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André Bochow 16.10.2016 21:36 Uhr - Aktualisiert 17.10.2016 10:35 Uhr

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Interview zu neuem Honecker-Buch: „Honecker lernte früh, notfalls mit dem Erzfeind zu paktieren“

Berlin (MOZ) Viele Jüngere wissen kaum noch, wer Erich Honecker war. Ältere verbinden mit ihm vor allem die Mauer, politischen Starrsinn und ein maskenhaftes Gesicht im Bilderrahmen. Ein neues Buch beleuchtet das erstaunlich interessante Leben Honeckers bis 1945. André Bochow sprach mit dem Autor, dem Historiker Martin Sabrow.

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Der Potsdamer Historiker Martin Sabrow

© dpa

Herr Sabrow, was hat Sie an dem doch den meisten älteren Zeitgenossen als fade Persönlichkeit im Gedächtnis gebliebenen Erich Honecker so sehr interessiert, dass Sie eine wissenschaftliche Biografie über seine Jugend geschrieben haben?

Mich hat die Persönlichkeit hinter der von Ihnen beschriebenen Fassade interessiert. Und diese Persönlichkeit ist eben viel komplexer, widersprüchlicher und schillernder, als es zunächst den Anschein hat. Ursprünglich wollte ich nur ein einführendes Kapitel über Honeckers Jugend schreiben. Aber dann wurde mir klar, dass Honeckers Leben vor 1945 sehr viel mehr Facetten hat, als seine so oft nacherzählte offizielle Autobiographie zu erkennen gibt.

Sie beginnen das erste Kapitel der Biografie mit dem Besuch Honeckers im Saarland im September 1987 und beschreiben seine starke Bindung an diese, seine Heimat. Ist das aus Ihrer Sicht etwas Besonderes bei einem kommunistischen Funktionär?

Durchaus. Immerhin lag diese Heimat in Westdeutschland. Andere im Politbüro hätten sich im Vergleichsfall nie zu einem derart privaten Bekenntnis hinreißen lassen, wie es etwa Honeckers privater Abstecher ins Saarland während seines Bonn-Besuchs 1987 darstellte. Hinzu kommt, dass der Kommunismus als Sinnsystem gegenüber dem Raum wenig empfindlich ist. Kommunisten gehen in der Regel kein Bündnis mit dem Raum ein, sondern eines mit der Zeit, nämlich mit dem Versprechen einer leuchtenden Zukunft.

Die DDR hat sogar lange Zeit den saarländischen Bergbau und das Unternehmen Saarstahl unterstützt. Und in der Untersuchungshaft im Jahr 1992 hat Honecker als einzigen Wunsch geäußert: „Nur noch einmal hemm“ – nur noch einmal nach Hause – hat die Jugend im Saarland auch Honeckers späteres, politisches Handeln beeinflusst?

Ich glaube, man muss hier mit Schlussfolgerungen sehr vorsichtig sein. Nicht nur der Ich-Erzähler, sondern auch der Biograf unterliegt der Gefahr,dem gelebten Leben rückwirkend Zusammenhänge zu unterstellen, die mit der damaligen Lebenswirklichkeit nichts zu tun haben. Aber natürlich habe ich nach Erfahrungen des jungen Honecker gesucht, die das Handeln des späteren Honecker erklärbar machen. So ist etwa die sentimentale Beziehung zu Oskar Lafontaine in den 1980er Jahren ohne die Bindung an das Saarland kaum nachzuvollziehen. Oder die zu Herbert Wehner in den 1970er Jahren, die ursächlich auf den Abstimmungskampf an der Saar in den 30er Jahren zurückgeht. Auch lässt sich das politische Handeln Honeckers bis in die finale Krise der DDR auch aus seiner Jugend ableiten.

Wie denn das?

Im Saarland kannte man sich. Es gab persönliche Beziehungen über Parteigrenzen hinweg. Auch zwischen Kommunisten und der katholischen Kirche oder zwischen Kommunisten und Angehörigen der HJ. Honecker hatte früh gelernt, dass man aus pragmatischen Gründen notfalls ohne Berührungsscheu auch mit dem Erzfeind paktieren müsse und könne. Der konnte dann später eben auch Franz Josef Strauß heißen. Das heißt nicht, dass Honecker zum verkappten Sozialdemokraten wurde. Gleichzeitig wahrte er bis ins Alter eine sentimentale Bindung auch zu Stalin.

