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Sandra Kurtz 21.08.2011 20:20 Uhr

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Eine Kleinigkeit von 100 Meilen

S-Bahn-Gemeinden (MZV) Er freut sich sichtlich auf die Strecke, die vor ihm liegt. Er ist Freitagabend aus Borgsdorf angereist und hat in der Turnhalle an der Lobeckstraße übernachtet. „Ich habe gut geschlafen und fühle mich fit“, sagt der Sportler und strahlt über das ganze Gesicht. Er wird sich wie schon öfter gemeinsam mit seinem Team-Kollegen Jan Prochaska von der Leichtathletikgemeinschaft (LG) Nord Berlin auf den Weg machen und hofft, mit ihm ebenso gemeinsam am späten Abend wieder am Zielpunkt, dem Sportplatz an der Lobeckstraße in Berlin-Kreuzberg, einzutreffen.

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Im Ziel mit Medaille und Urkunde: Michael Vanicek. Foto: Weißapfel

© Sandra Kurtz

Es ist auch erlaubt, unterwegs mal ein Nickerchen zu machen, sagt Veranstalter Alexander von Uleniecki gerade. Am Versorgungspunkt in Hennigsdorf zum Beispiel. Michael Vanicek lacht. Nein, das haben er und Jan Prochaska ganz sicher nicht vor. Nicht mal stehen bleiben werden sie unterwegs, wenn alles gut geht. „Das wird schon“, ist Vanicek zuversichtlich. Neben dem Ultra-Schnellläufer Prochaska zählt der Hohen Neuendorfer zu den Favoriten des Tages. „Es ist ja auch bloß ein kleiner Lauf“, sagt er und lacht wieder. Es ist sein 53. Ultra-Lauf, aber er ist durchaus noch längere Strecken gewöhnt.

„Fünf, vier, drei“, zählt Schirmherr Rainer Eppelmann die Sekunden runter, „und los!“ Punkt sechs machen sich die 92 Läuferinnen und Läufer sowie ein Hund auf die Strecke. Vor allem Verwandte und Fans beklatschen sie zu früher Stunde. Fünf Runden drehen sie auf dem Platz, bevor es auf dem Berliner Mauerweg Richtung Südosten geht. Die Strecke führt an der East Side Gallery vorbei unter anderem über den Checkpoint Bravo an der ehemaligen Grenzübergangsstelle Drewitz und die Revierförsterei Krampnitz auf dem Mauerweg entlang, über Schönwalde – bei Kilometer 112 zum alten Grenzturm in Nieder Neuendorf, weiter zum Ruderclub Oberhavel in Hennigsdorf, zum Naturschutzturm in Bergfelde, wo die Läufer ab nachmittags erwartet werden, und über Glienicke wieder in die Mitte Berlins, insgesamt 160,9 Kilometer auf dem Mauerweg,

Anfangs sei er überrascht gewesen, dass er das Startzeichen geben solle, sagt Rainer Eppelmann. „Aber eigentlich ist es ganz logisch, denn es ist ja nicht ausschließlich eine sportliche Aktion, sondern hat einen ernsthaften Hintergrund“, erklärt der ehrenamtliche Vorstandsvorsitzende bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Er hofft, dass über den Sport auch andere Menschen mitbekommen, was der Mauerweg bedeutet und welche leidvolle Historie damit verbunden war.

Seine Rolle als Startzeichen-Geber spielt Rainer Eppelmann perfekt – er selber würde an so einem Lauf aber auch in jüngeren Jahren niemals teilgenommen haben. „Das hat mir schon in der Schule keinen Spaß gemacht“, gibt er zu. „Eine unvorstellbare Strecke für mich“, sagt der evangelische Pfarrer. Ich habe aber großen Respekt vor denen, die das machen. Ich wünsche allen, dass sie es schaffen.“

Nach fünf Runden gehören Michael Vanicek und Jan Prochaska zu den Ersten, die den Sportplatz verlassen – Michael Vanicek mit einem strahlenden Lachen.

Sie bleiben nirgendwo lange. Kleine Verschnaufpausen gönnen sich die „Laufzwillinge“ dann aber doch. Am Naturschutzturm in Bergfelde zum Beispiel. Denn dort warten gespannt Vaniceks Frau und sein Hund. Um 18.50Uhr treffen sie dort ein; zu diesem Zeitpunkt hat das Duo bereits seit ein paar Stunden Führung übernommen. Während Prochaska und Vanicek längst wieder weg und sogar, als sie schon lange im Ziel sind, haben die Helfer am mit Fackeln und Strom beleuchteten Naturschutzturm noch eine lange Nacht vor sich. Sie versorgen die Vorübereilenden und führen kurze Gespräche mit ihnen. Um 5.45 Uhr kommt der letzte Läufer vorbei, wird Marian Przybilla von der Waldjugend später berichten.

