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"Ich fange ganz von vorn an"

Steht täglich elf Stunden im Geschäft, sechs Tage die Woche: die Biesenthalerin Monika Engwer. Aus der Arbeitslosigkeit heraus machte sie sich vor 13 Jahren selbstständig und wurde in der Stadt so etwas wie eine Institution.
Steht täglich elf Stunden im Geschäft, sechs Tage die Woche: die Biesenthalerin Monika Engwer. Aus der Arbeitslosigkeit heraus machte sie sich vor 13 Jahren selbstständig und wurde in der Stadt so etwas wie eine Institution. © Foto: Rudi Meitner
Sabine Rakitin / 19.01.2017, 06:40 Uhr
Biesenthal (MOZ) Monika Engwer ist in Biesenthal so etwas wie eine Institution. In ihren kleinen Laden kommen die Leute aus den verschiedensten Gründen- weil sie Briefpapier brauchen oder ein Paket versenden wollen, weil sie ihr Glück im Lotto suchen oder einfach nur, um ihr Herz auszuschütten.

Dieses Jahr ist ein besonderes für Monika Engwer. Im Mai will sie ihren kleinen Laden mitten in der Stadt in jüngere Hände geben. Sie ist jetzt 65 Jahre alt und geht in den verdienten Ruhestand - allerdings durchaus mit gemischten Gefühlen. Monika Engwer hat zwar ihr ganzes Leben schwer gearbeitet, doch die Rente, die sie zu erwarten hat, wird kaum zum Leben reichen. Und dann sind da auch ihre Kunden. Die wird sie vermissen, ahnt die bescheidene, zurückhaltende Frau.

Das Leben hat der gebürtigen Biesenthalerin oft übel mitgespielt. Es lief nur bis zum Ende der DDR in geordneten Bahnen. Monika Engwer arbeitete in der Buchhaltung des Mischfutterwerkes und hatte ihr Auskommen. Dann kam die Wende und das Personal in dem volkseigenen Betrieb wurde drastisch reduziert. Die damals knapp 40-Jährige gehörte zu den vielen, die plötzlich arbeitslos auf der Straße standen. Von gebrochenen Biografien ist heute, da diese Generation das Rentenalter erreicht hat, die Rede.

Mehrere Jahre hangelte sich die verheiratete Mutter einer Tochter durch die Arbeitslosigkeit - mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Unter anderem sortierte sie das Archiv im Biesenthaler Rathaus, verrichtete schwere Arbeit auf dem Friedhof. Als es für sie keine geförderte Beschäftigung mehr gab, fasste sie einen Entschluss: "Ich konnte nicht mehr länger zu Hause sitzen, wollte irgend etwas machen", erinnert sich Monika Engwer. Sie übernahm im Februar 2004 in der Breite Straße 1 ein Lotto- und Schreibwarengeschäft - als "Ich-AG". An den ersten Tag erinnert sie sich noch sehr genau. "Der Laden ähnelte eher einem Blumengeschäft", erzählt die 65-Jährige. "So viele Biesenthaler kamen, um mir Glück zu wünschen", freut sie sich noch heute. Zwei Jahre später zog sie mit ihrem Laden um - in die August-Bebel-Straße 26. Nach und nach erschloss sie sich neue Geschäftsfelder - Dienstleistungen aller Art wie einen Hermes-Shop, die Annahme von Kleidung für die chemische Reinigung oder von Schuhen zur Reparatur, einen City-Brief-Boten-Shop... Einfacher wurde es dadurch nicht, "aber ich habe mein Auskommen", sagt Monika Engwer bescheiden. Elf Stunden steht sie täglich im Geschäft, sechs Tage die Woche. Nach Ladenschluss wartet die Buchhaltung auf sie. Bis vergangenes Jahr half ihr Mann noch aus. Doch nach über 30 Jahren, kurz vor ihrem 65. Geburtstag im vergangenen November, ging die Ehe in die Brüche. Seitdem steht Monika Engwer mit allem allein da. "Ich fange ganz von vorn an", steht für sie fest.

Trotzdem: Sie ist ein bisschen wehmütig, wenn sie daran denkt, dass sie ihr kleines Geschäft im Mai abgeben wird - vorausgesetzt, es findet sich jemand, der den Laden übernehmen will. "Früher wusste kaum jemand, wer Engwer war. Im Laufe der Jahre sind so viele Kontakte zu den Kunden entstanden - das ist schon fast ein familiäres Verhältnis", schwärmt die Biesenthalerin. Und so lässt sie sich nicht lange bitten, wenn sonnabends zehn Minuten, nachdem sie ihr Geschäft um 12 Uhr geschlossen hat, noch jemand an das Fenster klopft, weil er unbedingt Lotto spielen will. "Man will doch dem Glück nicht im Weg stehen", sagt sie lächelnd.

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