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Musikfestivals sorgen nicht nur für Lärm, sondern bringen auch Investitionen ins Land

Zwischen Kuchen und Technobeat

Riesen-Ansturm: Zehntausende feierten in diesem Sommer das „Lollapalooza“-Festival in Hoppegarten.
Riesen-Ansturm: Zehntausende feierten in diesem Sommer das „Lollapalooza“-Festival in Hoppegarten. © Foto: dpa/Britta Pedersen
Inga Dreyer / 12.11.2017, 18:31 Uhr - Aktualisiert 13.11.2017, 10:16
Frankfurt (Oder) (MOZ) Sie sind laut, bunt und können das Leben auf dem Land ganz schön durcheinanderbringen: Musik-Festivals nisten sich an verschiedenen Orten Brandenburgs ein. Bei der Konferenz "Stadt nach Acht" wurde darüber debattiert, wie das so funktionieren kann, dass alle Beteiligten zufrieden sind.

Wenn die Bässe bis zum Morgengrauen über Wiesen und Wälder wummern, sonntags bunt bemalte Gestalten durch die Dörfer wanken und bei Oma Erna die Kaffeetassen in der Vitrine wackeln, dann ist Sommer in Brandenburg: Festivalsaison. Für die einen ein Gefühl unendlicher Freiheit, durchtanzter Nächte und Weltvergessenheit, für die anderen ungeliebte Störung ihres Alltags, Müll, Verkehr und Lärm.

Nach Zahlen des Projekts "ImPuls Brandenburg" gibt es im Land inzwischen mehr als 50 Festivals. Grund genug zu diskutieren, wie das funktioniert. Im Rahmen der 2. Berliner Nachtleben-Konferenz "Stadt nach Acht" haben Festivalmacher und Vertreter von Verwaltung und Politik bei zwei Podiumsdiskussionen debattiert - bei einer Satelliten-Veranstaltung in Cottbus und am Freitag in Berlin.

Bei "Stadt nach Acht" kommt die Berliner Clubszene zusammen: Musiker, Veranstalter, DJs. Während in der Metropole Freiräume schrumpfen, scheint Brandenburg mit seinen Wäldern und Seen reiche Möglichkeiten zu bieten, sich zu entfalten. Festivals würden teilweise von Berlinern organisiert, teilweise von Brandenburgern, die in ihrer Heimatregion etwas auf die Beine stellen wollen, erzählt Franziska Pollin, die als Projektleiterin von "ImPuls Brandenburg" die Vernetzung der Brandenburger Popularmusikszene fördert. Die Festivallandschaft in Brandenburg reicht von großen, kommerziellen Veranstaltungen wie dem "Lollapalooza", das 2017 Station in Hoppegarten (Märkisch-Oderland) machte, bis hin zu kleinen, alternativen und familiären.

Dabei kommt es immer wieder auch zu Konflikten. Bei der Berliner Konferenz jedoch werden vor allem positive Erfahrungen geäußert - und Verständnis. "Wir kommen mit unserer Veranstaltung in das Leben der Menschen, die dort wohnen. Das hat etwas mit Respekt und Demut zu tun", betont Maximilian Wentzler vom "Sacred Ground"-Festival in Brüssow (Uckermark). Das dreitägige Festival finde auf einem privaten Bauernhof statt. Tagsüber seien auch viele Familien mit Kindern dort. Den Machern sei wichtig, das Festival lokal zu verankern. Das bedeutet: Es werden Produkte aus der Region angeboten, Auf- und Abbauhelfer vor Ort rekrutiert.

"Wenn man irgendwo hinkommt, benimmt man sich als Gast", sagt auch Markus Ossevorth vom Festival "Nation of Gondwana" in Grünefeld (Havelland). Die Nation mit 8000 Gästen in diesem Jahr stelle inzwischen sogar Zäune auf, berichtet Ossevorth - auch, wenn es den Betreibern ohne lieber wäre. Sie könnten drei- bis viermal so viele Tickets verkaufen, erzählt der Veranstalter.

Obwohl das Elektro- und Techno-Festival so groß geworden ist, scheint das Verhältnis zur Gemeinde gut. Bodo Oehme (CDU), Bürgermeister von Schönwalde-Glien, berichtet bei der Podiumsdiskussion, worauf es aus seiner Sicht ankommt: "Man muss es wollen." Die Nation habe nicht nur die Behörden, sondern auch die lokalen Vereine im Boot. "Was meinen Sie, wie viele ältere Leute aus Grünefeld auf der Nation sind? Die freuen sich und backen Kuchen", erzählt Oehme.

Natürlich ist nicht immer alles Friede, Freude, Eierkuchen. Sie setzen auf persönlichen Kontakt zu Anwohnern, berichten die Festivalmacher einstimmig. Wenn das nicht funktioniert, helfe letztendlich nur Rechtssicherheit, betont Bodo Oehme. "Sie sind in Deutschland. Da brauchen Sie ein Blatt Papier mit einem Stempel."

Dabei werden die Gemeinden nicht nur von Toleranz und gutem Willen getrieben - schließlich haben sie auch selbst etwas davon. Bei der Produktion der "Nation of Gondwana" seien mehr als 300 000 Euro in die Region geflossen, berichtet Franziska Pollin. Bei der "Wilden Möhre", einem Festival in der Nähe von Cottbus, seien es sogar 350 000 Euro gewesen. Hinzu kommen noch die Ausgaben der Besucher in der Region.

"Es wird mehr und mehr erkannt, dass es sich lohnt, Popkultur ins Land zu holen", betont Moderator Marc Wohlrabe, Vorstandsmitglied bei der Clubcommission, einem Berliner Netzwerk für Clubkultur. Er glaubt, dass sich durch die Festivals auch das Image von Brandenburg zum Positiven wandelt.

Übersicht über Festivals in Brandenburg: popup-brandenburg.de/festivalland

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