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Steffen Göttmann 16.05.2011 08:15 Uhr
Red. Bad Freienwalde, freienwalde-red@moz.de

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Experten: Verpressung gefährdet Trinkwasser

Wriezen (moz) In den Boden verpresstes Kohlendioxid gefährdet das Grundwasser. Der CCS-Kongress am 13. Mai in Wriezen hat sich mit den Risiken und Gefahren der Technologie auseinandergesetzt. Dreieinhalb Stunden diskutierten Bürger mit Experten.

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Gut gefüllt: Interessierte aus den Landkreisen Märkisch-Oderland, Barnim und Oder-Spree nahmen am CCS-Kongress in der Aula des Johanniter-Gymnasiums teil. Foto: MOZ/Steffen Göttmann

© MOZ

Gut 100 Menschen aus dem Raum Wriezen und Neutrebbin, aus Bernau und Panketal sowie aus dem Raum Beeskow hatten sich in der Aula des Evangelischen Johanniter-Gymnasiums in Wriezen versammelt. Sie eint die Furcht vor Kohlendioxid-Endlagern in ihrer Heimatorten. Daher wollen sie die Erkundung von möglichen Endlagerstätten durch den Energiekonzern Vattenfall bei Neutrebbin und Beeskow verhindern.

CCS (carbon capture and storage) bedeutet auf Deutsch die Abscheidung von klimaschädlichem Kohlendioxid aus dem Rauchgas fossiler Brennstoffe – Kohle, Erdöl, Erdgas.

Karsten Birkholz, Amtsdirektor von Barnim-Oderbruch, und Frank Steffen (SPD), Bürgermeister von Beeskow, hatten zu der Informationsveranstaltung eingeladen. Als Experten standen der Geologe und Geochemiker Ralf Krupp aus Hannover, Rechtsanwalt Alexander Reitinger aus Sonneberg (Thüringen), Christa Hecht, Geschäftsführerin der Allianz der öffentlichen Wasserwirtschaft mit Sitz in Berlin sowie Hardy Feldmann, Ingenieur der Umwelttechnik, aus Gorgast zur Verfügung.

Krupp stellte in Grundzügen das Gutachten vor, das er im Auftrag des Amtes Barnim-Oderbruch erarbeitet hatte. Die CCS-Technologie sei keineswegs klimaschonend, so der Wissenschaftler. Denn der herkömmliche Kohlebergbau verbrauche neun Prozent des aus der Kohle erzeugten Stroms selber. Die Abscheidung von Kohlendoxid benötige zusätzliche 30 Prozent des Stroms. Damit müsse deutlich mehr Kohle verheizt werden, um die gleiche Leistung wie bisher zu erzielen.

Krupp hält die Verpressung von Kohlendioxid bei Neutrebbin deshalb für riskant, weil das Gas in so genannte „saline Aquifere“ gepumpt wird, das sind tiefliegende unterirdische Sandsteinschichten, die wie ein Schwamm über Poren verfügen, die stark salzhaltige Sole enthalten. Durch die konzentrierte Verpressung von Kohlendioxid könnte das salzhaltige Wasser nach oben gelangen und das Grundwasser verseuchen. Nur ein Liter der Brühe reiche, um 1000 Liter Trinkwasser zu schädigen. Der Druck könne Risse erzeugen, durch die das Kohlendioxid doch entweicht. Die Verpressung sei in einem Radius von 100 Kilometern spürbar, so dass der Wirkungsgrad Berlin und Teile Polens einschließe sowie bis Mecklenburg-Vorpommern reiche. „Die vorgesehene Erkundungstechnologie entspricht im wesentlichen dem Stand der Technik, reicht aber zu zuverlässigen Beurteilung möglicher Risiken einer Kohlendioxid-Verpressung nicht aus“, so Krupp.

Rechtsanwalt Alexander Reitinger berichtete aus seinem Erfahrungsschatz. Er vertritt 82 Bürger und Landeigentümer in Thüringen und Osthessen, die sich dagegen wehren, dass ein Kalikonzern salzige Abwässer in den Boden verpresst und Trinkwasser ungenießbar macht. Der Jurist rief die Bürger zur Wachsamkeit auf. So verfüge die Vattenfall-Tochterfirma, die die Erkundung der Endlagerstätte vornehmen solle nur über ein Stammkapital von 50 000 Euro. Dies reiche aber für die gesetzlich vorgeschriebene finanzielle Leistungsfähigkeit nicht aus. Im Falle einer Havarie seien Ersatzansprüche nicht abgesichert.

