge mit der Pfarrersfamilie unter einem Dach. Kleidung hat das Rote Kreuz bereitgestellt, Essen und Medikamente bezahlt die Kirche aus ihrem Sozialfonds und mithilfe von Spenden. „Wir können unkonventionell helfen, in behördliche Entscheidungen hängen wir uns aber nicht rein“, betont die Pfarrerin.

Doch die Behörden werden entscheiden müssen. Die Bundespolizei ist überzeugt, dass die Familie nach Polen zurückkehren muss. Denn nach EU-Recht müssen Flüchtlinge im ersten EU-Land, das sie erreichen, Asyl beantragen. In einer 30-Kilometerzone hinter der Grenze ist die Bundespolizei für Flüchtlinge zuständig. Dagegen hat die Anwältin der Familie Rechtsmittel beim Verwaltungsgericht eingelegt. Außerdem läuft ein Antrag beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), dem Vater mit seinen Töchtern die Reise zu den anderen Familienmitgliedern in Belgien zu genehmigen. „Wenn die negativ entscheiden, werde ich die Zurückschiebung nach Polen veranlassen“, stellt Polizeioberrat Wilhelm Borgert klar. Davor müsste allerdings ein Arzt bescheinigen, dass Mariam reisefähig ist.

Die vier Mädchen und ihr Vater wünschen sich währenddessen nichts mehr als ein Wiedersehen mit dem Rest der Familie. Anderthalb Jahre haben sie die Mutter nicht gesehen, das jüngste Kind haben sie nie kennengelernt. Seit sie bei Falkenhagens leben, telefonieren sie zumindest regelmäßig miteinander. Besonders belastend ist die Situation für die älteste Tochter Asiyat, die sich um die Kleineren kümmert. Nach dieser Verantwortung gefragt, schlägt sie die Hände vor das Gesicht und schluchzt. Ihr Vater murmelt hilflos: „Alles wird gut.“ Von den drei Schwestern ist nur das Kratzen der Buntstifte zu hören. Tränen sind hier alle gewohnt.

Wie so oft sitzt auch an diesem Tag Michel Garand mit im Zimmer. Bevor er die Familie allein lässt, erklärt er Ali D. einen Brief vom Amt. „Noch Fragen?“, sagt er beim Aufstehen. Mariam flüstert: „Wann können wir zu Mama?“ Eine wirkliche Antwort darauf hat Garand nicht. Doch am nächsten Tag will er mit seinem Laptop wiederkommen – dann können sie die Mutter wenigstens auf dem Bildschirm sehen.

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