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Am roten Meer der Uckermark

Voller Frohsinn und Ideen: Saskia Gräfin Hahn mit einer von drei Töchtern im großen Wohnsalon des alten Herrenhauses in Blankensee. Die Forstwirtin liebt Mohnblumen und presst Speiseöl für Handelsketten daraus.
Voller Frohsinn und Ideen: Saskia Gräfin Hahn mit einer von drei Töchtern im großen Wohnsalon des alten Herrenhauses in Blankensee. Die Forstwirtin liebt Mohnblumen und presst Speiseöl für Handelsketten daraus. © Foto: MOZ
Oliver Schwers / 03.02.2011, 21:04 Uhr
Blankensee (In House) Die Farbe Rot hat es ihr angetan. In diesem Ton wärmte Saskia Gräfin Hahn mit dem Pinsel ihr riesiges Wohnzimmer. Und ein ebensolches Rot überflutet bald die Felder des Gutes Blankensee. Die ideenreiche Gräfin lässt Öl produzieren. Und zwar aus den Blüten traumhaft schöner Mohnblumen.

Rote Verschlüsse tragen selbst die schmalen Fläschchen. Sie machen neugierig auf den geheimnisvollen Inhalt. Darin gluckert eine neue Ölquelle der Uckermark. Die stammt nicht aus der Tiefe der Erde, sondern vom Acker des Gutes Blankensee. Eine gelbliche Flüssigkeit mit dem Aroma des Mohns – das bleibt übrig von einer verblühten Blume, nachdem sie durch die Trommel eines Mähdreschers wandert und die schwarzen Körnchen anschließend eine Ölpresse passieren.

Saskia Gräfin Hahn tritt die zartrote Konkurrenz zum gelben Rapsmeer an, das alljährlich im Frühjahr die Uckermark umwogt. Auf den Feldern des Familiengutes bei Mittenwalde wachsen bereits 20 Hektar Schlafmohn. Wenn die Blüten aufgehen, reisen Berliner Touristen mit Kameras an. Für Großstädter ein Naturspektakel.

Für die junge Gräfin eine beinahe zufällige Wirtschaftsidee. Die 38-Jährige, die durch die Familienwurzeln ihres Mannes aus dem gemütlichen Niedersachsen in den rauen Osten gelangte, sprudelt vor mitreißender Begeisterung. Und wie so oft legte eine Fügung den Grundstein zu einer außergewöhnlichen Entscheidung. Es war die Aufforderung des Ordnungsamtes, das zum Gut gehörende und stark marode Backsteingebäude im Ort zu sichern. „Wir wussten erst nicht, was wir mit der früheren Ölmühle machen sollten“, erzählt die Hausherrin. Für den Landwirtschaftsbetrieb ihres Mannes fand das architektonisch schöne Haus keine Verwendung. Und abreißen wollte man es auch nicht.

Die Neu-Uckermärkerin bestellte sich ein Buch über Ölfrüchte und stieß auf Mohn. Auf roten. „Gelb kann jeder, wir machen rot“, lacht sie mit ansteckendem Vergnügen. Beim Tee in urgemütlicher Umgebung alter Holzmöbel erzählt die 38-Jährige in Jeans und kariertem Hemd von den Reaktionen auf ihren Mohnanbau. „Blankenseer Rauschwochen“ witzelten Freunde über den Unternehmergeist im wilden Osten. Und hatten die legendäre betäubende Wirkung einiger Sorten vor Augen. „Ach, Mohn habt ihr da“, befanden dagegen die Ortsansässigen eher nüchtern. Als ob es die normalste Sache der Welt wäre. Ehemann Botho sagte das, was er immer zu solchen Einfällen sagt: „Das rechnen wir erstmal durch.“

Doch der Landwirt, der keineswegs Vorbehalte gegen solcherart Direktvermarktung hegt, ließ sich auf das Experiment ein. Auch aus Gründen des Wachstums. Denn wie fast alle Bauern der Uckermark trifft auch ihn die Preisspirale der BVVG bei der Privatisierung von Acker. Als „Hehlerei“ bezeichnet der Graf, der das Gut seiner Vorfahren bewirtschaftet, die explodierenden Bodenkosten. Vor dem Krieg brachten 850 Hektar Wohlstand und die Sicherheit, das stattliche Herrenhaus in Blankensee unterhalten zu können. Jetzt beackert er die Hälfte. „Es rechnet sich unter den Bedingungen nicht, Boden zu kaufen, also müssen wir nach oben wachsen“, lautet sein Standardsatz.

