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Maria Neuendorff 30.01.2012 18:07 Uhr

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Ehemalige Insassen besuchen Durchgangsheim in Bad Freienwalde

Bad Freienwalde (MOZ) Im Durchgangsheim Bad Freienwalde mussten zu DDR-Zeiten Kinder hinter Gittern leben und teilweise Zwangsarbeit verrichten. Am Montag besuchten Opfer das erste Mal seit der Wende das Gebäude, das für sie kein Zuhause, sondern ein Hort des Schreckens war.

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Hartmut von Damaros, der in den 70er-Jahren im Durchgangsheim Bad Freienwalde lebte, findet auf dem Dachboden Porzellan der Erzieher.

© Andreas Karpe-Gora

Normalerweise ist Roland Herrmann ein redseliger Mensch. Doch heute ist der Fürstenwalder ganz in sich gekehrt, als er durch die Gänge des ehemaligen Durchgangsheims Bad Freienwalde (Märkisch-Oderland) läuft. Obwohl in den frisch tapezierten Etagen nur noch weniges an Gitter, Schläge, Isolationshaft und Kinderarbeit erinnert, schnürt es ihm die Kehle zu. "Ich bin froh, dass es nicht so authentisch wirkt, sonst wäre Roland bestimmt zusammengebrochen", sagt eine gute Freundin, die den 46-Jährigen begleitet.

Es ist das erste Mal, dass das ehemalige Kinderheim für die Opfer zugänglich ist. Lange haben Herrmann und andere Betroffene darum gekämpft, den Schlüssel zu bekommen. Sie wollen der Nachwelt den Ort zeigen, an dem ihnen so viel Unrecht und Schmerz widerfuhr. "Hier habe ich mit drei anderen Jungs in einer Zelle gelebt", berichtet Hartmut von Damaros. Der Eberswalder steht in einem etwa zwei Mal drei Meter großen Raum. "Dort in der Ecke hat der Emaille-Eimer für die Notdurft gestanden. Wir konnten uns nicht einmal die Hände waschen. Wir waren keine Menschen mehr", sagt der 55-Jährige.

Er saß als 17-Jähriger von September 1973 bis Februar 1974 in Freienwalde ein. Seit dem Säuglingsalter war er von Heim zu Heim gereicht worden. In der Station vor Freienwalde sei er in einem Heim bei Angermünde von seinem Sportlehrer sexuell missbraucht worden. "Von da an war ich verhaltensauffällig", erzählt von Damaros. Dann versagt seine Stimme. Die Emotionen nehmen überhand. "Aber es tut gut, darüber zu reden."

Wie groß das Bedürfnis nach Aufarbeitung ist, weiß auch Kerstin Kuzian. Die Beauftragte für ehemalige DDR-Heim- und Jugendwerkhofkinder betreut derzeit 335 Betroffene und wird ab morgen ihre neue Beratungsstelle in der ehemaligen Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg eröffnen. Gemeinsam mit einem Wissenschaftler begibt auch sie sich heute in Bad Freienwalde auf Spurensuche. Die Betroffenen zeigen ihr die alte Werkstatt, in der sie als Kinder Lampenfassungen zusammenschrauben mussten. "Keinen Pfennig haben wir dafür gesehen", sagt André Pahl, ehemaliges Heimkind aus Beeskow (Oder-Spree).

Es geht vor allem um Wiedergutmachung. Die Bundesregierung ist dabei, einen Opferfonds zu verabschieden, ähnlich dem für die Heimkinder West der 50er- und 60er-Jahre. Ende März wird Kerstin Kuzian an einem Treffen im Bundestag teilnehmen. "Es müssen noch Expertisen ausgewertet werden. Das Gesetz könnte dann im Sommer auf den Weg gebracht werden", erklärt die Beraterin.

Die meisten der ehemaligen Heimkinder aus Bad Freienwalde sind jedoch mit ihren Rehabilitations-Anträgen vor Gericht gescheitert. Auch Roland Herrmann, der mit 14 Jahren für sechs Monate ins Durchgangsheim kam, hat schon drei Ablehnungen bekommen. Weil kaum noch Dokumente existieren, ist es für ihn schwer zu belegen, dass seine Menschenrechte verletzt wurden. Wie zum Beweis findet er in der obersten Etage plötzlich eine Rolle Stacheldraht. Unter dem Dach ist noch alles beim Alten. Unter abgewetzten Tapeten kommen Zeitungen aus den 70ern zum Vorschein. Herrmann fühlt sich plötzlich ins Jahr 1979 zurückversetzt. "Neben mir in der Zelle weinte zu Weihnachten drei Tage lang ein Neunjähriger. Er schrie ununterbrochen nach seiner Mutter. Es war nicht zum Aushalten."

Manche Türen des alten preußischen Gefängnisbaus haben noch alte dicke Schlösser. "Die Schlüssel haben wir oft zu spüren bekommen", berichten die Heimkinder. In einer Kammer steht verstaubtes Geschirr. "Das Essen hat nie gereicht, um satt zu werden", erinnert sich Herrmann.

Er würde vor Ort gerne eine Gedenkstätte einrichten. Doch der neue Besitzer aus Berlin will das Haus wieder vermieten. Hartmut von Damaros schaut durch die nagelneuen Fenster ohne Gitterstäbe in den Hof hinab. "Ganz selten und nur wenn wir uns alle gut geführt haben, durften wir da unten mit dem Medizinball Fußball spielen."

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