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Klaus D. Grote 20.03.2017 21:30 Uhr - Aktualisiert 21.03.2017 10:38 Uhr
Red. Oranienburg, lokales@oranienburger-generalanzeiger.de

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Junger Syrer rappt über seine Heimat

Birkenwerder (OGA) Link zum Video Seit anderthalb Jahren lebt Adnan Faour im Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Briese. Die Familie ist in der Türkei. In einem Video besingt der 16-Jährige als Rapper Adnano MC von seinen Sehnsüchten und vom Heimweh.

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Der 16-jährige Syrer Adnan Faour hat ein Musikvideo aufgenommen, in dem er als Rapper Adnano MC auf Deutsch und Arabisch über seine Heimat und sein Heimweh singt und damit wohl auch den Nerv vieler Geflüchteter trifft.

© OGA/Klaus D. Grote

Wenn Adnan Faour redet, beendet er jeden Satz mit einem breiten Lächeln. Die äußere Fröhlichkeit passt kaum zur Schwermut seiner Lieder. Adnan Faour hat einen berührenden Text geschrieben, in dem er über das rappt, was andere eher still beweinen. Der 16-Jährige aus Damaskus singt von seiner Heimat, der Erde Syriens, Freunden und dem Leben in dem Land, das er liebt. Er singt vom Krieg und der Angst, den Toten und dem Schmerz. "Genug mit der Ferne", heißt der Rap-Song, zu dem der Kremmener Musiker Jan Rase, den er über Freunde kennenlernte, ein Video gemacht hat. Darin läuft der junge Syrer durch Straßen und über einen Feldweg. "Die Tränen in meinen Augen erzählen, was in mir vorgeht." Er singt in zwei Sprachen, der Text wird mit Untertiteln übersetzt.

"Ich bin der erste Rapper, der in einem Lied auf Deutsch und Arabisch singt", sagt Adnano MC und grinst so breit, dass seine Zahnspange gut zu sehen ist. Der ernsthafte Mensch aus dem Video scheint ein anderer zu sein als der Jugendliche, der von seinem Leben in Deutschland berichtet. Kaum Klagen sind zu hören, eher Freude und Dankbarkeit. Um es bloß nicht zu vergessen, wiederholt er, bei wem er sich bedanken möchte: bei Jan Rase, der immer für ihn da sei, bei seinen Lehrern, Mitschülern und Freunden, bei seinen Eltern.

"Ich liebe meine Schule. Ich bekomme so viel Hilfe und Unterstützung, obwohl ich manchmal auch etwas faul bin", sagt Adnan mit seiner entwaffnenden Offenheit. Er spricht gut Deutsch, dabei kam er erst im September 2015 in das bis dahin für ihn völlig fremde Land. Hier lebt er mit derzeit drei anderen Syrern und sechs Afrikanern im Heim in Briese. Die minderjährigen Flüchtlinge kamen alle ohne Eltern. Sie haben Betreuer im Heim und einen Vormund in der Kreisverwaltung. "Wir verstehen uns alle gut", beschreibt Adnan die Schicksalsgemeinschaft in dem Haus.

Auch in der Regine-Hildebrandt-Gesamtschule in Birkenwerder fand Adnan Freunde. "Doch die Familie und den Verlust der Heimat kann all das kaum ersetzen. "Ich habe hier Vieles bekommen, aber es fehlt mir auch etwas", sagt Adnan. "Mein bester Freund ist noch da. Er weint, wenn wir telefonieren." Dennoch bereue er nicht, Damaskus verlassen zu haben. "Ich wollte weiterleben, deshalb bin ich weggegangen."

Die Eltern konnte er überreden. So machte sich Adnan als 15-Jähriger allein auf den Weg in Richtung Frieden. Ein Freund und sein Onkel hatten die Flucht hierher schon geschafft. Adnan, der einen dichten Bart trägt und überlegt redet, wirkt viel älter, als er tatsächlich ist. Doch für die schwierige Reise benötigte er auch innere Reife und Stärke.

