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Cornelia Hendrich 23.03.2014 19:39 Uhr - Aktualisiert 24.03.2014 01:25 Uhr
Red. Bad Freienwalde, freienwalde-red@moz.de

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"Töten bringt gar nichts"

Bad Freienwalde (MOZ) Brandenburg kämpft mit Waschbären oder Ambrosia. Die Bekämpfung solcher unerwünschten Einwanderer kostet in der EU 12 Milliarden Euro. Abschießen oder mit Gift bespritzen, bringt gar nichts, sagt Matthias Freude, ganz im Gegenteil. Er erklärt, warum er trotzdem die Genehmigung mal gab.

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© dpa

Wo der Waschbär sich wohl fühlt, ist das Obst im Garten weg. Wenn der Riesenbärenklau sich irgendwo ansiedelt, wächst dort bald keine andere Pflanze mehr. Der Eichenprozessionsspinner löst juckende Hautentzündungen aus. Die unerwünschten Einwanderer sind ein weltweites Problem. Sie kommen versteckt zum Beispiel auf Schiffen in neue Gebiete. Manche werden aber auch ganz bewusst ausgesetzt. Matthias Freude, der streitbare Präsident des Umweltamts ist ein unterhaltsamer Redner, er reiht eine kleine Geschichte aus der ganzen Welt an die andere.

Wie die vom Nilbarsch, ein Fisch, der größer als ein Mensch wird und 200 Kilo schwer. Er wurde im Viktoria-See ausgesetzt, um die Fischindustrie anzukurbeln. Das tat er auch, allerdings spektakulärer als gedacht. Er vermehrte sich immens, fraß alle anderen Fische weg und rottete so in kurzer Zeit 200 andere Arten aus. 93 Prozent der Arten sind dort verschwunden. Auch wirtschaftlich war der Erfolg nicht groß, denn der Fisch benötigt nach dem Fang eine teure Kühlung.

"Das ist ein gutes Beispiel. Es war gut gedacht, aber mit zu wenig Wissen", sagt Matthias Freude. Er erzählt von weiteren Unglücken. Die giftige Aga-Kröte sollte in Australien Käfer bekämpfen, breitete sich massenhaft aus und reduzierte statt Insekten, wofür sie gedacht war, Warane. Oder die Alge, die aus einem Aquarium Cousteaus in Monaco geflohen sein soll, die man nun Killeralge nennt und die das Mittelmeer großflächig grün färbt. Seit einigen Jahren geht ihre Ausbreitung allerdings zurück. Mit der Amerika-Entdeckung von Kolumbus 1492 begann eine neue Ära, der Übersee-Schiffsverkehr brachte zahlreiche Arten in neue Gebiete. Mit der Globalisierung wird dies nur noch mehr werden.

In Brandenburg setzt der Natur gerade der Riesenbärenklau zu. Die Pflanze, die zwei bis drei Meter hoch werden kann, besetzt Bachufer und verdrängt großflächig andere Pflanzen. Ein Problem sei auch die Wandermuschel, die Abwasserkanäle zusetzt und Schäden bei Trink- und Abwasserverbänden in Millionenhöhe in Deutschland verursache, sagt Matthias Freude. Bei den Tieren, wie bekannt gerade in Märkisch-Oderland, ist natürlich der Waschbär allgegenwärtig. Nachdem 1945 eine Bombe eine Farm in Strausberg traf, brachen Tiere aus. Zuvor waren 1934 in Hessen Tiere von Jägern ausgesetzt worden und vermehren sich seitdem extrem. 20 000 Tiere wurden in der vergangenen Jagdsaison erlegt oder überfahren, 40 Prozent mehr als in der Vorsaison. Der Marderhund wird ebenfalls zu einem Problem.

Beim Thema Waschbär kommt Bewegung in die zwei Dutzend Zuhörer. "Kein Obst bleibt mehr übrig im Garten!", ruft eine Frau entrüstet. "Dann brauche ich auch keinen Garten." Ja, und auch die Kirschen seien alle weg, sagt Matthias Freude, er habe selber einen im Garten. Doch den Waschbären einzufangen und woanders auszusetzen, bringe nichts, er hat es probiert, es kämen sofort andere Waschbären.

Und sofort ist die Runde beim Biber, um den es eigentlich nicht gehen sollte. "Wissen Sie, dass eine Umfrage gerade ergeben hat, dass der Biber das beliebteste Tier Deutschlands ist? Ich habe gesagt, dass muss ich im Oderbruch erzählen", sagt Matthias Freude. Was also begrenzt den Waschbär oder den Biber? "Bestimmt nicht wir", sagt der Präsident des Umweltamtes entschieden. Ebenso sei es beim Eichenprozessionsspinner. "Keine Frage, der ist schrecklich, vor allem, wenn Kinder damit in Berührung kommen." Dann sage er auch, ja, spritzt Gift, an den Wegen, an den Bäumen der Kita. "Es bringt aber nichts, gar nichts. Viele Studien haben es untersucht." Reiner Aktionismus. "Ich bin ja auch so. Lieber irgendetwas tun als gar nichts." Denn das Gift töte auch die natürlichen Feinde, die ganz automatisch etwas später nachkommen und dem Spinner den Garaus machen. "Aber ich habe trotzdem meine Genehmigung gegeben", sagt er. Der psychologische Effekt für die Menschen sei nicht zu unterschätzen.

Menschen seien so, sie brauchen Feindbilder. Er erzählt von einem Freund aus Süddeutschland. Der hat wertvolle Bäume, an denen sich der Waschbär zu schaffen machte. "Ich sagte ihm, zieh einen Zaun. Er antwortete: Nein, ich bin auch Professor." Er fing den Waschbär und setzte ihn Kilometer entfernt wieder aus. Es kamen immer wieder neue. Zum Schluss hatte er 24 Waschbären gefangen, immer wieder andere, wie er beteuerte, und war überzeugt. Er zog einen Zaun.

Eine andere Geschichte. Die Elster breitete sich in Osnabrück aus, sie fraß die Eier von Kleinvögeln. Man ging davon aus, dass sie deren Anzahl stark verringerte. Doch das Gegenteil war der Fall, die Zahl wuchs. Warum? Weil sie mehr brüten, um nicht auszusterben.

"Wir schießen Wildschweine so viel wie nie und wundern uns, dass sie nicht weniger werden." Es sei völlig unerheblich, ob man ein paar erschießt oder nicht, sagt Freude. Man schaffe nur Platz für mehr Kinder. Hatten sie früher vier bis sechs Frischlinge, sind es dann heute zehn. "Das hätte man uns mal in der Jägerausbildung erzählen sollen", sagt er. Da werde gesagt, Jäger seien die Regulatoren.

Nein, all dies bringe nichts, sagt er, der Mensch reguliere nichts. Die natürlichen Feinde setzen die Begrenzung oder Krankheiten, aber auch, wenn eine Art Sättigung der Landschaft mit den Tieren gegeben ist. "Wir sehen es immer wieder, nach einer starken Vermehrung, setzt irgendwann ein Ausgleich ein."

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