Im Juni 1923 kaufte Selman . Mit seiner jüngsten Recherchearbeit "Tanz ins Vergessen" will Günter Knobloch das Leben des zeitweiligen Eggersdorfers Senin Glazéroff ins Bewusstsein seiner Heimatgemeinde rücken. Das vorläufige Porträt des jüdischen Artisten und Tänzers ist ein weiterer Baustein der Erinnerungskultur im Doppeldorf.
Eggersdorf war der Rückzugsort des als Tänzer, Leiter eines Ballett-Ensembles und später vermutlich Prinzipal einer ganzen Artisten-Gruppe international bekannten Senin Glazéroff auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn. Im Sommer 1923 kaufte er mit seiner Frau Elsa eine Villa in der Landsberger Straße 16 (heute 18), wo er die Auftritte seines Ensembles vorbereitete, sich erholte oder ausgelassene Feste feierte. Gemeinsames Baden im Mühlenfließ hinter dem Grundstück gehörte laut Erinnerungen Einheimischer dazu. Auch der Mann mit Pluderhosen und Russenkittel ist im Gedächtnis Alteingesessener noch präsent.
Das alles und vieles mehr lässt sich der zum Jahresende 2009 im Selbstverlag erschienenen Arbeit von Günter und Sigrid Knobloch entnehmen. Das 36 Seiten umfassende, reich mit historischen Aufnahmen illustrierte Werk bettet die bislang kaum bekannte Geschichte des in Russland geborenen Tänzers jüdischer Abstammung in die der 1901 gegründeten Internationalen Artisten-Loge und das gesellschaftliche Umfeld.
Bis Günter Knobloch all das zusammenfassen konnte, vergingen jedoch Jahre voll ausgedehnter Recherchen, Gesprächen mit heute lebenden Verwandten und das akribische Notieren sämtlicher in Frage kommenden Details. "Wir waren wie eine Holzschraube, die sich immer weiter ins Brett dreht", sucht Günter Knobloch nach einem Vergleich für das mühevolle Forschen nach Anhaltspunkten und Daten aus dem Leben von Glazéroff. Doch es habe einfach auch Spaß gemacht.
Die Idee dazu war bei der Beschäftigung mit dem 2006 rekonstruierten OdF-Denkmal (Opfer des Faschismus) im Ort entstanden. Damals hatten sich der Petershagener Knobloch und der Eggersdorfer Dieter Neitzel in dieser Zeit betroffenen Bürgern aus dem eigenen Ort intensiver zugewandt. Eine würdige Erinnerungskultur erfasse einen der Beteiligten am gescheiterten Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 ebenso wie einen mutigen katholischen Pfarrer oder verfolgte Juden, die einst in Petershagen und Eggersdorf eine Rolle gespielt haben, so ihre Auffassung.
In diesem Zusammenhang wurde vor dem Haus des jüdischen Kaufmanns Moritz Haike in Ortsteil Petershagen im März 2007 ein erster Stolperstein wider das Vergessen verlegt. Ein Zweiter - so die Idee - hätte im 675. Jahr des Ortsteils Eggersdorf 2008 verlegt werden können: für Senin Glazéroff. Es war schon daran gescheitert, dass die Informationslage zu dem Tänzer noch immer dürftig war.
Auf Glazéroff selbst war Knobloch in den unveröffentlichten Notizen des verstorbenen Eggersdorfer Fotografen Günter Bittner gestoßen. Doch weder im Internationalen Artistenmuseum in Klosterfelde noch beim Jüdischen Museum Berlin, dem Brandenburgischen Landeshauptarchiv oder dem Bundesarchiv Berlin war das geschichtsinteressierte Ehepaar fündig geworden. Erst ein Hinweis auf die Stiftung Stadtmuseum Berlin, Fachbereich Geschichte und Theater, führte Knoblochs auf die entscheidende Spur. Aus dem Artisten-Fachblatt "Das Programm", das seit 1902 wöchentlich erschien, holten sie mosaiksteinartig Detail für Detail. Über Monate zog sich das Studium der Zeitschrift. "Das alte Ehepaar ist wieder da", hieß es in Berlin-Haselhorst, wohin Sigrid und Günter Knobloch stets nach umständlicher S-, U- und Busfahrt gelangten, "und wo wir rührend umsorgt wurden", so Sigrid Knobloch.
Als ergiebig in anderer Hinsicht erwies sich der familiäre Strang. Die Nachkommen der Schwester von Glazeroffs Ehefrau, beide Ensemble-Mitglieder, besaßen das Erinnerungsalbum des Ehepaares Glazéroff und konnten so zahlreiche Fotos und Dokumente beisteuern. Doch all das reichte nicht, um die letzte Lebenszeit Senin Glazeroffs zu erhellen. Er muss Eggersdorf zwischen 1935 und 1937 auf der Flucht nach Antwerpen verlassen haben, wo nach 1940 mit der systematischen Verfolgung geflüchteter Juden begonnen wurde. Dort verliert sich seine Spur.
Glazéroff wurde am 18. Januar, vor 1870, in Rostow geboren. Die Jahreszahl orientiert sich am 25-jährigen Berufsjubiläum Glazéroffs in Rotterdam, den das Artisten-Fachblatt "Das Programm" 1913 thematisierte.
1888 hatte der junge Senia in Woronesh erstmals als Solist die Bühne betreten. Nach fundierter Ausbildung brachte er es bis zum Ballettmeister an der St. Petersburger Oper.
Seit 1905 tourte Glazéroff mit seiner mittlerweile mehrköpfigen Tanztruppe durch ganz Mitteleuropa. 1912 gelang der "Tscherkessen-Truppe" der große Durchbruch auf der Bühne des Berliner Apollo-Theaters mit anschließender Tournee durch ganz Westeuropa. Mehrfach wechselte während dessen der Name des Ensembles.
Gegen Ende des ersten Weltkriegs ging es für die "Deutsch-Polnischen Tanzsterne" bzw. "Glazéroffs Warschauer Ballett" wieder aufwärts. 1929 provozierten seine Erfolge sogar Nachahmer. Bis zum Machtantritt der Nazis 1933 gingen die Auftritte jedoch zusehends zurück.
Glatzer für 2,5 Millionen Mark (Inflationszeit) das Grundstück in der Landsberger Straße 16 (heute 18). Die seinem damaligen Status angemessene feste Adresse musste Glazéroff in den 1930er Jahren verlassen. Wann, liegt ebenso im Dunkel der Geschichte wie verlässliche Daten zu seinem Tod.
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