Frankfurt (MOZ) In einer Serie stellt der Stadtbote an jedem Sonnabend einen Frankfurter des Jahres vor. Das können Menschen sein, die ehrenamtlich aktiv sind oder auf andere Weise etwas Besonderes vollbracht haben. Fürs Foto posieren sie auf einem roten Sessel.
Verstehen sich: Seit zwei Jahren besucht Christiane Wiechers regelmäßig die 72-jährige Barbara Bauschuß im Blochwitz-Haus.
Christiane Wiechers gehört irgendwie schon dazu. Wenn die Studentin die Luisenstraße vor den Wichern Wohnstätten entlangläuft, wird sie erkannt und immer wieder angesprochen. "Schon wieder hier?" Die Bewohner kennen die 24-Jährige, die jeden Dienstag nach dem Kaffeetrinken für ein bis zwei Stunden vorbei kommt. Hier wohnt nicht etwa ihre Oma, sie besucht die 72-jährige Barbara Bauschuß.
Die beiden kennen sich seit zwei Jahren. Damals war Christiane Wiechers nach Frankfurt gekommen, um an der Viadrina ihren Master in Europäischen Studien zu machen. "Ich habe andere Kontakte als die in der Uni gesucht", erklärt sie ihre Motivation. Über das Freiwilligenzentrum wurde sie an die Wohnstätten vermittelt. Seitdem kommt sie jede Woche - mit Ausnahme eines Auslandssemesters, das sie in Warschau verbracht hat. Durch ihre Mutter, die in einem Wohnheim für Behinderte gearbeitet hat, kam eine gewisse Nähe zu diesem Gebiet des Engagements. Und auch das dörfliche Umfeld in der Nähe von Bremen, in dem die junge Frau aufgewachsen ist, hat zu ihrem Bedürfnis beigetragen, sich um andere zu kümmern. "In so einem Dorf übernimmt man für seinen festen Umkreis eben Verantwortung", erzählt sie.
Bei ihren Besuchen in der Luisenstraße bringt Christiane Wiechers oft etwas Süßes mit oder ein paar Blumen. Dann hören beide zusammen Musik oder schauen sich Fotos an. Wenn das Wetter besser ist, gehen sie raus. Seit einiger Zeit braucht Barbara Bauschuß dafür einen Rollstuhl. "Ich habe sie lieb gewonnen", begründet die Ehrenamtlerin ihre Vorfreude auf die Besuche. Wenn sich die Mitarbeiter bei ihr bedanken, findet sie das "eigentlich schon zu viel".
Die ehrenamtliche Arbeit ist ein wichtiger Bestandteil der Betreuung, zahlreiche Freiwillige kommen regelmäßig zu Besuch. "Es hat eine besondere Wichtung, wenn jemand von außen kommt", sagt Anne Oberländer, die bei der Wichern Diakonie für Ehrenamtliche zuständig ist. Sie erlebt oft, wie sich Freundschaften zwischen den Bewohnern und den Ehrenamtlichen entwickeln. Voraussetzungen gibt es für das Engagement keine, außer einer gewissen Offenheit. Allen gemein sei die Einstellung, dass Behinderung nichts ist, auf das man schräg schaut. "Behinderung ist eine der vielen Farben, die unser Leben zeigt."
Wenn Christiane Wiechers über Barbara Bauschuß redet, kommt das Wort Behinderung kaum vor. Frau Bauschuß ist für sie eine ältere Dame, die man wegen ihrer unklaren Aussprache zugegebener Weise nicht immer gut versteht und mit der Gespräche oft in den gleichen Bahnen ablaufen. In erster Linie ist sie aber eine Freundin. "Sie hat so nette Eigenschaften, ist agil und lebendig", erzählt die Studentin. Als sie durch die offen stehende Tür Barbara Bauschuß' Zimmer betritt, sitzt die gerade auf dem Bett und isst Dominosteine. "Frau Bauschuß, naschen Sie schon wieder?", fragt Christiane Wiechers und drückt die 72-Jährige zur Begrüßung. Sie hat gelernt, die Äußerungen der geistig behinderten Seniorin besser zu verstehen. Auch ein kurzes "Schnauze", mit dem Barbara Bauschuß Dampf ablässt, wenn ihr etwas nicht passt, steckt die junge Besucherin lächelnd weg.
Das Leben in den Wohnstätten ist für Christiane Wiechers eine Abwechslung zum akademischen Alltag. "Es ist auch eine Art, der Stadt, die mich aufgenommen hat, etwas zurück zu geben", sagt sie. Manchmal ärgert sie sich über ihre pendelnden Kommilitonen, die in Berlin wohnen und über Frankfurt meckern. Erzählt sie anderen Studenten über ihr Engagement, staunen sie oft, dass es diese Möglichkeiten gibt. Für Christiane Wiechers stand es nie zur Debatte, woanders zu leben. Bei Nebenjobs hat sie erst Fahrgäste in Bussen und Bahnen befragt und dann an einer Supermarkt-Kasse gesessen - und so die Frankfurter kennengelernt.
Ein Kontakt, der bleiben wird, wenn sie im Sommer nach ihrer Abschlussarbeit wegzieht, ist der zu Barbara Bauschuß. Letztendlich ist sie ihr mindestens so dankbar wie umgekehrt. "Sie hat mich viel mehr in ihr Leben gelassen, als ich sie in meins."
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22.05.2012 13:16:33 BBurger
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22.05.2012 13:10:15 boeses c
das wurde der Großtei der deutschen Autobahnen auch...
22.05.2012 13:10:07 Einer aus der Stadt
Gier ist gut. Gier ist richtig. Gier ist gesund. Auch die Gier nach einem Sta...