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Der Junge aus dem Klingetal

Jörg Kotterba / 15.07.2011, 21:25 Uhr
Frankfurt (In House) Mit einem Landschafts-Abc von A wie Arboretum bis Z wie Ziegenwerder stellt der Stadtbote in diesem Sommer das Grüne Frankfurt vor. Leser können dazu ihre Geschichten und Fotos schicken. Heute: K wie Klinge und Klingetal

Es waren einst Mühlen- und Bürgermeister, Kaufleute, Ratsmannen und Professoren der alten Universität, denen die längst verfallenen Mühlen an der Klinge gehörten. Schon vor der Gründung der Stadt wurde die früher so wasserreiche Klinge von Wassermühlen genutzt. Ihre Entstehung liegt noch vielfach im Dunkel. Ins Licht rückt sie die Gründungsurkunde der Stadt von anno 1253. Sie enthält auch diese Festlegung: „Der Schulze soll 2 Mühlen besitzen, von denen eine hinter seinem Hofe und die andere bei der von altersher sogenannten Heinrichsmühle liegt.“

Dieser Schulzenhof, etwa gegenüber der heutigen Klingestraße, war gleichzeitig der Schulzenkrug an der von Norden herangeführten Handelsstraße. „Er wurde im Volksmund als Paddenkrog nach der dahinter liegenden um 1226 erbauten Paddenmühle – an Froschreichtum erinnernd – benannt“, schrieb einst im Neuen Tag der Natur- und Heimatpfleger Wilhelm Neumann, seit 1992 Ehrenbürger der Stadt.

Sechs Mühlen befanden sich am damals wichtigsten mühlentreibenden Gewässer der Stadt, an der Klinge. Als zweite Schulzenmühle wurde die Kreuzmühle benannt. Laut Neumann entstand auf dem Gelände dieser Mühle die erste, den Mendeschen Erben gehörende Dampfziegelei. Sie hinterließ nach ihrer Stilllegung die ausgebeutete Tongrube, den heutigen Lienau-Teich.

Etwas unterhalb der Kreuzmühle lag die Milchmühle. Sie wurde auch als Lehmkuten-Mühle bezeichnet. Die Milchmühle war noch zum Anfang des vorigen Jahrhunderts eine beliebte Gaststätte. Stadthistoriker Bernhard Klemm erforschte, dass das Gaststättengebäude aus der Zeit um 1850 gestammt haben könnte.

Nach 1800 auch ein beliebter gastronomischer Anlaufpunkt: die Simonsmühle. „Der spätere Besitzer richtete hier eine Gaststätte ein und legte im Vorgelände einen attraktiven Kaffeegarten mit Hecken und Bäumen an, die im Stile des Barock geschnitten waren“, recherchierte Neumann, der am 
1. Oktober 1996 starb. Die letzte Gastwirtin war, wie das Adressbuch von 1940/41 verrät, Margarethe Guosovius.

Die Baulichkeiten der fünften sogenannten Fischersmühle aus dem 14. Jahrhundert – auch Sprockhoffmühle genannt – wurden 1912 abgebrochen. Sie stand etwa in Höhe der Parzellen 28 bis 30 auf dem Areal des Kleingärtnervereins Heimkehrsiedlung. Die sechste Mühle im Klingetal, die Birnbaumsmühle, fiel bei Ausführung der Eisenbahnanlagen den umfangreichen Dammschüttungen von 1910 bis 1917 zum Opfer.

„Von allen sechs Mühlen ist heute nur noch das alte zum Wohnhaus umgebaute einstige Mühlengebäude der Simonsmühle vorhanden. Die Mühle selbst – eine Ruine, von Unkraut überwuchert“, informierte Rolf Haak. Der 76-Jährige hat dieses schöne Stück Frankfurt, das sich Klingetal nennt, schon als Kind erobert. Seit November 1936 wohnt er im Dornenweg. Mitte bis Ende der 20er-Jahre baute man in dieser Stra0e die ersten 24 Häuser. Die Heimkehrsiedlung entstand. Weitere 30 Häuser wurden dann an der Straße mit Blick auf den Klingefließ gebaut. Später kamen die anderen Wege, die längst asphaltierten Straßen sind, hinzu. Eine dörfliche Idylle.

„Von allen an der Klinge betriebenen Mühlen hat kein Gebäude die Zeiten überdauert. Was an alten Gebäuden noch steht, stammt aus der Nachnutzerzeit des Mühlenzeitalters. Und das sind nur die beiden Gebäude der Gaststätte Simonsmühle, die wohl aus der Zeit kurz nach 1800 stammen. Die Mühlenteiche sind alle verschwunden. Die Endphase dieser Neuordnung am Bett des Klingefließes lief wohl im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts“, schrieb Stadthistoriker Joachim Schneider in einer seiner Berichte über die Geschichte der Klingemühlen.

Wilhelm Neumann war es übrigens, der im Mai 1953 den letzten Fischotter am Lienauteich beobachtete. Ebenfalls den prächtigen Eisvogel. Dem Fischotter wurde später am kleinen Zierplatz an der Ecke Bahnhof-/Spiekerstraße ein Denkmal gesetzt, gestaltet vom Frankfurter Bildhauer Edmund Neutert.

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