Reitinger warnte die Bürger, behördlichen Angaben nicht blindlings zu vertrauen. Wichtig sei, das Langzeitsicherheit der Speicher gewährleistet sein müssten. Daher sollte man darauf achten, dass die vorgeschriebenen Schritte der Erkundung eingehalten werden. Schon vor der Hauptgenehmigung sollten alle Rechtsmittel ausgeschöpft werden.

Christa Hecht unterstrich, dass die Wasserverbände gegen die Verpressung von Kohlendioxid seien. „Drei Tage können Menschen ohne Wasser leben, daher ist Wasser die kostbarste Ressource“, sagte sie. Brandenburg sei besonders gefährdet, weil 93,7 Prozent der Wasserversorgung auf dem Grundwasser basiert. Bisher reiche die Wasserversorgung in Deutschland noch aus. Wichtig sei jedoch das Vorsorge und Nachhaltigkeitsprinzip, um diese Sicherheit auch in Zukunft zu gewährleisten. „Daher müssen wir Maßnahmen unterlassen, die potenziell gravierende Schäden hervorrufen können“, so Christa Hecht.

Hardy Feldmann wehrte sich in seinem Referat über den Begriff des „Wutbürgers“ Die Veranstaltung in Wriezen beweise, dass es nicht am Informationen mangele. Problem sei, dass die vier großen Energiekonzerne auf der Regierungsbank sitzen. Die Wirkung, den Stromanbieter zu wechseln, werde daher von vielen Bürgern unterschätzt. Sie könnten entscheiden, wo der Strom produziert wird, den sie verbrauchen.

Feldmann sprach sich für den Ausbau regenerativer Energieversorgung aus. Dächer von Privathäusern und Betrieben könnten mit Photovoltaikanlagen ausgestattet werden. Windparks sollten so gebaut werden, dass sie von den Bürgern eher akzeptiert werden.

Er habe dem Barnimer Landrat einige Fragen gestellt, erklärte der Kreistagsabgeordnete Jochen Bona (Grüne) aus Panketal. Ein mögliches Kohlendioxid-Endlager in Ahrensfelde-Panketal sei kontraproduktiv zur Null-Emissions-Strategie des Landkreises.

„Wir werden alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, um gegen CCS vorzugehen“, erklärte Johannes Schwanz aus Bad Freienwalde, Geschäftsführer des Trink- und Abwasserverbandes Oderbruch-Barnim und Vizepräsident des Landeswasserverbandstages Brandenburg. „Wir wollen erreichen, dass die Genehmigungsverfahren über unseren Tisch gehen“, so Schwanz. Problem sei jedoch dass die Verbände „von der großen Politik ausgegrenzt werden“. Auch Ingmar Butschke, Geschäftsführer des Wasserverbandes „Märkische Schweiz“ lehnte die Kohlendioxid-Verpressung ab, weil er davon ausgehe, dass das Verfahren nicht ungefährlich sei.

Gotthard Reinsch aus Bernau beklagte die schlechte Informationspolitik, die die Ängste der Bürger schüre. Doch die Landesregierung habe sich verrechnet, die Bürger ließen sich dies nicht gefallen.

Die Neutrebbiner empfinden Angst und Gram, sagte Gerda Reichert, Gemeindevertreterin. Viele Bürger hätten verboten, dass ihre Grundstücke für die Erkundung betreten werden. „Haben die Verbote Bestand?“, wollte sie wissen. Zwangsmaßnehmen seien nicht geplant, konnte Reitlinger die Frau beruhigen.

Kerstin Meier aus Prädikow schlug vor, die Bürgerinitiativen sollten sich zusammenschließen. Dies lehnte Olaf Wadewitz aus Neutrebbin ab. Die Politik der Nadelstiche sei besser. Ein Zusammenschluss koste Zeit und Geld. Annette Hildebrand aus Glienicke bei Beeskow gab ihm Recht. Viele der Aktiven seien berufstätig. Ein überregionaler Zusammenschluss sei nicht zu schaffen.

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