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Milchboykott für höhere Preise - Handel: "Streik verpufft"

Freising/Berlin/Brdo . Mit einem beispiellosen Lieferboykott haben Deutschlands Bauern ihrer Wut über zu niedrige Milchpreise Luft gemacht. Von zahlreichen Höfen mussten die Tanklastwagen ohne Milch in die Molkereien zurückkehren. "Wir sind entschlossen erst dann wieder zu liefern, wenn wir die Zusage erhalten, dass kostendeckende Preise bezahlt werden", sagte der Vorsitzende des Bundesverbands deutscher Milchviehhalter (BDM), Romuald Schaber. Der Einzelhandelsverband versicherte, die Supermarktregale blieben dennoch mit Milch und Joghurt gefüllt. Der Lebensmittelhändler Edeka erwartet keine Versorgungsengpässe. Unterdessen forderte EU-Agrarministerin Mariann Fischer Boel zum Ärger von Bundesagrarminister Horst Seehofer (CSU) die Anhebung der Milchquoten.

  Lieber versch³ttet als an den Handel verschenkt - nach diesem Motto kippten am Dienstag viele Landwirte in Deutschland die Rohmilch einfach weg. An die Molkereien wollen sie vorerst nicht verkaufen. Foto: dpa ©

Die Bauern zahlreicher Bundesländer beteiligten sich an dem Boykott. Der Schwerpunkt der Proteste lag in Süddeutschland, aber auch in Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen folgten Bauern dem Aufruf. Wieviele Milcherzeuger die Molkereien boykottierten, war zunächst nicht genau festzustellen. "Die Bereitschaft ist aber riesig", versicherte der niedersächsische BDM-Landesvize Ludwig Soeken.

So beteiligten sich etwa in Südbaden nach Schätzungen des Bauernverbands rund 70 Prozent an dem Boykott - und dies, obwohl der Verband im Südwesten aus rechtlichen Gründen ausdrücklich nicht zu dem Lieferstopp aufrief. "Da die Milchbauern einen Vertrag mit den Molkereien haben, wollen wir nicht zum Vertragsbruch aufrufen", sagte ein Sprecher.

In Sachsen und Sachsen-Anhalt setzten die Bauern auf Verhandlungen mit den Molkereien statt auf einen Boykott. Die Vernichtung der Milch sei der Bevölkerung aus ethisch-moralischen Gründen nicht zu vermitteln, sagte der Sprecher des Sächsischen Bauernverbandes, Manfred Böhm. "Wir schütten keine Milch aufs Feld oder in den Gully." Dem entgegnete Eckhard Meiners vom BDM-Landesverband Mecklenburg- Vorpommern: "Kein Bauer kippt Milch freiwillig weg, das macht man nur, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht." Die Milch solle nun an die Kälber verfüttert werden.

Schuld an den Milchpreisen von 27 Cent in Norddeutschland und 35 Cent in Süddeutschland sind nach Meinung Seehofers und der Bauern die mächtigen Supermarktketten. "Es gibt eine starke Nachfragemacht und Oligopolisten", sagte Seehofer am Rande eines Treffens der EU- Landwirtschaftsminister im slowenischen Brdo. Dem stehe aber auf Seiten der Milchbauern keine entsprechende Angebotsmacht gegenüber. "Ich gebe ihnen (den Bauern) den Rat, weiter für den Preis zu kämpfen."

"Der Lebensmitteleinzelhandel hat die Molkereien an die Wand gedrückt und extreme Nachlässe erreicht", unterstrich auch der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Gerd Sonnleitner. Den mehr als 100 000 Milchbauern stünden "im Grunde nur drei, vier ganz große Lebensmitteleinzelhändler gegenüber, die mit uns Katz und Maus spielen". Der Sprecher des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE), Hubertus Pellengahr, sagte: "Wenn einige Bauern nicht liefern, werden andere einspringen. Es gibt ja zu viel Milch und deshalb kann dieser Streik auch nichts auswirken. Er verpufft, er ist geradezu absurd - notfalls kommt die Milch eben aus dem Ausland."

EU-Agrarministerin Fischer Boel forderte erneut höhere Quoten. "Das Milchquotensystem ist eine Zwangsjacke für unsere Produzenten." Sie schlug deshalb vor, bis zur Abschaffung des Systems im Frühjahr 2015 die Produktion jährlich um ein Prozent zu erhöhen. Schon für das Wirtschaftsjahr 2008/2009 ist eine Erhöhung der Milchproduktion um zwei Prozent festgeschrieben.

Die Kommission sieht für europäische Milchprodukte große Absatzchancen vor allem auf den wachsenden Märkten in Asien. Die Mitgliedstaaten sollten nach ihrer Ansicht Geld innerhalb der Direktzahlungen umschichten - also beispielsweise von Getreidebauern zu Milchbauern. Auf diese Weise könnten bis zu 500 Millionen Euro für die Milchwirtschaft lockergemacht werden - allerdings zulasten anderer Betriebe. Seehofer reagierte verärgert auf die Aussagen Fischer Boels. Deutschland hat bereits Protest gegen die Pläne angekündigt und möchte einen "Milchfonds" auflegen.

Unterstützung erhielten die Bauern von Politikern und Organisationen. Zwar sei es aus ethischen Gründen bedenklich, Nahrungsmittel wegzuschütten, sagte Carolin Callenius von "Brot für die Welt". Der Lieferstopp sei jedoch ein legitimes Mittel, nachdem Gespräche mit den Molkereien gescheitert seien.

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