22 Uhr. Etwa 30 Helfer von der LG Mauerweg, vom DRK sowie Fans und vereinzelte Fotografen spähen angestrengt in die Dunkelheit am Ende des Platzes. Jetzt müssten sie doch bald kommen. Angekündigt sind Vanicek und Prochaska von den vorausradelnden Helfern schon. Die beiden haben seit Mittag das Feld mit beträchtlichem Abstand angeführt. Auf der Website der LG Mauerweg konnte jeder verfolgen, wann sie die Kontrollpunkte passierten – was stets gleichzeitig geschah. Seit Stunden stehen sie als Sieger fest, es sei denn, es geht noch was schief. Alexander von Uleniecki von der LG Mauerweg gibt inzwischen Informationen von den anderen Läufern auf der Strecke weiter, die er übers Handy erfährt. Er hofft, dass der Lauf ein Erfolg wird. Dann könnte er künftig alle zwei Jahre stattfinden, überlegt er.

Um 22.22 Uhr ist es auf dem beleuchteten Platz an der Lobeckstraße dann so weit: Hand in Hand laufen Michael Vanicek und Jan Prochaska ins Ziel, fallen glücklich, aber keineswegs vor Erschöpfung ihren Vereinskameraden von der LG Nord und den Veranstaltern von der LG Mauerweg in die Arme. Locker und fröhlich sehen die beiden aus. Wäre die Strecke hier nicht zu Ende, dann würden sie eben weiterlaufen. Michael Vanicek lacht noch immer genauso strahlend wie 16 Stunden und 22 Minuten zuvor.

Michael Vanicek galt als Favorit. Hat er selber gedacht, dass er gewinnen würde? „Ehrlich gesagt, ja. Die, die zuerst vor uns waren, die waren zu zügig unterwegs. Das kann man nicht durchhalten.“ Die Sonne hat es am Sonnabend fast ein bisschen zu gut gemeint.

Er habe sich gut gefühlt, sagt Michael Vanicek. „Supergeil“, beschreibt er den Lauf insgesamt. Obwohl: „Die letzten 40 Kilometer waren eigentlich langweilig“, fügt der 43-Jährige dann mit einem Augenzwinkern hinzu. Diese Strecke von Norden Richtung Kreuzberg kennt der Kreuzberger, der seit zwei Jahren in Borgsdorf zu Hause ist, aus dem Effeff. Die 40 Kilometer sind quasi seine übliche Trainingsstrecke zur Arbeit in der Bundesdruckerei.

Darüber, dass er mehrmals an der Strecke erwartet wurde, hat er sich gefreut. Seine Eltern hat er im Ruderclub Hennigsdorf gesehen und Freunde und Laufgefährten an den Checkpoints der Strecke begrüßt. Einzig die Fernseh-Journalisten, die ihn und Jan Prochaska aufforderten, doch ein Stück der Strecke für die passenden Bilder noch mal zurückzulaufen, ärgern ihn, weil ihm das zeigt, dass die Wertschätzung für die Ultra-Läufer am Ende doch fehlt: „Einen Marathon-Läufer würden die so was gar nicht fragen.“

Doch ist dieser erste Nonstop-Lauf auf dem Mauerweg wegen der historischen Bedeutung etwas Besonderes für ihn. Als Kind habe ihn die Mauer, die in Kreuzberg in unmittelbarer Nähe seines Zuhauses verlief, geängstigt, und auch die Arbeitsstelle des Druckers ist eben nahe an der ehemaligen Grenze. „Wir sind beide nicht so sehr politisch“, sagt Michael Vanicek über sich und den Teamkollegen. „Aber dass Jan, der aus dem Ostteil kommt, und ich, der ich aus dem Westteil der Stadt komme, Hand in Hand über diesen Mauerweg laufen, hat Symbolcharakter.“

„Niemand hatte die Absicht, 100 Meilen zu laufen“, steht auf dem T-Shirt, das sich die beiden Sieger am späten Abend als Erste überstreifen dürfen. Das ist gelogen. Wie Ulbrichts Spruch damals beim Mauerbau. Nur viel

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