Honecker hatte stets eine sehr gute Beziehung zu seinen Eltern. Trotzdem hat er sich später immer wieder Vaterfiguren gesucht. Thälmann, Stalin und wie Sie schreiben, in gewisser Weise auch Walter Ulbricht. Wie ist das zu erklären?

Offenbar war seine Persönlichkeit so strukturiert, dass er lebensgeschichtlich immer wieder die Bindung an einen führenden Mitkämpfer suchte und auch fand. Zunächst war in Honeckers Augen der unumstrittene Held der eigene Vater, der sogar die Novemberrevolution 1918 in Kiel mitgemacht hatte. Sachlich war das unzutreffend, weil er zu der Zeit gar nicht mehr als Marinesoldat in Kiel stationiert, sondern seit 1917 schon wieder an der sogenannten Heimatfront als Bergmann diente. Honeckers Habitus entsprach viele Jahre dem des suchenden Schülers. Nach dem Vater waren seine Lehrer Thälmann und Stalin. Später kam Herbert Wehner dazu. Und schließlich Walter Ulbricht. Dasselbe Bindungsmustergalt auch im persönlichen Miteinander. Zum Beispiel wäre Honecker 1945 nie aus dem Zuchthaus geflohen, wenn er nicht dem Mithäftling Erich Hanke hätte folgen können.

Honecker hat 8 Klassen der Volksschule besucht und später eine Dachdeckerlehre abgebrochen. Andererseits hat er betont, Goethe und Schiller gelesen zu haben und zitierte auch mal Dante. Ein Intellektueller war er aber wohl nicht. Oder?

Nein. Den Anspruch hätte er selbst auch nicht erhoben.Schon als Moskauer Lenin-Schüler und ebenso nach 1945 in seinen für die Kaderabteilung der KPD verfassten Lebensläufen antwortete er auf die Frage,was er gelesen habe: „Zeitungen aller Art“. Und er las seinen eigenen Angaben zufolge vor allem Literatur, die für seine politische Arbeit und die Ausarbeitung von Reden notwendig war.

Er war ja auch kein kommunistischer Theoretiker.

Nein, das war er nicht. Auch als er von 1930 bis 1931 in Moskau an der Leninschule war, tat er sich nicht als jemand hervor, der tief in die Gedankenwelt der marxistischen Klassiker eingedrungen sei. Dennoch war die Zeit in Moskau für ihn emotional prägend. Da wurde ein gedachtes Kollektiv geschaffen. Ein Kollektiv von Jugendlichen aus vielen Ländern, die für die Weltrevolution und gegen die aufkommenden Rechtsdiktaturen kämpften. Der Glaube an die Kraft der kommunistischen Jugend und die kommunistische Avantgarde überhaupt begleitete Honeckers Weg in den Widerstand und half ihm auch, die zehnjährige Zuchthaushaft zu überstehen.

Von 1933 bis 1935 hat er die Widerstandsarbeit des Kommunistischen Jugendverbandes im Ruhrgebiet und in Berlin mitorganisiert. Den kommunistischen Widerstand bezeichnen Sie als heroisch aber auch als desaströs, Menschen opfernd und letztlich wirkungslos.

Zunächst einmal: Man kann den Widerstand gegen Hitler nicht allein an seinem schließlichen Misserfolg messen. Es hat auch eine vom Erfolg unabhängige moralische Dimension. Das gilt für den Widerstand des 20. Juli wie auch für den kommunistischen Widerstand. Honeckers Arbeit gegen die NS-Herrschaft gliedert sich in verschiedene Phasen. Als Jugendbezirksleiter im Ruhrgebiet konnte er 1933/34noch Flugblattaktionen, Literaturschmuggel, und Schulungstreffen organisieren. In Berlin stand Honecker hingegen Ende 1935 schon auf verlorenem Posten, weil zu der Zeitder kommunistische Widerstand auch in der Reichshauptstadt faktisch schon zerschlagen war. Hier konnte es nur noch darum gehen, die restlichen Kräfte zu sammeln und vielleicht eine bescheidene Reorganisationsversuche zu unternehmen

Aber woher bezogen Honecker und seine sehr jungen Genossen angesichts dieser Lage ihre Kraft?

