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Julia Lehmann 03.07.2017 06:00 Uhr - Aktualisiert 03.07.2017 10:52 Uhr
Red. Eberswalde, eberswalde-red@moz.de

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Wo Kunst Wehmut ablöst

Eberswalde (MOZ) Das Künstlerkollektiv Endmoräne steht für außergewöhnliche Schauplätze. Selten trafen an einem davon derart gemischte Gefühle aufeinander. Vor 25 Jahren war für die Mitarbeiter der Papierfabrik Wolfswinkel Schluss. Zur Ausstellungseröffnung am Sonnabend kehrten einige dorthin zurück.

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Graue Hülle: Wo einst riesige Maschinen zur Papierherstellung standen, haben die Künstlerinnen des Projekts Endmoräne eine ungewöhnliche Ausstellung kreiert. Ihre Installationen haben sie in Schutt und Beton eingefügt. Besucher konnten die Ruine der ehema

© MOZ/Thomas Burckhardt

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Papierfabrik wird Kunstobjekt

Niedlich, weiß und wuschelig - Knut zog im Jahr 2007 die Berliner und später die ganze Republik in seinen Bann.  

22 Künstlerinnen aus Brandenburg und Berlin haben die Papierfabrik Wolfswinkel mit ihrem Projekt "Endmoräne" zu neuem Leben erweckt. Noch an den folgenden zwei Wochenenden haben Besucher die Möglichkeit, die Symbiose zwischen Industrie-Ruine und den Kunstwerken zu bestaunen. © MOZ / Thomas Burckhardt

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Wenn Jürgen Engert seinen Blick durch die langgezogene Halle streifen lässt, sieht er dort noch immer die riesige Langsiebpapiermaschine stehen. Wenn der 83-jährige Eberswalder dann von Schleifrohrpapier und Rundsieben spricht, merkt man: die Begeisterung für den Beruf ist nicht erloschen. Der Diplom-Ingenieur für Zellstoff und Papierindustrie hat seit 1958 in der Papierfabrik Wolfswinkel in Eberswalde gearbeitet. Bis Ende 1991 Schluss war. "Die Fabrik war funktionstüchtig, es war alles intakt", sagt Jürgen Engert. Es sind schmerzliche Erinnerungen an den plötzlichen Jobverlust. "Ich wollte hier nie wieder rein, aber die Künstlerinnen haben mich gebeten."

Und so hat der hagere Mann den Endmoräne-Frauen geholfen, ein Bild von der Fabrik zu entwickeln, wie sie einst zu ihren goldenen Zeiten ausgesehen hat. Auch zur Eröffnung am Sonnabend ist Jürgen Engert gekommen, lauscht den vielen lobenden und euphorischen Worten der Redner in der großen Halle, die Reiner Walleser, Kultur-Abteilungsleiter im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur, stellvertretend für Schirmherrin Martina Münch, und andere für die Sommerwerkstatt finden. Auch Eberswaldes Bürgermeister Friedhelm Boginski gehört zu den Gästen.

Vereinsvorsitzende Dorothea Neumann berichtet in der meterhohen Halle, an deren Wände der Putz abplatzt und es ungemütlich nasskalt von der Decke tropft, von den mühseligen Vorbereitungen des Projekts "Weiße Schatten". "Es ist das 26. Mal Endmoräne und es war noch nie so kräftezehrend", sagt sie. Die Genehmigung für das Industriedenkmal zu erhalten, sei besonders schwierig gewesen. "Wir mussten hohe Auflagen erfüllen, obwohl wir doch nur Kunst machen wollten", so Dorothea Neumann. Ein Bauantrag war nötig. Dort, wo noch Fenster in den großen Fabrikfenstern sind, mussten sie herausgeschlagen werden, damit niemand von herabfallendem Glas getroffen wird. Gitter halten den Betrachter auf Abstand zu den einzelnen Installationen.

Die Künstlerinnen leben von der Bewegung, macht Dorothée Bauerle-Willert in ihrer wortgewandten Rede einen Deutungsvorschlag. Sie schreibt seit Jahren die Broschürentexte. Der Titel "Weiße Schatten" findet sich in Anlehnung an die Fabrik zumeist in der Arbeit mit Papier umgesetzt. "Die Papiermacherei wurde oft auch weiße Kunst genannt", so Dorothée Bauerle-Willert. Um die einzelnen Werke als Einheit mit dem riesigen Fabrikgelände erfahrbar zu machen, haben die 19 Künstlerinnen Pfade entwickelt, mit Weg 1 und Weg 2 gekennzeichnet. Gezwungenermaßen musste an vielen Stellen auch das eindringende Wasser integriert werden. Wie bei der Installation der Eberswalder Künstlerin Ina Abuschenko-Matwejewa, die als eine von drei Gastkünstlerinnen dabei ist. Der Raum, in dem sie Metallregale und mit Papier gefüllte Einweggläser drapiert hat, steht knöchelhoch unter rostbraunem Wasser. Hin und wieder treiben auch ganz gezielt Papierschnipsel wie Entengrütze auf Pfützen. An vielen Stellen wellt sich Toilettenpapier und Styropor unter der Nässe.

Viele Arbeiten heben sich durch das weiße Ausgangsmaterial von Beton und Wasserflecken ab. Wenig weiter muss die Kunst erst gesucht werden. Meist überlagern die imposanten Räume das eigentliche Werk. Die Fabrik selbst ist über die Jahre zu einem Kunstwerk geworden. Graffitti-Künstler haben sich hier genauso verewigt wie Zeit und Natur.

Wie lange die noch freie Hand haben, wird sich zeigen. Harpo Marwinski gehören 4000 Quadratmeter Halle sowie weitere 40 000 Quadratmeter Garten auf dem Gelände. Dort, wo an den nächsten beiden Wochenenden je von 13 bis 18 Uhr noch die Arbeiten von Kerstin Baudis und ihren Kolleginnen stehen, will er einmal wohnen. Für andere Teile sucht er Investoren, um Loft-Wohnungen zu errichten. Wieder andere Teile will er kulturellen Projekten zur Verfügung stellen, sagt er. Der 40-jährige Unternehmer hofft zukünftig auf positives Feedback für die Fabrik. Es scheint, als ist die alte Industriestätte nun aus einem 25-jährigen Schlaf erwacht. Die Endmoräne-Frauen haben sie dabei lediglich geweckt.

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