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Leben am Rand der Gesellschaft

Ein obdachloser Mann
Ein obdachloser Mann © Foto: dpa
Michael Gabel / 14.11.2017, 20:30 Uhr
Berlin (MOZ) Die Zahl der Obdachlosen hat in den vergangenen Jahren in Deutschland deutlich zugenommen. Zum Teil sind es persönliche Lebensumstände, weswegen Menschen auf der Straße landen. Aber auch steigende Mieten spiele eine Rolle.

Kalt ist es auf dem Boden. Eiskalt. Lars, der seinen Nachnamen nicht veröffentlicht sehen möchte, liegt am Berliner Alexanderplatz in einem Türeingang. Er hat sich tief in seinen Schlafsack eingegraben. Als Unterlage dient ihm nur eine dünne Decke. Neben ihm steht ein Pappbecher mit wenigen Kupfermünzen darin. Wie er sich davon etwas zu essen besorgen will? "Ich weiß es nicht", sagt der 40-Jährige. Er stammt aus Sachsen, ist gelernter Maurer. 30 Leute habe er einmal unter sich gehabt, erzählt er. Doch es gab Ärger wegen nicht gezahlter Sozialversicherungsbeiträge. Jetzt ist er verschuldet, dann hat ihn auch noch seine Freundin verlassen. Seit vier Monaten lebt er auf der Straße. Endstation Alexanderplatz? Lars schaut auf, sein Blick ist traurig. "Ich muss alles erst mal sacken lassen", sagt er. Aber er weiß: Kommt der Winter, muss er weg von hier.

Lars ist einer von rund 50 000 Menschen, die nach einer am Dienstag veröffentlichten Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Wohnungslosenhilfe in Deutschland auf der Straße leben. Die Zahlen steigen. 2014 waren es noch etwa 40 000 Menschen, die ohne ein Dach über dem Kopf waren. Die Obdachlosen werden bei der größeren Gruppe der rund 420 000 Wohnungslosen in Deutschland mitgezählt. Hinzu kommen noch einmal 440 000 anerkannte Flüchtlinge, die statt im Heim gern in einer eigenen Wohnung leben möchten, aber keine bekommen.

Bundeshauptstadt der Obdachlosen ist Berlin. Dort wurde Anfang September eine 60-jährige Frau von einem Obdachlosen getötet, der in einem illegalen Zeltlager im Tiergarten lebte. Sie war auf dem Heimweg von der nahe gelegenen Gaststätte "Schleusenkrug", als der 18-Jährige sie überfiel und erwürgte, offenbar, weil er ihr das Handy abnehmen wollte. Der Täter, ein Russe, wurde gefasst, das Lager anschließend geräumt. Seither gibt der Wirt seinen Gästen Taxi-Gutscheine, damit sie nicht durch den Park laufen müssen.

Der Fall ist die Ausnahme, und doch kommt es immer wieder zu Gewalt im Obdachlosenmilieu. Oft sind andere Obdachlose die Opfer. Die Berliner Caritas-Chefin Ulrike Kostka berichtet von häufigen Gewaltausbrüchen, wobei häufig auch Alkohol oder Drogen eine Rolle spielten.

4000 bis 6000 Menschen leben in Berlin nach Angaben der Berliner Caritas am Rand der Gesellschaft. Genauere Zahlen gibt es nicht, weil sie nicht amtlich erfasst werden. Mehr als 50 Prozent kommen aus dem Ausland, vor allem aus Ost- und Südosteuropa. Offizielle Zahlen aus Brandenburg liegen ebenfalls nicht vor, und auch an Schätzungen wagt sich keiner, "weil die Zahlen zu schwankend sind", wie es heißt.

Den Mann aus Sachsen hat sein berufliches und privates Scheitern aus der Bahn geworfen. Andere konnten einfach ihre Miete nicht mehr bezahlen, verloren ihre Wohnung und wurden obdachlos. "Ein reiches Land wie Deutschland hätte durchaus die Mittel, die Wohnungslosigkeit zu bekämpfen", ist die stellvertretende Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft, Werena Rosenke, überzeugt. Kommunen, Bundesländer und der Bund hätten in den vergangenen Jahren eigene Wohnungsbestände an private Investoren verkauft. "Damit haben sie Reserven an Wohnraum aus der Hand gegeben", kritisiert Rosenke. 16,8 Millionen Bundesbürger leben alleine. Dieser großen Gruppe stand nach Zahlen der BAG im Jahr 2016 nur ein Angebot von 5,2 Millionen Ein- bis Zweizimmerwohnungen gegenüber. Die Folge: "Das Angebot an bezahlbarem Wohnraum ist gerade für diese Bevölkerungsgruppe unzureichend."

Lars hat die Szene im Tiergarten gekannt und, wie er sagt, zu ihr immer Abstand gehalten. "Die Leute dort waren mir zu aggressiv", erzählt er. Er ist lieber am Alexanderplatz, wo es deutlich ruhiger zugeht. "Die Menschen hier sind freundlich zu mir, manche jedenfalls", sagt er. Mit etwas bitterem Unterton fügt er hinzu: "Und die anderen tun einfach so, als sei ich nicht da."

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