Aus dem festen Glauben, dass das Hitler-Regime innerhalb kurzer Zeit zugrunde gehen oder überwunden würde. Es galt der Satz: „Nach Hitler kommen wir.“ Dieser Glaube hat die unsinnige „KPD lebt“-Strategie hervorgebracht, und er hat unzählige sinnlose Opfer gekostet. Die in die Illegalität gegangen KPD wollte zeigen, dass sie die Verfolgung unzerstört zu überstehen vermochte und für die Machtübernahme nach dem nahen Zusammenbruch des NS-Regimes bereit stand.Nur dieser Glaube erklärt den Heroismus der Schwäche, der dazu führte,manche Bezirksleitungen des Kommunistischen Jugendverbandes nach Verhaftungen ein viertes, fünftes oder sogar sechstes und siebtes Mal neu besetzt. Man muss die politischen Ziele des kommunistischen Widerstands nicht teilen und kann die Unbekümmertheit, das eigene Leben und das anderer in die Schanze zu schlagen, verstörend finden, aber sie nötigt mir dennoch tiefen Respekt ab.

Sie bezeugen Erich Honecker auchfür seinen Mut und seine Kaltschnäuzigkeit Respekt.

Ja. Ich denke zum Beispiel anHoneckers Auftritte vor Gericht. Da ging es schließlich um Leben und Tod oder zumindest lange Haftjahre unter elenden Bedingungen. Wobei 10 Jahre Zuchthaus für die Mehrzahl politischer Häftlinge in der Regel bedeuteten, anschließend ins KZ überstellt zu werden. Unter diesen Umständen durchzuhalten, das eigene Aussageverhalten auch im Angesicht der Folter so weit wie möglich zu kontrollieren, im Haftalltag das eigene Überleben zu sichern und zugleich die Solidarität mit den Haftkameraden zu wahren ist keine Kleinigkeit. Regelrecht tollkühn verlief die Flucht Anfang März 1945 zusammen mit Erich Hanke. Honecker war zu der Zeit einem Frauengefängnis in Berlin Lichtenberg stationiert und gehörte einem Bautrupp an, der Zerstörungen nach Luftangriffenbeseitigen sollte. Schon dabei hatte er außerordentliche Kaltblütigkeit in der Löschung von Bränden und der Entschärfung von Brand- und Sprengbomben bewiesen. In einer halsbrecherischen Aktion kletterten Hanke und Honecker nach ihrem Fluchtentschluss auf das Dach eines halb zerstörten Nachbarhauses. Und dann stehen die beiden mitten auf der Frankfurter Allee, also an einem Hauptverbindungsweg zwischen Ost- und Westfront und in jedem Moment bedroht von den Fahrradpatrouillen des SD, die nach Deserteuren fahndeten. Und dies auch noch in für jedermann an den breiten gelben Streifen erkennbaren Häftlingskluft. Und wie die zwei dann tagelang durch das zerstörte Berlin, ohne Schutz und Nahrung zu finden und am Ende auf der Suche nach Rettung sogar in das Amtsgericht Schöneberg eindringen, hat wirklich atemberaubende Züge.

Diese Fluchtgeschichte galt bislang als äußerst rätselhaft. Immerhin landet Honecker am Ende bei einer Gefängnisaufseherin und geht sogar ins Gefängnis zurück. Warum ist er überhaupt kurz vor Kriegsende geflohen? Er war doch in diesem Frauengefängnis, in dem er mit einem Bautrupp stationiert und weit weg vom Zuchthaus Brandenburg, relativ sicher.

Nicht nur das. Honecker hatte offenbar auch eine Zusage für eine baldige Freilassung, weil ernach einem besonders verheerenden Bombenangriff zusammen mit der Gefängniswärterin Charlotte Schanuel beherzt Rettung in die Hand genommenhatte. Er befreite Menschen unter den Trümmern, er barg Leichen, und er turnte über eingestürzten Gebäudeteilen, umPhosphorbomben auf die Straße zu werfen, die jede Sekunde hochgehen würden. Aber gerade die bevorstehende Freilassung schreckte Honecker jetzt. Im März 1945 hätte die Begnadigung nichts als Bewährung an der Front und damit den möglichen Tod in letzter Stunde bedeutet. Deswegen die Flucht, die aber kaum weniger lebensgefährlich war.

Wie hat Honecker überlebt?

