Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Die Utopisten von Gildenhall

Benno Dietrich / 06.04.2011, 07:50 Uhr - Aktualisiert 10.05.2011, 16:54
(In House) Zweifellos prägen die beiden bekanntesten Neuruppiner – Fontane und Schinkel, die hier geboren wurden – das Image der nordbrandenburgischen Stadt. Auch die beiden Lyriker Erich Arendt und Eva Strittmatter stammten aus Neuruppin. Aber fast vergessen ist das einst deutschlandweit bedeutende Landreformerprojekt Gildenhall aus den 1920er Jahren. Bekannte Kunsthandwerker siedelten sich hier an. Manfred Neumann fand in einer Scheune Original-Möbelstücke und stellte sie aus.

Vor 15 Jahren fand Möbelrestaurator Manfred Neumann aus Neumühle einen ganz besonderen Schatz. In der Scheune eines Fotografen entdeckte er eigenwillig gestaltete große Stühle. „Sie waren total vergammelt“, sagt er. Aber diese zu restaurieren, gehört zu seinem Arbeitsalltag. Dieses Ensemble hatte jedoch noch eine Besonderheit: Es stammt aus der einstigen Lebensreformer-Siedlung Gildenhall, die stets im Schatten der viel bekannteren Obstbau-Siedlung Eden bei Oranienburg stand, nicht zuletzt deshalb, weil sie nur acht Jahre existierte, während die Siedlung in Eden noch immer Bestand hat. Dennoch gehörte die 1921 gegründete Kunsthandwerker-Genossenschaft zu den wichtigsten Lebensreformer-Projekten Deutschland in jener Zeit.

Die Entdeckung und der Kauf der Möbelstücke veranlasste Manfred Neumann, sich intensiver mit der Geschichte der alternativen Handwerker-Siedlung zu beschäftigen. Letztlich gestaltete er eine kleine Ausstellung in seinem Museumshof in Neuruppin, die Tisch und Stühle sind „als Ensemble die einzigen Originale, die die Zeit überlebt haben“. Außerdem steht im Gildenhall-Zimmer noch ein dunkelgrüner Kachelofen, verziert mit den Initialen des Berliner Bildhauers Hans Lehmann-Borges, der zusammen mit dem Hamburger Keramiker Richard Mutz, der einst für Ernst Barlach arbeitete, nach Gildenhall kam und hier eine Keramische Werkstatt führte. Die Lebensreformer zogen aus ganz Deutschland in die Gildenhall-Siedlung, so die Textilgestalterin und Bauhausschülerin Else Möglin aus Weimar, der Tischlermeister Walter Voigt aus Dresden-Hellerau und der Theatermaler Harry Großmann aus Coburg.

Es war der Architekt und Baumeister Georg Heyer aus Berlin, der 1921 eine Freiland-Fläche pachtete und eine Genossenschaftssiedlung gründete. Ein Jahr zuvor hatte er in einer Broschüre seine Gedanken über eine Handwerkersiedlung auf boden- und lebensreformerischer Grundlage veröffentlicht und am Ruppiner See ein Sägewerk errichtet, dem sich nun weitere Handwerksbetriebe anschlossen. Am 16. Juni 1921 gründete er schließlich die „Freilandsiedlung Gildenhall e.G.m.b.H.“

Der Oldenburger Dipl. Ökonom Werner Onken schriebt dazu in seiner Schrift „Modellversuche mit sozialpflichtigem Boden und Geld“ von 1997: „Unter den sehr schwierigen äußeren Bedingungen der großen Inflation entstanden Wohnhäuser und Betriebsstätten für zahlreiche Handwerker und ihre Familien. Ansässig wurden in Gildenhall neben dem Sägewerk zunächst eine Zimmerei und Bautischlerei, sodann eine Töpferei, eine Werkstatt für Bauplastik und -keramik, eine Handweberei, ein Grobschmied, eine Emaillemalerei, eine Möbeltischlerei und eine Drechslerei. Es folgten noch ein Stellmacher und ein Instrumentenbauer, ein Maler und ein Schuhmacher. Bis 1923 wohnten in Gildenhall in 23 Siedler-Einzelhäusern und vier Wohnungen ebenso viele Familien mit insgesamt 110 Personen. Im Jahr darauf wurden weitere 24 Siedlungshäuser fertig gestellt.“

Anders als in Eden widmeten sich ihre Bewohner nicht dem Obst- und Gemüseanbau und ihrer Verarbeitung, sondern dem Ziel „das Handwerk in einer nichtindustrialisierten Form wiederzubeleben und damit der allgemeinen Mechanisierung entgegenzutreten“, wie es Werner Onken beschreibt. All dies sollte sich harmonisch in das natürliche Lebensumfeld der Menschen einfügen. Gleichzeitig bildeten die Gildenhall-Handwerker 1926 eine Gesellschaft, die für die Werbung und den Vertrieb der Gildenhaller Produkte zuständig war. „Sie richtete drei Verkaufsstellen in Berlin ein und organisierte auch Ausstellungen auf den Leipziger Herbstmessen. Mit günstigen Zahlungsbedingungen ermöglichte sie es insbesondere vielen sozial schwächeren Familien, zu persönlichem Eigentum an qualitativ guten Einrichtungsgegenständen zu gelangen.“

Neben dem Handwerk etablierte sich ein reges kulturelles Leben. Die Theatergruppe Gildenhall spielte auch im benachbarten Neuruppin. Eine Schule wurde ebenfalls errichtet. Dennoch kam bald das Aus. Die große Weltwirtschaftskrise von 1929 manövrierte die Handwerksbetriebe in immer größere Existenzprobleme. Ein Betrieb nach dem anderen musste seine Arbeit einstellen. Während die Siedlung verschwand, wurde Gildenhall zum Ortsteil Neuruppins.

Doch neben der privaten Ausstellung im Museumshof erinnert auch die Stadt Neuruppin an ihre einstigen Lebensreformer. Seit über 30 Jahren ist der Raum in der oberen Etage des Neuruppiner Museums fast unverändert und wirft einen Blick auf die Handwerkersiedlung aus den 1920er Jahren. Schon 1980 hatte die ehemalige, langjährige Museumsleiterin und Ehrenbürgerin Neuruppins Lisa Riedel so viel Material zusammengetragen, dass sie eine ständige Ausstellung einrichtete, die bis heute zu sehen ist.

Die Siedlung hat längst ihren Charme verloren. Nach dem Niedergang des Projektes verfielen die Häuser, und zu DDR-Zeiten wurde der Charakter der Siedlung missachtet. Nur mit geübtem Blick und Fantasie ist der Geist von einst noch zu spüren.

****

(Gildenhall-Ausstellung im Museumshof (nur noch bis Herbst), Fischbänkenstr. 3, 
Tel: 03391/651747, geöffnet Di-So 10-17 Uhr; im Museum Neuruppin, August-Bebel-Str. 14/15, Tel: 03391/4580624, geöffnet: April-Okt. Di-So 10-17 Uhr)

Kommentare

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2017 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG