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"Offene Ateliers" boten Gespräche mit Künstlern und Kunsthandwerkern in kleinem Kreis - von belanglos bis hoch politisch

Vom Töpfern bis zur Performance

Ruth Buder und Elke Lang / 04.05.2015, 07:49 Uhr
Beeskow (MOZ) In ihre "Offenen Ateliers" haben am Wochenende Künstler und Kunsthandwerker der Region eingeladen. Die Besucher kamen zwar nicht in Scharen, aber sie kamen - eine kleine, aber feine Veranstaltungsreihe.

"Fragmente" von K.U.R. lautete die geheimnisvolle Ankündigung einer Vernissage in der Alten Försterei in Briescht. Inhaber und Vereinschef Kai-Uwe Rettig ließ schnell die Katze aus dem Sack: "K.U.R. - das bin ich!" Seine "Fragmente" hängen in 10x10-Zentimeter-Bildern an der Wand. Es sind witzige oder nachdenkliche Sprüche und Ausschnitte aus alten Zeitungen. Besucherin Susann Körner, die mit ihrer Familie eine Fahrradtour von Beeskow nach Briescht gemacht hat, muss lachen, als sie zum Beispiel liest: "Was schert mich die Flasche, was zählt ist Rausch".

Weil Kai-Uwe Rettig viel mit alten Dingen arbeitet findet er häufig kleine Sachen, "die zuerst belanglos erscheinen, aber für sich genommen sehr viel aussagen." Das was an der Wand hänge, sei aber nur ein Bruchteil von dem, was er im Schrank aufbewahre, bekannte der frisch gebackene Vater eines Sohnes. "Ich möchte das Augenmerk auf Dinge legen, die üblicherweise weggeworfen werden."

Die kleine Ausstellung befindet sich in der neu eingerichteten Galerie, ein Raum mit einem sehenswerten Tresen von 1912 und mit etwa 40 Plätzen, in dem jetzt auch im Winter Veranstaltungen angeboten werden können.

Eher handwerklich geht es in "Ronas Töpferbude" in Müllrose zu. Die 47-Jährige Rona Günauer empfängt auf ihrem Grundstück in Müllrose die Besucher, bietet eine große Auswahl von Töpfersachen für jeden Geldbeutel und zu vielen Anlässen an. Als Markenzeichen gelten ihre bunten Blüten aus Ton, die nie verwelken.

Auch die Nachbarinnen Marika Seiring und Jenny Prütz sind gekommen. Beide haben ein paar Kleinigkeiten gefunden. "Ich komme gern mal rüber", gesteht Marika Seiring und überlegt, ob sie das Glöckchen vom Baum auch noch mitnimmt. Rona Günauer, die hauptberuflich im Arcelor Mittal arbeitet, geht nur zweimal im Jahr auf Märkte, aber sie öffnet auch, wenn jemand an ihrer Haustür klingelt. Auf Anfrage bietet sie Töpfern für Kinder an.

In Beeskow haben Diana Kühl-Gernot und Rostyslav Voronko in ihre Galerien am Kirchplatz beziehungsweise in der Berliner Straße eingeladen. Voronko bietet neben seinen Landschaftsmalereien auch Porträts auf Bestellung an. Deswegen sind Konrad und Ingrid Feiler extra aus Berlin gekommen. Der 74-Jährige möchte sich gern in Öl für seine Nachwelt verewigen lassen. Termine für das Modellsitzen wurden gemacht. Etwa 300 Euro kostet ein Porträt. Der "Tag des offenen Ateliers" war für Voronko, den gebürtigen Ukrainer, auch ein Geburtstag. "Vor einem Jahr habe ich meine Galerie eröffnet. Das war richtig, denn seitdem bin ich viel bekannter geworden." Voronoko ist nicht nur Maler, sondern auch Restaurator. Demnächst wird er in der Taucher Kirche arbeiten.

Immer eine ausgelassene Stimmung herrschte bei Gerald Lehmann, der mit rund 50 Gemälden und Fotografien zum vierten Mal beim Offenen Atelier mitmachte. Über beide Tage kamen etwa insgesamt 25 Besucher, die meisten nachmittags. Für zehn seiner Gäste wurde der Sonnabend zum besonderen Erlebnis. Gisbert Amm aus Joachimsthal trug die ganze Nacht über immer mal wieder eigene, kurzweilige Lyrik vor. Das waren "Sprachspiele, scherzhafte Rückblicke auf die DDR und die Wendezeit und schräge Lebensphilosophie", wie er selbst erklärte. Im nächsten Jahr will der Dichter wiederkommen.

Stimmungswechsel: Im großräumigen Kunstkaufhaus-Ost in Pfaffendorf, wie Jan M. Petersen sein Refugium nennt, wird es sehr politisch, mehrere Künstler widmen sich dem Thema "Angst und Glaube". Das hat ihnen Petersen vorgegeben und er war gespannt, was draus gemacht wird.

In seinem Haus in der Ortsmitte, das von Jahr zu Jahr mehr Struktur annimmt und peu a´peu saniert wird, ist im Hintergrund vom Band die Stimme der Nazi-Größe Rudolf Heß bei den Nürnberger Prozessen zu hören. Im Zimmer auf dem Boden ausgebreitet liegen Texte über die Auschwitzlüge. Draußen im Nebengelass kann man durch ein Fenstergitter ein Foto von der Asylbewerber-Aufnahmestelle in Eisenhüttenstadt sehen, mit Draht hoch umzäunt. Unter dem Foto liegt ein Teppich - fürs Gebet. Im Eiskeller - wahrscheinlich gibt es keinen passenderen Ort - sind Fotos von Dieter Titz aufgehängt. Sie entstammen einer beeindruckenden Dokumentation über den unbescholtenen 19-jährigen DDR-Bürger Mario Röllig, der über Nacht ein Staatsfeind wurde. Der homosexuelle junge Mann kam ins Gefängnis und war fortan nur noch eine Nummer: 328.

Auf verschiedene Weise setzen sich die Künstler, unter ihnen Imke Freiberg, Angelika Sigges, Birgt Nix und Christian Schmidt Chemnitzer mit der Flüchtlingsproblematik auseinander. Letzterer führt eine Performance mit Holzleisten und Brettern am offenen, oberen Fenster des Stallgebäudes auf. Der Zuschauer soll sich selbst seine Gedanken dazu machen ...

Jan M. Petersen weiß, dass er mit seiner Objektkunst als Außenseiter gilt, freut sich aber, in Pfaffendorf "seine Spielwiese" gefunden zu haben, die er für die Umsetzung seiner kreativen, oft gesellschaftskritischen Gedanken benötigt.

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