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Zum heutigen Weltmännertag: Wie geht es den Herren in Brandenburg? Die Zahlen sprechen eine düstere Sprache

Die Krise des starken Geschlechts

Am Berliner Müggelsee präsentiert sich ein Turmspringer. Manche Statistiken werfen allerdings kein gutes Licht auf den körperlichen und seelischen Zustand vieler Männer.
Am Berliner Müggelsee präsentiert sich ein Turmspringer. Manche Statistiken werfen allerdings kein gutes Licht auf den körperlichen und seelischen Zustand vieler Männer. © Foto: dpa/Rainer Jensen
Mathias Hausding / 03.11.2017, 06:30 Uhr - Aktualisiert 03.11.2017, 07:26
Potsdam (MOZ) Heute ist Weltmännertag. Es geht alljährlich am 3. November aber nicht ums Feiern, sondern vor allem ums Nachdenken über die Gesundheit. Und natürlich auch über das eigene Rollenbild in Zeiten diverser Sexismus-Skandale weltweit.

Brandenburger Männer sterben im Schnitt sieben Jahre früher als die Frauen im Land. Sie haben, gemessen am Body-Mass-Index, die größeren Gewichtsprobleme als die Damen in der Mark. Auch im Bundesvergleich sieht es hier für den Brandenburger Mann nicht gut aus. Nur die Geschlechtsgenossen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt sind im Schnitt noch etwas dicker.

Dass sie überwiegend Gesundheitsmuffel sind, zeigen auch Zahlen der Techniker Krankenkasse. So gehen stolze 62 Prozent der Frauen in Brandenburg zu Untersuchungen für die Krebs-Früherkennung, aber nur 28 Prozent der Männer. Und noch eine ganz bittere Zahl, die aufhorchen lässt, dann soll es erst einmal genug sein: Laut Landesamt für Statistik war in Brandenburg die Suizid-Rate bei Männern in den vergangenen Jahren jeweils rund dreimal so hoch wie bei den Frauen.

Was ist da los? Wie ist das zu erklären? Und wie passen die Zahlen zu dem positiven Bild, das das starke Geschlecht zumeist nach wie vor von sich selbst zeichnet?

Dr. Ulrich Niedermeyer ist Psychiater und Psychotherapeut in Frankfurt (Oder). Er sagt, dass vor allem Einsamkeit ein großes Problem sei, für Männer viel mehr als für Frauen. Auch falle es Männern schwerer, Kränkungen zu verarbeiten, etwa eine Scheidung samt der zeitweisen Trennung von den Kindern oder dem Verlust des Jobs.

"Frauen, die alleine sind, kommen meist besser klar als alleinstehende Männer", sagt Niedermeyer. Gerade ältere Männer seien oft "völlig hilflos, wenn die Frau weg ist". Nicht in erster Linie aus emotionalen Gründen, "sondern weil die Frau alles gemacht hat, von der Wäsche bis zum Essen". Glücklicherweise wandele sich dieses Rollenverständnis. Jüngere Männer seien hier inzwischen selbstständiger. Aber dass die Suizid-Rate gerade bei Männern über 65 "noch einmal deutlich nach oben" gehe, liege an dieser Hilflosigkeit im Alltag.

Niedermeyer geht noch weiter und bescheinigt Männern, sich bei seelischen Problemen nur widerwillig in Behandlung begeben zu wollen. "Da wird erst mal zur Flasche gegriffen, um sich zu trösten." Was übrigens die Krebsgefahr massiv erhöhe, wie die Deutsche Krebshilfe anlässlich des Weltmännertags warnt. Männer und Alkohol würden oft "eine riskante Partnerschaft" bilden. "Regelmäßiger Alkoholkonsum begünstigt das Entstehen verschiedener Krebsarten, darunter Darm- und Speiseröhrenkrebs", schreiben die Experten.

Ulrich Niedermeyer ergänzt, dass die Zahl der Suizide insgesamt seit Jahren stark rückläufig sei, weil zum Beispiel Depressionen glücklicherweise ihr Stigma verloren hätten und sich Betroffene eher in Behandlung begeben. Aber bislang in erster Linie die Frauen, weniger die Männer, bedauert der Frankfurter Mediziner.

Ursula Nonnemacher - Ärztin, Landtagsabgeordnete und Frauenrechtlerin - schreibt den Männern zum heutigen Tag ebenfalls ins Stammbuch: "Achtet mehr auf euch! Kümmert euch um die Gesundheitsvorsorge!" Mit Blick auf veränderte gesellschaftliche Rollenbilder diagnostiziert die Grünen-Politikern bei vielen Männern "ein großes Unbehagen". Sie empfiehlt Selbstreflexion: "Sind die Aufgaben in der Familie wirklich gut verteilt oder bleibt doch nach wie vor vieles an der Frau hängen?" Es reiche nicht, sich damit zu brüsten, am Wochenende mit den Kindern einmal um den Block zu gehen.

Ursula Nonnemacher sieht aber auch Fortschritte: "Von sexistischen Witzen distanziert sich inzwischen fast jeder." Kritisch sieht sie nach wie vor die Neigung mancher Männer zur Besserwisserei. "Sie wollen Diskussionen dominieren, andere nicht zu Wort kommen lassen." Im Landtag erlebe sie es, dass Abgeordnete Frauen vorführen, durch Zwischenfragen verunsichern und ihre Kompetenz anzweifeln wollen.

Jenen Männern, die sich womöglich nach den jüngsten Sexismus-Skandalen verunsichert fühlen, ob denn nun keinerlei Kompliment mehr erlaubt sei, empfiehlt sie, sich einfach mal in die Lage des Gegenübers zu versetzen. Dann dürfte in der Regel klar sein, was geht, und was nicht. Und noch etwas rät sie: "Redet miteinander! Dann klärt sich vieles."

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