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Berlin in Treptow-Köpenick entdecken

Am Vormittag ist die Insel der Jugend im Treptower Park fast verlassen.
Am Vormittag ist die Insel der Jugend im Treptower Park fast verlassen. © Foto: dpa
dpa / 21.09.2017, 11:45 Uhr
(dpa) Industriekultur in Schöneweide, Aussicht ins Grüne auf dem Müggelturm, Flanieren durch Köpenick: Wer abseits von Touristenströmen Berlin erkunden will, muss in den Südosten der Stadt. Dabei erfährt er einiges über Berlins Vergangenheit.

Für die meisten Touristen sieht ein Besuch in Berlin so aus: Brandenburger Tor, Ku'Damm, Mauerreste an der East Side Gallery. Was es dagegen im Südosten der Stadt zu sehen gibt, wissen weniger Menschen. Wer verstehen will, wie grün Deutschlands Hauptstadt ist und etwas für Geschichte übrig hat, ist in Berlins größtem Bezirk richtig: Treptow-Köpenick. Mehr als 40 Prozent der Berliner Waldfläche finden sich hier, und nirgends in der Stadt ist der Wasseranteil höher.

TREPTOWER PARK: Wen die S-Bahn am Treptower Park ausspuckt, der steht vor einem mehr als 88 Hektar großen Park samt Hafen. Direkt dahinter beginnt der Plänterwald. Wer gerne spazieren geht, kann sich im Treptower Park schnell verlieren.

Zum Beispiel am sowjetischen Ehrenmal. Zwölf Meter hoch ragt die Bronzestatue eines Soldaten in den Himmel. Er trägt ein Kind auf dem Arm und steht auf einem zerbrochenen Hakenkreuz, drumherum finden sich symmetrisch angelegte Wege und ausladende Treppen. Das Bauwerk zur Erinnerung an die Befreiung Berlins von den Nazis mithilfe der Roten Armee ist riesig. Die Weite und das Monumentale der Anlage, die 1949 errichtet wurde, lassen einen innehalten. Mehr als 7000 Rotarmisten sind hier bestattet.

Wem die Vergangenheit zu schwer wiegt, der findet Leichtigkeit auf der Insel der Jugend. Am Vormittag ist die malerische Insel, die man in weniger als 15 Minuten umrundet hat, fast verlassen. Nur ein paar Sportler stählen ihren Körper an Metallstangen. Auf dem kleinen Eiland gegenüber eines großen Biergartens gab es zu DDR-Zeiten viele Partys. Auch heute finden dort noch Veranstaltungen statt, die Betreiber werben mit bestechender Logik: «Egal zu welchem Anlass, eine Insel ist immer die passende Location.»

MÜGGELSEE: Berlins größten See besucht man am besten mit einem Schiff vom Hafen Treptow aus - so bekommt man den Bezirk zu sehen. Aus dem Plänterwald etwa ragt ein altes Riesenrad hervor. «Dit da vorne is interessant», berlinert der Moderator, aber er spricht so monoton, als sei das Rad doch eher langweilig. «Dit war der ehemalige Spreepark», erklärt er.

Links und rechts der Spree stehen alte Fabrikhallen und verfallene Gebäude. Es sieht aus, als sei nach der Wende jeder verschwunden und dann nichts mehr passiert. Doch dazwischen finden sich luxuriöse Neubauten - Treptow-Köpenick wächst.

Nach zwei Stunden Fahrt ist das Schiff auf dem Müggelsee angekommen. Der ist so groß, dass man Probleme hat, das Ufer zu erkennen. Wer an der Haltestelle Rübezahl aussteigt, kann durch den Wald, der hier stellenweise nach Dschungel aussieht, zum Müggelturm laufen.

Dabei begegnen einem oft ältere Paare, man schnappt Wortfetzen wie «West-Deutschland» auf oder Sätze wie «Wo war nochmal der Rummel?». Es sind Menschen aus dem Osten, die besichtigen, was sie von früher kennen - das Müggelturm-Areal war in der DDR beliebtes Ausflugsziel.

Breite Treppenstufen führen schließlich auf einen kleinen Berg, auf dem der fast 30 Meter hohe Turm steht. Weil alles nach Chaos aussieht, fragt man sich erstmal: Das soll die Aussichtsplattform des Ostens sein? Der Turm wirkt klein, umgeben ist er von Bauzäunen, losen Kabeln, unfertigen Gebäuden. Es ist ein bisschen wie am hoffnungslos veralteten Flughafen Schönefeld, wo man auch immer nicht weiß: Soll man das jetzt sympathisch oder peinlich finden?

