Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Gaffen, bis der Leichenwagen kommt

Schaulustige stehen in Berlin auf dem Sachsendamm auf einer Brücke und beobachten einen Unfall.
Schaulustige stehen in Berlin auf dem Sachsendamm auf einer Brücke und beobachten einen Unfall. © Foto: dpa
Henning Kraudzun / 14.11.2017, 20:41 Uhr
Berlin (MOZ) Immer häufiger werden Einsatzkräfte durch Schaulustige bedrängt, die ungeniert ihre Smartphones zücken. Zwar wurden die Strafen verschärft - der Polizei fehlt jedoch Personal, um gegen die Behinderung der Rettungsarbeiten vorzugehen.

Diese Bilder gingen durch die Republik: Ein empörter Feuerwehrmann richtet einen Schlauch auf vorbeifahrende Gaffer und spritzt Wasser auf die Karossen. Zuvor war der Mann zusammen mit Kollegen damit beschäftigt, zwei Leichen auf der A 3 in der Nähe des bayrischen Ortes Rohrbrunn zu bergen. "Dem ist der Kamm geschwollen", wird später der zuständige Kreisbrandmeister zitiert.

Dieses rabiate Vorgehen brachte dem Brandschützer viel Kritik von der Polizei und der Feuerwehrführung ein, im Internet wird er jedoch als Held gefeiert. Ein juristisches Nachspiel bleibt ihm nach Aussage der Staatsanwaltschaft Aschaffenburg erspart. Der Fall erzeugt deshalb so große Resonanz, da er ein Schlaglicht auf die schwierige Arbeit der Rettungskräfte wirft: Sie werden behindert, bedrängt, beschimpft.

Auch die Gefühlskälte eines Autofahrers, der Sanitäter im Berliner Stadtteil Moabit attackierte, sorgte vor wenigen Tagen für bundesweite Empörung. Die Helfer waren zu einem Kindergarten geeilt und retteten einem einjährigen Jungen das Leben, der einen plötzlichen Atemstillstand erlitten hatte. Derweil schimpfte draußen ein 23-Jähriger, weil er durch den Einsatz am Ausparken gehindert wurde.

"Mir doch egal, wer hier gerade reanimiert wird", soll der Mann laut Augenzeugen gesagt haben. Er trat vor Wut gegen den Außenspiegel des Rettungsfahrzeugs und bedrohte das medizinische Personal mit Schlägen. Gegen ihn wurden inzwischen Strafanzeigen eingeleitet. "Es gab schon immer Menschen, die sich am Elend anderer ergötzt haben", sagt Carsten-Michael Pix, Fachreferent im Deutschen Feuerwehrverband. "Neu ist jedoch, dass schwere Unfälle mit Fotos und Videos dokumentiert und in sozialen Netzwerken verbreitet werden." Dies sei moralisch höchst verwerflich und verschlimmere das Leid der Opfer sowie der Angehörigen, betont der Brandschützer. Hinzu komme, dass Rettungskräfte immer weniger respektiert würden.

Dabei müssen Schaulustige, die Rettungskräfte bei ihrer Arbeit stören, mit empfindlichen Sanktionen rechnen. Diese wurden im neuen, vom Bundesrat in der Vorwoche beschlossenen Bußgeldkatalog noch einmal verschärft. Allein für das Blockieren von Rettungsgassen werden nunmehr 200 Euro und ein Punkt in Flensburg fällig. Bei einer bewussten Behinderung oder Gefährdung erhöht sich das Strafmaß drastisch.

Vor allem die Polizei hat oft große Mühe, die Gaffer zurückzudrängen. "Wenn unsere Kollegen einen Einsatzort mit Flatterband absperren, steigen viele Passanten einfach drüber", berichtet Sascha Braun, Justiziar bei der Gewerkschaft der Polizei. "Manche wollen den Ermittlern fast schon über die Schulter schauen." Immer wieder müssten Beamte für Ordnung sorgen.

Mit einem dramatischen Appell hatte sich die Polizei im westfälischen Hagen an die Öffentlichkeit gewandt: "Schämt euch, Ihr Gaffer vom Hauptbahnhof", schrieben die Beamten im April 2016 auf Facebook, nachdem Hunderte Menschen beobachtet hatten, wie ein schwer verletztes Mädchen nach einem Unfall von Sanitätern versorgt wurde. Viele hatten die Szene gefilmt. Ähnliche Worte richtete im vergangenen Januar die Polizei im baden-württembergischen Aalen an jene Anwohner, die teilweise mit Kindern zu einer Unfallstelle pilgerten und das Trümmerfeld filmten. In den Autowracks starben zwei Menschen. "Wir haben es satt! Lasst die Smartphones in der Hose", posteten die Beamten.

Neugierde sei zwar nicht strafbar, sagt Braun. Allerdings gebe es klare rechtliche Grenzen. Die "Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs" von hilflosen Menschen durch Bildaufnahmen könne nach dem Strafgesetzbuch mit Geld- oder Freiheitsstrafen geahndet werden. "Aber man braucht Personal, um die Störer zu ermitteln", sagt der Gewerkschafter.

Wer in den Polizeibehörden nachfragt, erhält immer die gleiche Antwort: Man könne bei Unfällen oder bei Ermittlungen keine Kollegen damit beauftragen, Kfz-Kennzeichen von Gaffern aufzuschreiben. Damit die Unfallorte vor neugierigen Blicken abgeschirmt sind, werden bereits Sichtschutzwände angeschafft, zuletzt in Brandenburg. Vorreiter dieser Maßnahme war Nordrhein-Westfalen. Dort haben die Erfahrungen gezeigt, dass sich der Verkehrsfluss nach kurzer Zeit normalisiert, sobald die Barriere aufgebaut ist.

An den Nutzen zusätzlicher Aufklärungskampagnen glaubt nicht einmal mehr der Deutsche Verkehrsrat. "Hier helfen letztendlich nur mehr Kontrollen und Strafen", sagt Carla Bormann, Sprecherin der Organisation. "Dieser traurige Trend ist ein Spielbild unserer Gesellschaft."

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2017 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG