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Der Lohengrin vom Dienst

Neuenhagen . Prominente Nachbarn sind gar nicht so selten im Landkreis Märkisch-Oderland. Die MOZ besucht einige von ihnen und stellt sie in loser Folge vor. Heute: Kammersänger Eberhard Büchner.

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Jahreszahlen, Namen und Spielorte sprudeln nur so aus dem fast 70-Jährigen heraus, während die Frühlingssonne durch die Fenster des Fermate-Studios blinzelt. "Noch längst nicht 70", sagt Eberhard Büchner mit seinen 68 Jahren nicht ganz uneitel. Seine Ehefrau Heidi lacht, sie scheint das zu kennen. Überhaupt wird viel gelacht während unseres Gesprächs, bei dem ihm seine Frau zur Seite sitzt. Wie sie während seiner Karriere immer da war, ihm das weniger wichtig scheinende Drumherum abnahm. Anders als manche Kollegen, die sich nach der Wende auch neu orientieren mussten, scheint der Kammersänger mit sich und der Welt im Reinen.

"Wir fühlen uns hier sehr wohl", sagt der Tenor gleich mehrfach und ist sich der Zustimmung seiner Frau sicher. Die Ruhe, das viele Grün, die frische Luft - Eberhard Büchner nennt auch die nach langem Warten endlich asphaltierte Goethestraße. Seit wann sie in Neuenhagen wohnen? Der geborene Dresdener überlegt kurz: "1971 sind wir aus Berlin weggezogen." Das Wohnen unmittelbar an der Grenze mit seinen Einschränkungen sei ziemlich unbequem gewesen.

Zu jener Zeit hatte der Tenor Eberhard Büchner in der DDR schon einen Namen. Was möglicherweise nicht der Fall gewesen wäre, wenn es mit seinem Wunsch-Lehrlingsplatz geklappt hätte - als Orgelbauer. So aber studierte er in Dresden Gesang (1959-1964). Den Hang zum Musischen kann er sich selbst nicht recht erklären. Er hat Ahnenforschung betrieben. "Aber da hat sich nichts Künstlerisches ergeben", sagt er.

1968 errang Eberhard Büchner den zweiten Preis beim renommierten Leipziger Bach-Wettbewerb. In eben diesem Jahr wurde er an der Staatsoper Unter den Linden fest engagiert. "Ich sang sehr viel Mozart und Rossini", sagt Büchner rückblickend. Und das mit wachsendem Erfolg. 1972 gab es das erste Auslandsgastspiel in Wien, andere namhafte Opernhäuser folgten. Zwar noch nicht in dem Maße wie seine damaligen Kollegen in Berlin - die beiden gesanglichen Exportschlager Peter Schreier und Theo Adam. Aber das änderte sich.

Anfang der 80er Jahre wechselte Eberhard Büchner das Fach. "Meine Stimme wuchs, mit dem Volumen sollte ich plötzlich Wagner singen", sagt der Kammersänger. Und das tat er denn auch. Ob Covent Garden in London, die Scala in Mailand oder die Salzburger Festspiele, wo er 1984 unter Herbert von Karajan den Lohengrin sang - Büchner schwamm auf einer Erfolgswelle: "Zehn Jahre lang war ich der Lohengrin vom Dienst." Zudem reiste der Startenor zu Liederabenden rund um den Globus.

Und wie kam er als Sänger zwischen den Welten klar? Hatte er Probleme, nach den glanzvollen Auftritten an führenden Häusern wieder in Ostberlin zu singen? Büchner schüttelt entschieden den Kopf: "Da gab es keinen Unterschied, die Oper Unter den Linden spielte in derselben Liga."

Und Büchner spielte noch eine ganze Weile mit. An die Staatsoper war er bis zum Jahre 2000 vertraglich gebunden. Anderswo ging es weiter. Erst Mitte November vergangenen Jahres wurde der Tenor im Konzerthaus Berlin einmal mehr gefeiert, übrigens auch für eigene Kompositionen. Mit dabei war die junge Sopranistin Anne Bretschneider. Und das nicht zum ersten Mal.

Aber der Kammersänger liebt auch die Kunst im Kleinen. Anfang der 1990er Jahre erweiterten die Büchners ihr Wohnhaus um ein Studio. Geplant war es ganz klein, vornehmlich für die Gesangsausbildung der Studenten. Doch dabei blieb es nicht, wobei Eberhard Büchner dort bis heute seine Schüler auf Vorsingen und Wettbewerbe vorbereitet. Dennoch ist das Studio weit mehr. Ob literarisch-musikalische Programme, Lesungen, Konzerte oder Kabarett - die Büchners bereichern mit ihrem Fermate-Studio seit Jahren die Kulturszene in der Region. Den Name haben sie dem Italienischen entnommen, "es ist ein Haltepunkt, eine Art Einkehr im weitesten Sinne", sagt Heidi Büchner, bei der die organisatorischen Fäden für die im Schnitt zwölf Veranstaltungen pro Jahr zusammenlaufen. Längst hat sich eine Fan-Gemeinde etabliert, zu der auch Berliner gehören. Nur höchst selten bleibt einer der 99 Sitzplätze frei.

Beide haben schon mal angedeutet, dass sie in absehbarer Zeit gerne etwas kürzer treten würden. Aber so recht wahrhaben wollen die treuen Besucher das nicht. "Wir werden eine Lösung finden, mit der alle leben können", sagt Heidi Büchner.

Etwas kürzer treten heißt nicht, sich ausschließlich aufs Altenteil zurückzuziehen und die Zeit im eigenen Garten beziehungsweise auf dem Wochenendgrundstück am Müggelsee zu verbringen. "Mein Mann redet zwar immer mal wieder vom Kürzertreten oder Aufhören, aber leicht fällt es ihm nicht", sagt seine Frau. Er lächelt, möchte darüber eigentlich nicht weiter reden, sondern spricht lieber über sein nächstes größeres Vorhaben. Das betrifft die Zusammenarbeit mit dem Steglitzer Vokalensemble Kammerton. Mit dem Berliner Chor will Eberhard Büchner im Herbst in der Bollensdorfer Kirche ein Konzert geben.

Für die Lesung im Fermate-Studio mit Hanns-Jörn Weber vom Schauspielhaus Dresden (Richtergeschichten von Karel Capek) an diesem Sonntag um 15.30 Uhr gibt es noch einige Restkarten, Tel. 03342 7532.

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