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Obsolet oder bald im Einsatz? - Nato prüft Multinationales Kommando

Schilder der stationierten Dienststellen der Bundeswehr  in Ulm (Baden-Württemberg) an der Kaserne Wilhelmsburg.
Schilder der stationierten Dienststellen der Bundeswehr in Ulm (Baden-Württemberg) an der Kaserne Wilhelmsburg. © Foto: dpa
02.06.2017, 08:45 Uhr
Ulm (dpa) Politisch ist die Nato einer Zerreißprobe ausgesetzt. Bei den Militärs jedoch ist "business as usual" angesagt. Unbeirrt bereitet sich das von Deutschland aufgestellte Multinationale Kommando in Ulm auf die Führung von Kampfeinsätzen auch im Auftrag der Nato vor.

Die Schrecken der Napoleonischen Kriege und die Angst vor erneuten Angriffen der Franzosen saßen noch tief, als vor 175 Jahren der Bau einer der größten Festungen Europas begann. Ein Brückenkopf an der Donau mit Platz für 100 000 Soldaten sollte die Wilhelmsburg in Ulm sein. Doch Fortschritte der Geschütztechnik machten die gigantische Anlage bald obsolet. Droht dieses Schicksal auch einem der wichtigsten deutschen Beiträge zur modernen Streitkräftestruktur der Nato, wenngleich aus ganz anderen Gründen?

Als 2013 auf dem Festungshügel in der Ulmer Wilhelmsburgkaserne das Multinationale Kommando Operative Führung aufgestellt wurde, war von einem deutschen "Leuchtturmprojekt" und "Deutschlands Antwort auf neue sicherheitspolitische Krisen" die Rede. Seitdem bereiten sich in Ulm unter deutschem Befehl Stabsoffiziere aus gut einem Dutzend Staaten - darunter aus den USA - auf den ersten Einsatz des Kommandos auf einem realen Krisenschauplatz vor.

Denkbar wäre eine Verwendung in Afghanistan oder auch in Mali. "Im Auftrag der Vereinten Nationen, der Nato oder EU führt das Ulmer Kommando weltweit auf operativer Ebene internationale Streitkräfte aus Heer, Luftwaffe, Marine, Sanitätsdienst und spezialisierten Kräften", lautet die Auftragsbeschreibung. Doch abgesehen von Abkommandierungen einzelner Offiziere - etwa nach Afghanistan - ist der Ulmer Einsatzstab noch von niemandem gerufen worden.

"Damit teilen wir das Schicksal einiger anderer, ähnlicher Hauptquartiere im Bereich der EU", sagt Generalleutnant Richard Roßmanith, der Befehlshaber des Ulmer Kommandos. "Das heißt jedoch nicht, dass wir uns nicht gezielt darauf vorbereiten, in einen Einsatz zu gehen." Möglich wäre dies bereits jetzt, zum Beispiel im Rahmen der EU oder der UN. Eine größere militärische Reputation würde das Kommando jedoch durch eine amtliche Nato-Zertifizierung erhalten.

Die letzte Etappe bis dahin beginnt für die Ulmer am Pfingstmontag mit der US-geführten Stabsübung "Saber Strike 2017" auf dem amerikanischen Truppenübungsplatz im bayerischen Grafenwöhr (bis 14.6.). Geübt wird mit Computersimulationen, wie Nato-Verbände den baltischen Staaten im Falle einer Aggression rasch und effektiv zur Hilfe kommen können.

Dass Russland zwar gemeint ist, aber keineswegs erwähnt wird, gehört zum rücksichtsvollen diplomatischen Verhaltenskodex der Nato. Schließlich gibt es schon genug Ärger mit Moskau, das man - auch mit Blick auf die Ukraine - nicht unnötig reizen will. Überschattet wird das Manöver aber auch von politischen Spannungen zwischen den USA und den meisten ihrer europäischen Nato-Partner, allen voran Deutschland.

Als "obsolet", überflüssig also, hatte Donald Trump die Nato im Wahlkampf bezeichnet. Das nahm er zwar teils zurück, doch bei seinem irritierenden Auftritt kürzlich beim Nato-Gipfel in Brüssel vermied Trump ein Bekenntnis zur Beistandsverpflichtung der Mitgliedstaaten. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zog daraus bei ihrem "Bierzelt"-Auftritt in München den Schluss, dass man sich auf die USA nicht mehr völlig verlassen kann, woraufhin Trump per Twitter zurückpolterte.

"Saber Strike" ist das erste Nato-Manöver seit der Streit eskalierte. Generalleutnant Roßmanith, der über jahrelange Nato-Erfahrung verfügt, rechnet allerdings nicht damit, dass die politischen Misstöne bis in das Trainingszentrum der US Army in Grafenwöhr durchdringen, wo sich das Ulmer Kommando nun bewähren muss. "Auf der konkreten taktischen Ebene sehe ich keine Auswirkungen", sagt er.

"Der Befund ist sicherlich, dass wir im Moment politisch in einer schwierigen Situation sind", fügt der General hinzu. Das zu bereinigen, sei aber Sache von Politikern und Diplomaten. Zudem habe die Nato schon andere Stürme überstanden. "Ich erinnere nur daran, dass sie mit dem Ende des Kalten Krieges von einigen bereits beerdigt wurde."

Wenn in Grafenwöhr alles läuft wie geplant, kann Roßmaniths Kommando im Mai kommenden Jahres bei der Übung "Trident Jaguar" im norwegischen Stavanger den begehrten Nato-TÜV bekommen. Ab Juli 2018 könnte dann theoretisch jederzeit ein Einsatzbefehl der Nato erfolgen. "Nach einer Aktivierung würden wir maximal 60 Tage Zeit haben, um alles vorzubereiten - einschließlich der gesamten operativen Planung auch für die Truppen, die dazugehören - und das können einige Zehntausend sein."

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