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70 Jahre Ehe: Oranienburger Paar ist länger verheiratet als die Queen

Charlotte und Gunther Jungnickel aus Oranienburg feiern am Mittwoch Gnadenhochzeit im Kreise der Familie.
Charlotte und Gunther Jungnickel aus Oranienburg feiern am Mittwoch Gnadenhochzeit im Kreise der Familie. © Foto: MZV
Wiebke Wollek / 14.11.2017, 18:41 Uhr
Oranienburg (OGA) Charlotte und Gunther Jungnickel sind schon länger verheiratet als Königin Elizabeth II. und Prinz Philip, aber nur fünf Tage. Heute vor 70 Jahren gaben sie sich das Jawort in ihrer sächsischen Heimat.

Mit einem Hochzeitsbild kann das Paar nicht dienen. "Es gibt keins. Da hat damals einfach niemand dran gedacht", erzählt Charlotte Jungnickel. Allerdings haben sich die beiden mit 22 Jahren bereits einige Wochen vor der Hochzeit vom Fotografen ablichten lassen. Die Schwarz-Weiß-Aufnahme bewahren sie in einer kleinen Schatulle im Schrank auf.

Der November war auch vor 70 Jahren kein besonders beliebter Monat zum Heiraten. "Das Wetter war schrecklich", erinnert sich Gunther Jungnickel. Das Datum, der 15. November, wurde aus pragmatischen Gründen festgelegt - wie so vieles in der damaligen Zeit kurz nach dem Krieg. Die Eltern der Braut hatten an diesem Tag ihre Silberhochzeit. So konnten beide Feiern zusammengelegt werden und die Verwandtschaft musste nur einmal anreisen. Weil kein anderes Fahrzeug zur Verfügung stand, fuhr das Brautpaar mit dem Lkw zum Standesamt. Noch immer müssen Charlotte und Gunther Jungnickel schmunzeln, wenn sie daran zurückdenken.

Kennengelernt haben sich die beiden mit 16 Jahren bei der Tanzstunde in Schlottwitz, einem Teil der sächsischen Stadt Glashütte. Der Zweite Weltkrieg war bereits ausgebrochen. Viel Zeit zu zweit blieb also vorerst nicht, denn Gunther Jungnickel musste in der Armee kämpfen. Doch er wollte möglichst schnell wieder nach Hause. "In Italien kam ich in Gefangenschaft, konnte aber fliehen", erzählt der heute 92-Jährige nicht ohne Stolz. "Dann hat er plötzlich wieder vor der Tür gestanden", erinnert sich Charlotte Jungnickel, die ebenfalls 92 Jahre alt ist. "Uns trennen nur 14 Tage." Nachdem der junge Soldat aus dem Krieg zurückgekehrt war, hatten beide ein "festes Verhältnis", wie sie heute sagen.

Nach der Hochzeit folgte umgehend der Umzug nach Oranienburg. Gunther Jungnickels Schwester hatte die Havelstadt bereits einige Jahre zuvor als Wahlheimat auserkoren und so fiel die Entscheidung, ihr zu folgen, nicht schwer. Hier gab es gute Arbeitsplätze und so wurde auch der junge Ehemann schnell fündig. Es war eine schwere Arbeit bei Baustoffe Richter. "Alles wurde mit der Hand gemacht, elektrische Sägen gab es ja noch nicht", erzählt Gunther Jungnickel. Das Unternehmen war auch dafür zuständig, kaputte Maschinen aus Firmen, die im Krieg zerbombt wurden, dem Schrott zuzuführen.

Ab 1963 hatte der inzwischen vierfache Vater einen neuen Job als Ingenieur bei den Borsig-Werken in Berlin. "Das war dann eher geistig anstrengend." Seine Frau Charlotte kümmerte sich um die Kinder. Zwischen 1948 und 1960 bekam das Paar zwei Töchter und zwei Söhne. "Mein Mann hat sich aber auch um sie gekümmert", betont sie. Ihrer Arbeit als Leiterin der Annahmestelle im Dienstleistungskombinat in Oranienburg ging sie weiterhin nach. "Wir haben Reparaturen aller Art angenommen, von Regenschirmen über Strumpfhosen bis zu Elektrogeräten." Später wurden dort auch Zelte und Luftmatratzen verliehen. "Arbeiten und vier Kinder großzuziehen, das war schon eine große Anstrengung für meine Mutter", erzählt Tochter Christine Lehmann. "Mein Vater hat ja zwischendurch noch zwei Jahre in Rostock studiert und war viel auf Dienstreise. Meine Mutter hat dann zu Hause alles gemanagt."

Vier Kinder, vier Enkel und bald vier Urenkel haben die Jungnickels. Der jüngste Spross soll in wenigen Tagen das Licht der Welt erblicken. "Es wird ein Mädchen", verrät Charlotte Jungnickel. Der 65. Hochzeitstag wurde noch groß gefeiert. Für den heutigen Tag aber ist nicht viel geplant. "Wer kommt, ist da", sagt Gunther Jungnickel. "Wir haben niemanden eingeladen, aber die Familie wird zu uns kommen." Für eine große Party fehlt beiden die Kraft. "Die Wehwehchen im Alter nehmen zu", sagt der 92-Jährige bescheiden, der ständig von Schmerzen geplagt ist. Beide sind froh über den familiären Zusammenhalt. "Wenn wir sie brauchen, sind sie alle da", sagt Charlotte Jungnickel, die einen großen Wunsch für die Zukunft hat: "Noch einmal meine Schwester treffen, sie ist schon 96 Jahre alt."

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