Nach oben wächst Mohn. Mit handtellergroßen Blüten. Schlafmohn – eine der wenigen Sorten, die in Deutschland überhaupt angebaut werden dürfen. Also nichts für medizinische Zwecke oder Rauschwochen in stiller Uckermark-Einsamkeit. Stattdessen steckt Speise-Öl im Mohn. Vom roten Meer der Uckermark mit derzeit 20 Hektar fließen nach dem Pressen rund 5000 Liter hocharomatischer Flüssigkeit in die Abfüllung. Dann steht Gräfin Saskia in ihrer kleinen Produktionsküche und bedient die eigens angeschaffte Ölpresse. Die bildet später den Mittelpunkt einer gläsernen Schau-Mühle im umgebauten Backsteinhaus.

Denn der Mohn treibt weitere Blüten. Neben der Direktvermarktung in Form von 100-Milliliter-Fläschchen für Köche aller Sparten denkt die Adelsfamilie an begeisterte Großstadttouristen, die sich im weniger teuren Urlaub am Mohn und dem Landleben berauschen. Die nimmermüde Mohnöl-Produzentin weiß um die Wirkung der Landschaft. Als sie vor rund zehn Jahren gleich nach dem Studium ihrem Mann in die ostdeutschen Stammlande folgte, stand sie vor einem Gutshaus, das schon einige Fantasie erforderte, um den früheren Glanz zu erkennen. Dabei hatten die Schwiegereltern nach der Wende bereits die schlimmsten DDR-Baumangel-Hinterlassenschaften beseitigt.

Heute lebt die schlanke hochaufgeschossene Frau in glücklicher Harmonie mit Familie und ihren geliebten Gänsen, Schafen, Ponys, Hühnern und Hund mitten in der Natur. Als studierte Forstexpertin kümmert sie sich um den eigenen Waldbestand, als Gutsfrau um Haus und Hof, als Unternehmerin um die Ölmühle und als Mutter um vier Kinder (der Stammhalter ist gerade 15 Monate alt). „Ich weiß nicht, was mich treibt“, sagt die fröhliche Gräfin. „Gemütlich beim Tee sitzen wir nur, wenn Besuch kommt. Ich bin jetzt 38. Irgendwann lässt die Kraft nach. Also bleiben noch zehn Jahre, um den Betrieb dauerhaft zum Laufen zu bringen.“

Die Rechnung könnte aufgehen. Am neuen uckermärkischen Ölvorkommen zeigen große Handelsketten Interesse. Sogar Großpackungen für die Gastronomie sind bereits im Umlauf. Fernsehteams warten auf die Mohnblüte. Auf der Grünen Woche übergibt der Landrat ein Gütesiegel des Biosphärenreservats.

So ähnlich startete einst die gar nicht weit entfernt lebende Apfel-Gräfin der Uckermark, Daisy von Arnim. Die charmante Frau mit ihren ungewöhnlichen Produkten und der rollenden Mosterei kennt bald jeder Berliner. Vielleicht ist es ein besonderer Sinn für den Boden, für das Landleben oder der Blick für vergessene Werte, der den rückkehrenden Adel zu seinen Ideen verhilft. Das gilt auch für die Vermarktung. Auf jeder Flasche aus der Ölmühle von Saskia Gräfin Hahn prangt in Anspielung auf den Familiennamen ein putzmunter krähender Hahn. Natürlich knallrot.

Kommentare

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MOZ Leser 05.02.2011 - 00:56:08

@ O. S.

"Saskia Gräfin Hahn tritt die zartrote Konkurrenz zum gelben Rapsmeer an, das alljährlich im Frühjahr die Uckermark umwogt. Auf den Feldern des Familiengutes bei Mittenwalde wachsen bereits 20 Hektar Schlafmohn (...)" So ein harmonischer Artikel von Oliver Schwers? Das kennt man ja so gar nicht! Da hat wohl der im Bericht erwähnte "Schlafmohn" seinem Namen alle Ehre gemacht und die Sinne des Redakteur betört;-).

UckerMärker 04.02.2011 - 10:59:01

Die Uckermark und ihr Adel

Der olle Karl May hatte seinen Ölprinzen... Die Enkel von Karl Marx brachten russisches Öl ins Land... Und jetzt haben wir in der Uckermark auch eine eigene ÖL-Gräfin. Ob das die Herren der arabischen Halbinsel nicht erschrocken aufhorchen lässt? Der Öl-Gräfin wünsche ich für ihre Geschäftsidee viel Erfolg. Dass ihre Idee lecker ist, davon habe ich mich schon auf der grünen Woche überzeugt. PS: Ich freue mich schon darauf, demnächst etwas vom Rinder-Baron der Uckermark zu lesen...

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