Das Nachrichtenportal für Brandenburg

Ex-Bürgermeister wegen Mordes an Ehefrau verurteilt

Der frühere Bürgermeister der Stadt Ludwigsfelde am Südrand von Berlin, Heinrich Scholl, ist wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden.
Der frühere Bürgermeister der Stadt Ludwigsfelde am Südrand von Berlin, Heinrich Scholl, ist wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. © Foto: dpa
07.05.2013, 14:06 Uhr - Aktualisiert 07.05.2013, 20:29
Potsdam (MOZ) Der frühere Bürgermeister der Stadt Ludwigsfelde am Südrand von Berlin, Heinrich Scholl, ist wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. Das Landgericht Potsdam sprach ihn am Dienstag schuldig, seine Ehefrau im Dezember 2011 umgebracht zu haben. Es folgte damit der Forderung der Staatsanwaltschaft.

 

Der 70-Jährige war angeklagt, seine Ehefrau bei einem Waldspaziergang heimtückisch erdrosselt zu haben. Scholl, einst angesehener und beliebter Kommunalpolitiker, hatte bis zuletzt seine Unschuld beteuert. Seine Verteidiger hatten auf Freispruch plädiert.

 

Der Angeklagte hat kein Alibi - und am Tatort wurden DNA-Spuren von Scholl gefunden. Motiv für das Tötungsdelikt waren nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft Eheprobleme. Nach gut sechs Monaten Verhandlung hatte das Landgericht Potsdam am 19. April die Beweisaufnahme nach 29 Verhandlungstagen beendet. Mit Hilfe von rund 100 Zeugen versuchte das Schwurgericht, den Fall zu klären. Ursprünglich war schon eine Entscheidung für Ende Februar angedacht.

 

Im ersten Moment zeigt Heinrich Scholl keine Reaktion. Mit zusammengepressten Lippen, gekleidet in schwarzem Polohemd und grauem Sakko, hört er im voll besetzten Saal stehend den Urteilsspruch. Erst nach einigen Sekunden, als er vermutlich registriert, was der Richter gerade gesagt hat, sackt er kurz zusammen, muss sich an der Tischkante festhalten. Lebenslang wegen Mordes. Das Urteil ist keine Überraschung, und doch durfte sich Scholl Hoffnungen machen, lediglich wegen Totschlags verurteilt zu werden. Dann hätte er eine gewisse Perspektive gehabt, wäre bei guter Führung vielleicht in sechs, sieben Jahren wieder auf freien Fuß gekommen, also mit Ende 70. Nun wird er, wenn er denn so alt wird, vermutlich fast 90 Jahre alt sein, wenn er seine Strafe verbüßt hat.

 

Lebenslang bedeutet mindestens 15 Jahre Haft, in der Praxis sind es in Deutschland meist 16 bis 18 Jahre. Dieses Szenario steht möglicherweise vor seinen Augen, als seine Lippen beben. Wenig später hat er sich wieder unter Kontrolle, verfolgt die Ausführungen des Vorsitzenden Richters Frank Tiemann mit versteinerter Miene. Nur einmal zeigt er noch eine Regung. Als der Richter ihm vorhält, dass er der getöteten Gattin im Wald Jeans und Slip heruntergezogen und ihre Scheide verletzt habe, um ein Sexualverbrechen vorzutäuschen, da schüttelt es den Ex-Bürgermeister und er muss gegen die Tränen kämpfen. Viereinhalb Stunden redet Tiemann, teilweise in Rage. „Es steht fest, dass der Angeklagte die Tat begangen hat“, sagt er. „Es war ein ganz typischer Mord.“ Auch wenn man das dem „honorigen Bürgermeister“ nicht zutrauen würde. Er sei selbst überrascht gewesen, als er die Akte auf den Tisch bekam, gesteht Tiemann. Aber es sei oft so, dass man vor dem Schwurgericht Seiten eines Angeklagten kennenlernt, von deren Existenz nicht einmal enge Freunde etwas wussten.

 

Bevor er die mutmaßliche Tat rekonstruiert, widmet sich Tiemann eine ganze Stunde lang dem Vorleben des Ehepaares, „weil es wichtig ist für das spätere Geschehen“. Er beginnt mit Heinrich Scholls schwieriger Kindheit mit einem alkoholkranken Vater und einer dominanten, lieblosen Mutter, geht auf seine berufliche Achterbahnfahrt zu DDR-Zeiten ein, als der Ingenieur im Unfrieden das Ludwigsfelder Automobilwerk verließ, dann als Technischer Direktor im Zirkus Berolina arbeitete, sich später jedoch als Hausmeister durchschlug, bis die Wende seinem Leben neuen Schwung verlieh, er die SPD im Osten Deutschlands mitbegründete und am Runden Tisch teilnahm. Tiemann verweist auf die „anfangs harmonische Ehe mit Brigitte Scholl“. Sie habe den Hut aufgehabt, „aber sie war kein Hausdrachen“. 1973 bezog die Vorzeigefamilie eine Doppelhaushälfte in Ludwigsfelde, wo sich Brigitte Scholl einen Kosmetiksalon einrichtete. Erst als Heinrich Scholl im Jahre 1990 zum Bürgermeister der 24 000-Einwohner-Stadt gewählt wurde, sei die Beziehung gekippt. Der erfolgreiche Rathauschef hatte wenig Zeit für Privates. „Er hätte sich von seiner Frau mehr Unterstützung erhofft, aber sie wollte nicht Beiwerk sein, pflegte lieber mit Leidenschaft jeden Grashalm im Garten“, sagt Tiemann über das Ehepaar. Schließlich hatte Scholl eine Affäre mit einer Rathausmitarbeiterin.

