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Landeskonservator einigt sich mit Kreis auf neue Untersuchungen zur Gestaltung der Seelower Gedenkstätte

Seelower Höhen: Landeskonservator mit Kreis im Gespräch zu Weggestaltung

Ulf Grieger / 09.05.2017, 19:55 Uhr
Seelow (MOZ) in den deutschen Nationalfarben hatte im März für Aufsehen gesorgt. Daraufhin wollten sich die Verantwortlichen von Land und Kreis an einen Tisch setzen. Ulf Grieger sprach mit Landeskonservator Thomas Drachenberg.

Herr Drachenberg, gibt es bereits einen Lösungsansatz für den umstrittenen Weg?

Der Landkreis ist hier der Eigentümer und handelt als zuständige untere Denkmalschutzbehörde. Aus denkmalfachlicher Sicht kann ich Ihnen Folgendes sagen: Die Gedenkstätte in Seelow ist schon 1977 in die Denkmalliste des Kreises Seelow eingetragen gewesen. Sie steht bis heute als erhaltenes Original der Gedenk- und Erinnerungskultur der Sowjetischen Besatzungszone beziehungsweise der DDR nach wie vor und völlig zu Recht unter Denkmalschutz.

Womit begründen sie das?

Die Gedenkstätte bemüht sich um die Darstellung der Gründe ihrer Entstehung und um die Aufklärung, was tatsächlich an diesem Ort 1945 geschehen ist. Das ist eine ganz wichtige Funktion, um nicht neue Mythen zu erzeugen. Die Denkmalpflege ist wichtig für den Erhalt des Originals. Nur das Original kann uns erzählen, was mit welcher Absicht beim Bau und bei Veränderungen der Gedenkstätte stattfand.

Jetzt steht aber konkret die Frage an, wie die Außenanlagen saniert werden sollen?

In diesem Fall gehen wir grundsätzlich von der Reparatur des Bestandes aus. Dazu muss man sich aber klar machen, wie sich das heute erhaltene Original von 1945 bis heute verändert hat und mit welcher Absicht damals welche Maßnahme ergriffen wurde.

Dann kommt die Beantwortung der Frage, wie sich der Zustand heute darstellt. Was mache ich, wenn eine Reparatur nicht mehr möglich ist? Und was muss ich tun, um moderne Anforderungen wie zum Beispiel die Barrierefreiheit zu erfüllen? Die Ermittlung und Wertung der historischen Fakten, der Zustand und moderne Anforderungen führen zu einem sensiblen Reparaturkonzept. Nach meinem Eindruck ist dieser Prozess nicht nachvollziehbar abgelaufen.

Muss der bereits neu gepflasterte Weg neu gestaltet werden?

Ich habe mich mit Märkisch-Oderlands Landrat Gernot Schmidt geeinigt, dass der Kreis eine Untersuchung beauftragt, um die tatsächlichen Fakten zu ermitteln, mit denen man dann gemeinsam und für die Öffentlichkeit nachvollziehbar umgehen kann. Das wird auch die Diskussion versachlichen. Ich bedaure sehr, dass es keinen Fachbeirat für die Seelower Gedenkstätte mehr gibt.

Was weiß man über die ursprüngliche Farbe der Steine?

Alles, was wir heute rudimentär über die Geschichte der Außenanlagen wissen, spricht dafür, dass es seit den 1970er Jahren zwar bunte, in der Helligkeit aber zurückhaltend eingefärbte Betonplatten für den Platz gab. Es spricht nach derzeitigen Erkenntnisstand nichts dafür, dass die DDR die westdeutsche Fahne in Betonplatten mit einem grauen Begleitstreifen auf einem Nebenweg ausgelegt hat, auf dem man laufen konnte, nachdem man den Kranz am Denkmal abgelegt hatte, um die Sowjetarmee als Befreier zu ehren. Nach Auswertung aller historischen Fakten wollen wir klären, wie dieser Nebenweg angemessen innerhalb der Gesamtanlage gestaltet wird.

Welche Situation soll bei dieser Einschätzung zu Grunde gelegt werden?

Das Original ist immer der heutige Bestand. Stellen Sie sich das Denkmal wie eine Zwiebel vor: Es wird gebaut und verändert - es gibt eine erste Zwiebelschicht und es folgen weitere Schichten, die alle Originale ihrer Zeit sind. Bevor wir heute wieder eine Schicht hinzufügen, müssen wir die Bedeutung der anderen Schichten kennen und bewerten.

Das ist moderne und praxisnahe Denkmalpflege, die sich um die Erhaltung der wertvollen älteren Schichten Gedanken macht und diese nach Möglichkeit in die Gegenwart integriert. Auch die Gedenkanlage in Seelow hat sich von 1945 bis 1989 verändert. Die Schichten müssen in ihrer Bedeutung erkannt und bewertet werden.

Wovon sind denkmalfachliche Stellungnahmen abhängig?

Für unsere Aufgabe der Inventarisation sind allein die im Denkmalschutzgesetz definierten objektiven Bedeutungskriterien maßgeblich. Um zu erkennen, ob einem Gebäude eine geschichtliche, wissenschaftliche, technische, künstlerische, städtebauliche oder volkskundliche Bedeutung zukommt, bedarf es wissenschaftlich arbeitender Spezialisten, die einen landes- und bundesweiten Standard abgleichen können.

Die Feststellung, was ein Denkmal ist und was nicht, ist daher eine objektivierbare Erkenntnis und muss solide begründet werden. Sie ist weder von den persönlichen Verhältnissen des Denkmalbesitzers noch von ästhetischen Vorlieben abhängig. Die Marienkirche in Frankfurt (Oder), die Ziegelgewölbebrücke über das Kunersdorfer Fließ in Lebus oder das historische Kalk- und Bergwerk in Rüdersdorf sind ganz klar Denkmale, egal wem sie gehören oder welche Fragen der Erhaltung anstehen...

Warum werden die Gutachten nicht öffentlich diskutiert?

Natürlich werden unsere Gutachten öffentlich diskutiert - dazu sind sie ja da! Erst jüngst gab es bundesweite Reaktionen auf unsere erklärte Absicht, die Politbürosiedlung in Wandlitz unter Denkmalschutz zu stellen. Wir werden im Übrigen darauf reagieren, sobald unser Gutachten fertig ist und voraussichtlich im Juni auf einer Pressekonferenz zusammen mit dem Kulturministerium, der Stadt Bernau und dem Besitzer darüber informieren und uns den Fragen stellen.

Außerdem kann ich mich noch gut erinnern, dass die Frage, ob das Kaufhaus in Seelow ein Denkmal ist und sinnvoll erhalten werden kann, breit in der Öffentlichkeit diskutiert wurde. Die Lösung ist auch durch intensive Beratung aus dem Landesdenkmalamt zustande gekommen.

Mehr zum Thema: www.moz.de/denkmalpflege

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