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Heike Weißapfel 18.09.2012 19:26 Uhr
Red. Oranienburg, lokales@oranienburger-generalanzeiger.de

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„Schnaps“ – das war sein einziges Wort

Hohen Neuendorf (MZV) Er war so lustig wie wortkarg – Paul Fritschie. Eine Gedenktafel an seinem Grabstein bewahrt im Ehrenrondell des Hohen Neuendorfer Friedhofs die Erinnerung an den Unterhaltungskünstler. Zeitzeugen und Mitglieder des Geschichtskreises haben sich gestern ihm zu Ehren dort getroffen.

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Neue Tafel: Matthias Salchow legte Rosen auf den Stein.

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„Er kam mit Handschuhen auf die Bühne. Einen zog er aus, der war dann mindestens zwei Meter lang“, sagt Helmut Griep bei der Zusammenkunft auf dem Hohen Neuendorfer Friedhof. „Aus einem Loch in seiner Hose zog er sich ein riesengroßes Taschentuch. Auch Tische und Stühle waren für seinen Auftritt präpariert“, weiß der 83-Jährige, der Fritschie in den 50er-Jahren live erlebt hat. Detailliert beschreibt er die Mischung aus Slapstick, Clownerie und Akrobatik, die Fritschie auf der Bühne vollführt hat. „Die Stühle schichtete er übereinander, kletterte hinauf, schwankte – fiel hinunter und hüpfte fröhlich weiter.“ Und alles ohne Worte – fast: „Schnaps“ ist das einzige, das Fritschie beim Anblick einer Flasche ausrief. Geschickt fing er dann deren hochgeschüttelten Inhalt in einem Becher auf.

„Die Zuschauer haben oft geschrien. Denn er warf auch Geschirr Richtung Publikum“, ergänzt Fritz Klinke, der das Programm ebenfalls als junger Mann miterlebt hat. Allerdings hing das Service an Bändern am Tablett fest, das Fritschie in der Hand behielt, und so kam niemand zu Schaden.

„Der Beleuchter musste immer aufpassen, dass die Drahtseile nicht zu sehen waren“, sagt Fritz Klinke. Denn an solchen hing auch die Seife, die ihm immer wieder wegflutschte, was zu einer komischen Kettenreaktion führte.

Fritz Klinkes Eltern waren mit den Fritschies befreundet. Als Junge hat der heute 88-Jährige mal ein Rennrad von ihm geschenkt bekommen und ihn auf Touren bis nach Stettin begleitet. Der Zweite Weltkrieg setzte dem vorerst ein Ende. Aufgetreten ist Fritschie aber bis ins hohe Alter, wie unter anderem ein Programmheft zu einer „Hohen Neuendorfer Künstlerparade“ von 1958 belegt. Helmut Griep und Fritz Klinke ließen gestern keinen Zweifel daran, dass sie Paul Fritschie mochten.

Paul Johannes Karl Fritsche (Fritschie war sein Künstlername, der auch auf dem Grabstein steht) wurde 1890 in Berlin geboren. Seine Bühnenpartnerin und Ehefrau Franziska hat er in Bochum kennengelernt. Wann das Paar, das in England ebenso unterwegs war wie in Russland, genau nach Hohen Neuendorf kam, ist nicht bekannt. Paul Fritschie blieb jedenfalls bis zu seinem Lebensende 1968 dort. Gewohnt haben die beiden mit – wechselnden – Pekinesen in einem hübschen Holzhaus in der Scharfschwerdtstraße. „Sie sprachen fließend Englisch“, weiß Helmut Griep. Doch sei Fritschie auch im täglichen Leben eher wortkarg und ein ruhiger Mann gewesen. Seine Frau habe dafür umso mehr geredet, erzählt Griep, der sie seinerzeit als Physiotherapeut behandelt hat.

Matthias Salchow hat im Rahmen seiner Arbeit für den Geschichtskreis und als Mitarbeiter einer Kommunal-Kombi-Maßnahme bei der Beschäftigungsgesellschaft Novareg gemeinsam mit seiner Kollegin Manuela Frädrich dafür gesorgt, dass Paul Fritschies Erinnerung nun dauerhaft gesichert ist. Bei einem Friedhofsbesuch war ihnen aufgefallen, dass die sogenannte Liegezeit für seine Grabstelle längst abgelaufen war. Das Grab war auch verwildert. Es wurde inzwischen eingeebnet, doch der Stein blieb erhalten.

„Fritschie, der komische Hausknecht – mit dieser akrobatischen Darbietung, in der nur ein Wort gesprochen wurde, brachte Paul Fritschie unzählige Menschen auf der ganzen Welt zum Staunen und zum Lachen“, steht nun auf der Ehrentafel zu lesen. Den Text hat Manuela Frädrich formuliert. Steinmetzmeister Jörg-Peter Broszeit und der Kulturkreis haben die Kosten getragen.

Um 17 Jahre hat Franziska Fritschie ihren Paul überlebt. Ihr gemeinsamer Grabstein hat nun samt Erinnerungstafel neben dem von Hohen Neuendorfs ehemaligem Bürgermeister Ernst Nowacki ihren repräsentativen Platz gefunden.

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