Adnan fuhr mit dem Bus in den Libanon, kam mit einer Fähre in die Türkei und saß dann mit 40 weiteren Menschen in einem viel zu kleinen Schlauchboot, das sie nach Griechenland brachte. Auf dem offenen Meer verspürte er Angst. Man konnte die Küste Europas zwar sehen, aber zum Schwimmen war sie zu weit weg. Das Boot kam sicher an. Adnan reiste mit Zug, Bus, Taxi und zu Fuß weiter durch Serbien, Ungarn und Österreich. Inzwischen haben auch seine Eltern und die beiden jüngeren Schwestern die Heimat verlassen, nachdem ihr Haus zerbombt wurde. Seit elf Monaten lebt die Familie ohne ihren Sohn in der Türkei. Sie dürfen nicht nach Deutschland kommen. Dabei wünschen sich alle nichts sehnlicher. Adnan spricht über Skype, Whatsapp und Facebook mit Eltern und Schwestern. Und er schickt ihnen seine Videos. "Meine Mutter ist stolz. Und mein Vater auch, das hat mir meine Mutter gesagt", berichtet Adnan voller Stolz. Er freut sich, dass die Eltern nicht mehr zweifeln. Denn natürlich war es ihnen schwer gefallen, den Sohn ziehen zu lassen. "Ich sollte eigentlich zuerst die Schule beenden", sagt Adnan.

Zum zweiten Mal rappt Adnan nun über Syrien. "Mein ganzes Leben hat sich geändert", heißt es in dem Song. "Ich vermisse dich, meine Heimat. Meine Heimat, die noch in meinem Herzen lebt." Er verurteilt, dass sich Menschen in Syrien gegenseitig schlachten und sich dabei auf Gott berufen. Untermalt wird der Sprechgesang vom orientalischen Gesang seines Freundes Mohammad Mohammad. Dazu sind Bilder aus Aleppo zu sehen - von Plätzen und Gebäuden, vor und nach der Zerstörung durch Bomben und Granaten. "Ich möchte zurück", singt Adnano und er erzählt, wie schwer es ihm falle, überhaupt noch Nachrichten von dem nicht enden wollenden Krieg und der Zerstörung zu sehen.

Adnan will die Menschen und die Orte wiedersehen, die er so sehr vermisst. Doch ob er jemals wieder dauerhaft in Syrien leben wird, kann Adnan nicht beantworten. "Wenn man anfängt, sich anderswo etwas aufzubauen, wirft man das nicht einfach weg." Der 16-Jährige meint es ernst mit der neuen Heimat. Er hat die Möglichkeiten, die sich ihm boten, genutzt.

Vor einem Jahr sang Adnan mit dem Oranienburger Chor Orange Voices, der mit Flüchtlingen Musik machte. Am 17. April, seinem 16. Geburtstag, standen sie zusammen auf der Bühne und gaben in der Nicolaikirche ein berührendes und umjubeltes Konzert. Adnan bekam eine Soloeinlage als Rapper. Das Publikum jubelte. Als ihm anschließend zum Geburtstag gratuliert wurde und er kurz von sich erzählte, flossen Tränen, bei Adnan und bei vielen Menschen, die ihm zuhörten.

Der Bühne folgte bald wieder die Realität des Alltags und der behördlichen Grausamkeit. Adnan hat eine Aufenthaltserlaubnis für nur ein Jahr bekommen. "Ich verstehe das nicht", sagt der Jugendliche, der allein vor dem Krieg in der Heimat geflohen ist. Er geht hier zur Schule, lernt Deutsch, nimmt Nachhilfe, macht Musik, aber eine Garantie zum Hierbleiben bleibt ihm verwehrt. "Ich weiß nicht, was nach einem Jahr ist", sagt Adnan.

Von der Ungewissheit will er sich mit Musik ablenken. In seinem kleinen Zimmer im Heim möchte er sich ein winziges Tonstudio einrichten. Er will Gitarre spielen und Songtexte schreiben. "Das neue Video hat schon mehr als 1 000 Klicks. Und die Leute fragen mich, Adnano, wann kommt dein nächstes Video?". Das mache ihn stolz und sporne ihn an, weiterzumachen und besser zu werden.

Er will den Leuten, die seine Musik hören, über sich und Syrien erzählen. Sie sollen sich ein Bild machen können und verstehen, dass Syrien nicht nur Krieg und Hass bedeute. "Eigentlich ist dort alles wie hier", will Adnan die Nähe der Kulturen erklären. Der jahrelange Krieg habe ein verzerrtes Bild von Syrien gezeichnet. "Rappen ist eine Message", sagt Adnano MC. Dann lacht er wieder und lässt seinen Zuhörer vergessen, was ihn innerlich aufwühlt.

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