Port-au-Prince . Die Erdbebenkatastrophe in Haiti hat nach einer Schätzung der Vereinten Nationen rund eine Million Menschen obdachlos gemacht. Jeder neunte Haitianer ist demnach auf eine Notunterkunft angewiesen - doch es gibt viel zu wenig Zelte, wie die Internationale Organisation für Migration (IMO) beklagte.
Es könne Wochen dauern, bis ausreichend Flächen für Zeltstädte gefunden seien, sagte der Leiter der IMO-Mission in Haiti, Vincent Houver. Im Lager der Organisation in Port-au-Prince befänden sich 10.000 Familienzelte, benötigt würden aber mindestens 100.000.
Allein in der Hauptstadt sind nach Angaben der haitianischen Regierung etwa 700.000 Menschen obdachlos geworden. Die meisten müssen derzeit unter Bettlaken, Kartons oder Plastikplanen Schutz suchen. Die Regierung ermutigt die Menschen, Port-au-Prince zu verlassen, etwa um in anderen Landesteilen bei Verwandten unterzukommen. Etwa 235.000 hätten das Angebot eines kostenlosen Transportes angenommen, viele andere hätten die Stadt auf eigene Faust verlassen, erklärten Behördenvertreter.
EU will unterdessen 350 Militärpolizisten nach Haiti entsenden, wo sie die Verteilung der internationalen Hilfe für die Erdbebenopfer unterstützen sollen. Die EU-Polizisten werden im Rahmen der UN-Mission in Haiti im Einsatz sein, die den Hilfseinsatz koordiniert. Italien und Frankreich stellen nach EU-Angaben vom Montag je 100 Sicherheitskräfte bereit, die Niederlande 50, und weitere Mitgliedstaaten kleinere Kontingente. Deutschland und Großbritannien stellen keine Sicherheitskräfte bereit, da es in diesen Ländern keine Militärpolizei gibt.
Gemessen an der Zahl der Toten ist das Erdbeben vom 12. Januar eine der schlimmsten Naturkatastrophen in der jüngeren Geschichte. Die Zahl der bestätigten Todesopfer liegt mittlerweile über 150.000. Doch niemand weiß, wie viele Opfer direkt von ihren Angehörigen beerdigt oder verbrannt wurden und wie viele noch unter den Trümmern liegen. Und auch die Toten in den abgelegeneren Gegenden sind bislang ungezählt. Auf die Frage, wie viele Menschen wohl tatsächlich ums Leben gekommen seien, antwortete Kommunikationsministerin Marie-Laurence Jocelyn Lassègue: "200.000? 300.000? Wer weiß das schon?"
Knapp zwei Wochen nach der Katastrophe fand auf Einladung der kanadischen Regierung ein Vorbereitungstreffen für eine große internationale Geberkonferenz statt. An dem Treffen in Montreal nahmen der kanadische Ministerpräsident Stephen Harper, sein haitianischer Kollege Jean-Max Bellerive und Außenminister aus mehr als einem Dutzend Staaten sowie 14 internationale Organisationen teil. Bellerive erklärte, Haiti sei stark auf die Hilfe von außen angewiesen. Seine Regierung werde aber in der Lage sein, die Federführung über das Wiederaufbauprogramm zu übernehmen.
Der italienische Außenminister Franco Frattini distanzierte sich unterdessen von kritischen Äußerungen des Leiters des italienischen Katastrophenschutzes zum Hilfseinsatz in Haiti. Guido Bertolaso hatte am Sonntag erklärt, der militärische Ansatz der USA sei ineffektiv und gehe an den Bedürfnissen der Menschen vorbei. Was dringend gebraucht werde, sei ein ziviler Koordinator der Hilfe, sagte Bertolaso, der 2009 die Hilfe nach dem Erdbeben in den Abruzzen geleitet hatte und dafür allseits gelobt worden war. Die US-Militäraktion in Haiti nannte er gut gemeint, aber ineffektiv. Frattini sagte dazu, Bertolaso habe lediglich seine persönliche Meinung geäußert.
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