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„Reden bringt Erleichterung“

Ein offenes Ohr: Jörg Schuh, Geschäftsführer vom Berliner Verein „Tauwetter“, wurde als Kind selbst missbraucht und berät nun andere Opfer.
Ein offenes Ohr: Jörg Schuh, Geschäftsführer vom Berliner Verein „Tauwetter“, wurde als Kind selbst missbraucht und berät nun andere Opfer. © Foto: MOZ
Maria Neuendorff / 29.03.2011, 18:07 Uhr
Berlin (In House) In Berlin gibt es erneut einen Missbrauchsfall in der katholischen Kirche. Viele Opfer brauchen Jahre, bis sie den Mut finden, sich zu öffnen. Der Verein „Tauwetter“ ist eine der wenigen Anlaufstellen für Männer, die sexuell missbraucht worden sind.

Es sind manchmal nur Situationen, Gerüche, Bilder, die plötzlich alles zum Tauen bringen. Meist ist es aber ein schleichender Prozess, der sich über Jahre hinzieht. Jörg Schuh war Anfang zwanzig, als ihn das Gefühl beschlich, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Seine damalige Freundin offenbarte ihm damals, dass sie in der Jugend sexuell missbraucht wurde. Dass ihm in seiner Kindheit Ähnliches widerfahren ist, gestand er sich damals noch nicht ein. „Bei Männern gibt es da eine Wahrnehmungsstörung. Sie spielen das Erlebte oft herunter oder geben sich eine Mitschuld“, sagt Jörg Schuh.

Der heute 43-Jährige sitzt im zweiten Stock eines Kreuzberger Hinterhofes. In die schlicht eingerichteten Räume kommen Männer ab 16, die als Kinder sexuell missbraucht worden sind. Das Projekt ist deutschlandweit einzigartig. Der Verein „Tauwetter“ gründete sich 1996 aus einer Selbsthilfegruppe betroffener Männer heraus. „Schon damals war der Beratungsbedarf groß“, sagt Jörg Schuh.

Doch seit im vergangenen Jahr die ersten Missbrauchsfälle am Canisius-Kolleg öffentlich wurden, hätten sich die Anfragen verdoppelt. „Priester missbrauchen aber nicht mehr als Reformpädagogen“, stellt Jörg Schuh klar. Vielmehr finde sexueller Missbrauch leider überall in der Gesellschaft statt.

So berät der Verein unter anderem Schulen und Sportvereine in der Prävention. Vor allem aber ist Jörg Schuh Ansprechpartner für Betroffene und deren Angehörige. Dass die vier Mitarbeiter selbst einmal Opfer waren, ist dabei hilfreich. „Wenn ich meine eigene Geschichte ins Spiel bringe, merkt mein Gegenüber, dass ich genau weiß, wovon er spricht. Außerdem bin ich ein Beispiel, um zu zeigen, dass man aus der Krise auch wieder herauskommen kann.“

Der Berater durchlief selbst viele Tiefen, bis er mit Mitte 30 bei „Tauwetter“ Hilfe suchte. Das dunkle Geheimnis, das er bis dato immer mit sich herumtrug und das immer wieder für Probleme in Partnerschaften sorgte, lüftete sich nach und nach bei den Gesprächen und der anschließenden Therapie. Es war sein eigener, sechs Jahre älterer Bruder, der ihn missbrauchte. „Ich war damals elf, zwölf. Er hat mich sozusagen aufgeklärt, und ich durfte ihn und seine Freunde regelmäßig befriedigen.“ Die Bilder seien über die Jahre so verschüttet gewesen, dass er manchmal sogar glaubte, er habe das alles nur geträumt, schildert Schuh den Prozess der Aufarbeitung. „Erst recht, wenn es die eigenen Eltern nicht wahrhaben wollen und der Bruder alles leugnet.“

Erst bei „Tauwetter“ stieß er auf offene Ohren. Dort hat der Kreuzberger nicht nur gelernt, mit den eigenen Erfahrungen umzugehen, sondern sie auch professionell an andere weiterzugeben. Die Spannweite der Hilfesuchenden ist dabei enorm. Jörg Schuh hat weinende Mütter am Telefon, bei deren Säuglingen Verletzungen am After festgestellt wurden. Aber auch Senioren, die erst im hohen Alter mehr oder weniger durch Zufall darauf stoßen, dass auch sie im Kleinkindalter missbraucht wurden. „Ausschlaggebend für solche Erkenntnisse sind oft sexuelle Situationen und die eigenen Verhaltensweisen“, erklärt der studierte Sozialarbeiter.

Die Opfer, die verdrängen, müssen das Geschehene irgendwie kompensieren. Das Suchtpotenzial sei dabei sehr hoch, und die Betroffenen griffen nicht selten zu Alkohol und Drogen oder neigten zur Selbstverletzung.

„Reden verschafft Erleichterung“, weiß Jörg Schuh, ob nun im anonymen Einzelgespräch oder in den Männergruppen, die sich regelmäßig in den „Tauwetter“-Räumen treffen. Auch per E-Mail kommen viele Anfragen und manchmal auch regelrechte Hilferufe aus ganz Deutschland. So schrieb ein Junge, dass er zu Hause eingeschlossen sei und sich vor der Rückkehr seines Peinigers fürchte. „Er wollte aber gar nicht, dass ich die Polizei rufe, sondern erst einmal nur einen Ansprechpartner“, sagt Schuh.

Ein gefragter Gesprächspartner ist er inzwischen auch für die katholische Kirche, die den Verein schon zur Bischofskonferenz nach Mainz eingeladen hat. Doch obwohl das öffentliche Interesse inzwischen immens ist, bekommt die Beratungsstelle keine finanziellen Hilfen von der Stadt. Personalkosten, Miete und Strom müssten aus Spenden finanziert werden, berichtet der Berater. „Gerade wurden wir mal wieder von der Haushaltsliste gestrichen.“

Tauwetter e. V., Gneisenaustraße 2a, 10981 Berlin, Telefon 030 6938007,

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