Mit ebenso viel Glück wie Kaltblütigkeit. Hanke konnte sich zu seiner Familie retten; Honecker hingegen kannte kaum jemanden inBerlin. Und in dieser aussichtlosen Situation spieltHonecker seine letzte Karte aus und klopft an der Türder ihm bekannten Gefängniswärterin. Und die hält nicht nur zu ihm, statt ihn zu verraten, sondern sorgt auch noch dafür, dass er in Gefängnis zurückkehren kann, als ob nichts gewesen wäre.

Sie haben die Gnadengesuche erwähnt. Es gab zwei, die Honeckers Vater in devoter Sprache abgefasst hat und in denen er beteuerte, sein Sohn wolle ein wertvolles Mitglied der Volksgemeinschaft werden. Honecker hat diese Gnadengesuche ausdrücklich gebilligt. Auch darüber hinaus soll es eine gewisse Annäherung an den Nationalsozialismus gegeben haben.

Ich würde nicht von bewusster Annäherung, sondern eher von vereinzelter Anpassung an die Verhältnisse sprechen. Was heute vielleicht sensationell wirkt, war es damals nicht. Wer zum Beispiel ein Gnadengesuch einreichte, musste es in Sklavensprache abfassen und seine weltanschauliche Bekehrung beteuern. Andernfalls hätte man es auch gleich lassen können. Viele haben diesen Kotau verweigert. Aber wer wollte aus heutiger Sicht ein solches Gesuch als illegitim ansehen?

Honecker ist nach 1989 auch direkter Verrat vorgeworfen worden.

Zu Unrecht. Der Vorwurf bezog sich vor allem auf eine Prager Kurierin, die zusammen mit Honecker angeklagt war. Die hat er aber nicht ans Messer geliefert, sondern vielmehr eher gerettet. Wie sie übrigens selbst klargestellt hat. In einem anderen Fall sagte Honecker erstaunlich während des Krieges erstaunlich detailliert gegen einen Genossen aus. Aber mit dieser scheinbar rückhaltlosen Aussagebereitschaft folgte er exakt der Strategie, die auch der Angeklagte selbst verfolgte.

Sie vergleichen in ihrem Buch Ihre Erkenntnisse immer wieder mit den MemoirenHoneckers, die 1980 erschienen. Würden Sie von einer gefälschten Autobiografie sprechen?

Nein. Auch wenn die Memoiren von der Stasi gut abgeschirmt und im Wesentlichen von verschiedenen ZK-Abteilungen verfasst wurden. So lesen sie sich auch.Dennoch ist an diesem Buch einiges erstaunlich. Das fängt schon damit an, dass es ohne Not verfasst wurde. Die öffentliche Präsentation der eigenen Lebensgeschichteist eher untypisch für kommunistische Funktionäre an der Macht; sie berührt immer Tabuzonen und muss zeitbedingtes Handeln mit der aktuellen Parteilinie in Übereinstimmung bringen, ohne sich der biographischen Unwahrhaftigkeit zu überführen– im Grund ein unmögliches Unterfangen. Für mein Vorhaben waren nur die ersten Kapitel von Honeckers Memoiren interessant, die im Mai 1945 enden. Und ich habe wohl Glättungen, Reinigungen und Anpassungen gefunden,etwa wenn es um die 1947 verstorbene Charlotte Schanuel ging, die Honecker sogar geheiratet hatte und der er so etwas wie eine heimliche Widerstandsbiografie andichtete. Aber nirgendwo enthält seine Ich-Erzählung eine Episode, die gezielt seinen Lebensweg verfälschte. Entscheidend ist: Honecker glaubte selbst an seine Autobiografie. Das sagt viel über ihn aus und über seine Sicht auf die Wirklichkeit, aber es sagt auch etwas über die inneren Bindungskräfte des sozialistischen Experiments überhaupt aus.

Zur Person:

Martin Sabrow ist am 6. April 1954 in Kiel geboren. Von 1972 bis 1977 studierte er Geschichte, Germanistik und Politologie in Kiel und Marburg. Es folgten wissenschaftliche Stationen an verschiedenen Universitäten. 2004 wurde er Direktor des Zentrums für Zeitgeschichtliche Forschung in Potsdam. Ebenfalls 2004 erhielt er eine Professur an der Uni Potsdam (bis 2009), später an der Humboldt-Uni. 2005 bis 2006 war er Vorsitzender der „Expertenkommission zur Erarbeitung einer Gesamtkonzeption für die ‚Aufarbeitung der SED-Diktatur’“ der Bundesregierung.

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