Tatsächlich ist aber einfach die Sanierung des Turms, der 1880 zum ersten Mal als Holzturm gebaut und danach mehrfach wiedererrichtet wurde, noch nicht fertig. Die zwei Euro für den Aufstieg fließen in die Arbeiten. Der Treppenaufgang ist schmal, die Luft schlecht. Von einem Café abgesehen ist hier nichts touristisch, es geht nur darum, eine schöne Aussicht zu genießen. Wer oben steht, blickt bis zum Fernsehturm am Alexanderplatz und sieht drumherum doch nur Grün.

OBERSCHÖNEWEIDE: Oberschöneweide als Ausflugsziel kann man wohl als Geheimtipp bezeichnen, auch wenn einem mancher Berliner dann den Vogel zeigt - den Stadtteil nennt er «oberschweineöde». Aber die riesigen, alten Fabrikhallen direkt an der Spree sind sehenswert: Oberschöneweide ist Berlins einstiges Industriegebiet, die Stadt war mal führende Metropole in Elektrotechnik.

«Elektropolis» heißt dann auch die Führung, die der Berliner Industriesalon anbietet. Wer an den meist leerstehenden Hallen vorbeiläuft, könnte meinen, hier passiere gar nichts mehr. «Es ist mehr los, als man sieht», sagt die freie Mitarbeiterin Annette Siegert, die an diesem Tag die Vergangenheit des Stadtteils erklärt. Hier hatte der ehemalige Elektrokonzern AEG seine Werke.

Siegert zeigt auf verfallene Hallen und verrät, der kanadische Rocksänger Bryan Adams habe eine gekauft. In manchen Gebäuden seien Ateliers. Hippe Cafés hätten sich angesiedelt, nur eine gute Bar fehle noch.

Es sind vor allem Berliner, die hier ihre Stadt erkunden, viele aus dem Osten. «Es kommen viele ehemalige Arbeiter», sagt Siegert. 30 000 Menschen arbeiteten in der DDR in Schöneweide. Nach der Wende waren es noch zehn Prozent.

Der Abschluss der zweieinhalbstündigen Tour ist ihr Höhepunkt: Vom Peter-Behrens-Turm kann man aus fast 60 Metern Höhe den Stadtteil noch einmal von oben sehen - und den Rest der Stadt.

KÖPENICK: Ein bekannteres Ausflugsziel ist Köpenick, nicht zuletzt wegen der Geschichte vom Hauptmann von Köpenick, einem preußischen Schuhmacher, der 1906 als Hauptmann verkleidet ins Köpenicker Rathaus eindrang und die Stadtkasse raubte. Der Stadtteil ist umgeben von Spree und Dahme und wirkt mit seinen niedrigen Gebäuden und dem Kopfsteinpflaster wie eine putzige Kleinstadt.

Wenige Meter von Rathaus und Schloss entfernt, findet sich die ehemalige Fischersiedlung. Ein Spaziergang hier lohnt sich. An fast allen Fassaden der niedrigen Gebäude, die teils aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammen, prangen Fischsymbole. Die Straße ist verlassen, die kleinen Häuschen erinnern an eine Puppenstube. Touristen sieht man keine. Fast vergisst man, das man immer noch in Berlin ist.

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Anreise: Zum Bezirk Treptow-Köpenick kommt man besten mit der S-Bahn, etwa zum Treptower Park, nach Schöneweide oder Köpenick. Ein Tagesticket für die Tarifbereiche AB kostet 7 Euro. Vom Treptower Hafen gibt es außerdem verschiedene Schiffstouren, etwa zum Müggelsee. Die Saison geht bis Ende Oktober.Übernachtung: Vom preisgünstigen Hostel bis zum teuren Luxushotel bietet Berlin alles. Wer direkt im Bezirk schlafen will, findet interessante Unterkünfte bei AirBnB - etwa in einem modernen Kranhaus direkt an der Spree in Schöneweide.Informationen: Touristeninformation Treptow-Köpenick, Alt-Köpenick 31, 12555 Berlin (Tel.: 030/655 7550, www.tkt-berlin.de).

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