 

Er blühte auf. Jahre später machte er aus den Erinnerungen einen stark autobiografischen Erotikroman. Die Situation daheim habe er zunehmend als bedrückend empfunden. Um das Jahr 2006 litt er an einer chronischen, stressbedingten Darmerkrankung. „Entweder du änderst dich oder wir trennen uns“, soll er zu seiner Frau gesagt haben. Doch sie war empört, als er eine Paartherapie wollte, kommunizierte verstärkt per Befehlen auf Zettelchen mit ihm, war nie zufrieden mit dem, was er tat. Tiemanns Fazit: „In der Summe kann man nachvollziehen, dass dies belastend war, dass er das nicht mehr haben wollte.“ Eine Scheidung kam für beide nicht in Betracht, ob aus einem tradierten Rollenverständnis heraus oder aus finanziellen Gründen, sei unklar. „Brigitte Scholl wollte den Schein wahren“, glaubt Tiemann. Als Heinrich Scholl 2008 altersbedingt den Rathausposten räumen musste, nahm er sich in Berlin eine Wohnung, suchte Singleclubs und Bordelle auf. „Er sehnte sich nach befriedigenden sexuellen Kontakten“, ist der Richter überzeugt. Schließlich verliebte er sich in eine 32 Jahre alte thailändische Prostituierte, überhäufte sie mit Geld. Als ihm das ausging und er zunehmend eifersüchtig auf andere Sexpartner der Frau war, löste sie sich und suchte sich „einen anderen Opa“. Er stellte ihr nach, bombardierte sie noch am Tag des mutmaßlichen Mordes an seiner Frau mit SMS. Frank Tiemann erzählt, wie der frühere Politiker nach Auffassung der Richter die Tat geplant hat, etwa indem er in einer Sparkasse unnötig für Aufmerksamkeit sorgte, nur damit die Leute dort sich später an ihn erinnern und ihm möglicherweise zu einem Alibi verhelfen. Als „absurden und abwegigen Quatsch“ weist er die Argumentationslinie der Verteidigung zurück, die keinen Beweis für die Schuld ihres Mandanten sieht. Scholl sei wenige Wochen vor dem Tod seiner Frau nicht deshalb in das gemeinsame Haus zurückgekehrt, weil er von vorn anfangen wollte. „Er wusste, das wird die Hölle. Ihm war vielmehr klar: Die muss weg.“

 

Der 70-Jährige sei weiterhin an einem Leben mit der Thailänderin interessiert gewesen. „Aber eine Scheidung wäre für ihn finanziell eine Katastrophe gewesen.“ Der Richter erzählt den mutmaßlichen Tathergang wie einen Krimi, er entwirft Bilder, intoniert Dialoge, spricht Zeugenaussagen nach, erklärt, wer wann von wo nach wo in der Stadt gefahren ist. „Wir würden inzwischen den Taxischein für Ludwigsfelde mit Bravour schaffen“, sagt er. Und dass die teilweise widersprüchlichen Zeugenaussagen im Prozess zur Natur der Sache gehören, weil Menschen nun einmal Schwierigkeiten hätten, sich präzise zu erinnern. „Wenn es durcheinander geht, wird es erst richtig interessant“, verkündet Tiemann. Und doch seien es Zeugen gewesen, Ludwigsfelder Bürger, die das Gericht davon überzeugt haben, dass Heinrich Scholl am Tatort war. So hätten sich bereits wenige Tage nach der Tat ein Nachbar und eine frühere Parteifreundin von Scholl gemeldet, weil sie Brigitte Scholl beziehungsweise das Paar gemeinsam in der fraglichen Zeit gesehen haben. Zeitlich ließen sich ihre Aussagen zum Beispiel gut mit Kontoauszügen einer Bank einordnen. Auch die Beobachtungen etlicher anderer Nachbarn oder Menschen, die zufällig den prominenten Mann in Ludwigsfelde gesehen haben, würden die Tat belegen. „Die Spurenlage am Tatort deutet ebenfalls auf den Angeklagten als Täter hin“, ergänzt Tiemann.

Kommentare

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2017 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG